Stalin-Konterfei auf einem Bus in St. Petersburg

Der „Mythos Russland“ zwingt Moskau in die Isolation

Wiktor Jerofejew über den „Mythos Russland“

Wiktor Jerofejew

Wiktor Jerofejew (Bild: Anton Nossik/M5)

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte Moskau auch nicht ansatzweise seinen einstigen Einfluss in Europa zurückerlangen. Russland ist besessen von seinem eigenen Mythos, der imperiale Ansprüche erhebt, das Land zugleich aber daran hindert, durch außenpolitische Bündnisse Einfluss auszuüben. In einem kürzlich bei Welt Online erschienenen Essay beschreibt der russische Schriftsteller Wiktor Jerofejew diesen Mythos. Er stütze sich auf ein „Gefühl des Stolzes auf das riesige Land, in dem ein imperiales Bewusstsein herrscht“, einen „sakralen Charakter“ der obersten Staatsmacht und die „Idee der freiwilligen Unterordnung des Menschen unter die staatlichen Interessen“. Zu den Auswirkungen auf die russische Außenpolitik heißt es: „Mit einer erschütternden Naivität missachtet der Russland-Mythos die Interessen seiner Nachbarn, die er instinktiv als seine Vasallen auffasst.“

Der heilige Iwan

Iwan der Schreckliche mit Heiligenschein

Iwan IV. "der Schreckliche" mit Heiligenschein, Darstellung im Facettenpalast des Kreml

Die Priorität des Ganzen vor dem Individuum und dessen Wohlergehen spiegelt sich eindrücklich im Geschichtsbild wider, das von vielen Russen vertreten wird. In der Logik des Mythos sind jene Helden, die die Einheit des Moskauer Reiches gewahrt und es vergrößert haben. Man muss sich also nicht wundern, dass, wie Jerofejew andeutet, Zar Iwan IV. (1530-1585) als Begründer des russischen Zarentums und für seine Erfolge im Kampf gegen die Tataren sowie für den Beginn der Kolonisierung Sibiriens verehrt wird. Nationalistische Kreise innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche forderten gar in den 1990er Jahren Iwans Aufnahme in den Kanon der Heiligen, was von der Kirchenführung mit Hinweis auf die repressive Innenpolitik Iwans abgelehnt wurde. Nicht ohne Grund wurde der Zar auch „der Schreckliche“ genannt. Zu seinen Opfern gehörten auch zahlreiche orthodoxe Geistliche. Den Gegenpol zu Iwan bildet jener Monarch, dessen Herrschaft sich durch die Aufhebung der Leibeigenschaft positiv auf das Schicksal seiner Untertanen ausgewirkt hat: Alexander II. (Regentschaft 1855-1881). Seine Taten, die ihm einst den Beinamen „der Befreier“ einbrachten, sind in Russland heute nahezu vergessen.

Stalin – Europas Retter

Stalin-Konterfei auf einem Bus in St. Petersburg

Stalin-Konterfei auf einem Bus in St. Petersburg, Mai 2010 (Bild: Viktor Loginov)

In ganz ähnlicher Weise werden neben den Zaren heute auch die Herrscher des Sowjetreiches beurteilt. Josef Stalin, in westlichen Ländern oft wenig positiver als Adolf Hitler bewertet, erfreut sich heute wieder wachsender Popularität – gut zwanzig Jahre nachdem erstmals offen über seine Verbrechen gesprochen werden konnte. Vor allem im Zusammenhang mit dem Sieg über Hitlers Drittes Reich und folglich im Rahmen der entsprechenden Jubiläumsfeierlichkeiten taucht Stalins Konterfei neuerdings wieder in ikonographischer Manier im öffentlichen Raum auf. Zum 65-jährigen Jahrestag des Sieges im Mai 2010 plante etwa der damals noch amtierende Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow, das Straßenbild der russischen Hauptstadt großzügig mit Stalin-Plakaten auszustatten. Das Vorhaben wurde schließlich fallengelassen – einzig aus Rücksichtnahme auf die ausländischen Gäste der Feierlichkeiten, wie Journalisten mutmaßten.

Popstars des Westens: Obama und Gorbatschow mit Joe Biden, 20. März 2009 (Bild: The Official White House Photostream / Pete Souza)

Popstars des Westens: Obama und Gorbatschow mit Joe Biden, 20. März 2009 (Bild: The Official White House Photostream / Pete Souza)

Der einzige Moskauer Herrscher, der in der westlichen Welt eine uneingeschränkt positive Etikettierung erfahren hat, ist nicht etwa einer der Präsidenten des neuen, mehr oder weniger reformierten Russland, sondern der letzte Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow. Dessen Verdienste um die Freiheiten des einzelnen Bürgers und letztendlich die einstweilige Beendigung der 70 Jahre andauernden Diktatur erfahren im heutigen Russland wenig bis gar keine Beachtung. Viele Russen machen Gorbatschow für das wirtschaftliche Chaos in den 1990er Jahren verantwortlich und damit für ihren ganz eigenen, individuellen wirtschaftlichen Abstieg. In der Logik des imperialen Mythos jedoch hat sich Gorbatschow am großen Ganzen vergangen: Seine Politik führte zum Niedergang der Moskauer Hegemonie über Osteuropa und schließlich gar zum Zerfall des eigenen Landes. In der Welt war Russland nicht mehr geachtet – oder wie bestimmte Kreise in Russland lieber sagen – gefürchtet.

Heilsbringer Putin – das neue Zentrum

Im Zentrum der Macht: Wladimir Putin

Im Zentrum der Macht: Wladimir Putin (Bild: Presidential Press and Information Office)

Nach den chaotischen Jahren unter der Präsidentschaft Boris Jelzins, die dem Wort „Demokratie“ in Russland eine negative Konnotation einbrachten, erschien ein Retter auf der Bildfläche: Wladimir Putin. Die wirtschaftliche Erholung des Landes, im Wesentlichen eine Folge des rasant steigenden Ölpreises, wurde ihm als Verdienst angerechnet. Wichtiger im Sinne des imperialen Mythos  jedoch war die Beseitigung des innenpolitischen Chaos, d. h. der Demokratie und damit die Herstellung eines Staatsaufbaus, der an den Zentralismus des Sowjetsystems wie des Zarismus anknüpft. Außenpolitisch machte sich Putin durch sein forsches Auftreten, mit dem er sich von dem als zu kumpelhaft empfundenen Boris Jelzin absetzte, einen Namen. Moskau wurde nun wieder gefürchtet und nutzte seine Funktion als Rohstofflieferant und Absatzmarkt geschickt, um bei Bedarf durch Gaslieferstopps und Handelsboykotts Druck auf bestimmte Nachbarn auszuüben.

Auch in der Bewertung historischer Ereignisse und dem Umgang mit der russischen Geschichte sprach und spricht Putin ganz im Sinne des imperialen Mythos. So bewertet er den Zusammenbruch der Sowjetunion nicht aus der Sicht des Individuums, für das das Ende der Sowjetdiktatur zunächst einmal einen Zugewinn persönlicher Freiheiten (wenn auch – wie in allen Transformationsstaaten – mehr oder weniger teuer erkauft durch vorübergehende ökonomische Unsicherheit) bedeutete. Nein, ganz im Sinne des Mythos Russland, für den die Einheit des Ganzen entscheidend und dessen innerer Zustand belanglos ist, hält Putin den Zusammenbruch der UdSSR für eine „nationale Tragödie riesigen Ausmaßes“. Anstatt sich mit den  Tatsachen zu befassen und die Schicksale der Einzelnen zu studieren, die oftmals die Schattenseiten des russischen Zentralismus offenbaren, sollen auch die künftigen Generationen sich des Mythos erfreuen. In diesem Sinne, sagt Putin, müssen Schulbücher vor allem „zum Stolz auf die Geschichte, auf das Land erziehen“ – kein leichtes Unterfangen angesichts der russischen Geschichte. Da ist es nicht verwunderlich, wenn versucht wird, die unangenehmen Seiten in ein besseres Licht zu rücken oder unter den Tisch fallen zu lassen. Josef Stalin – so ein neues Geschichtsbuch – sei einer der „fähigsten Führer der Sowjetunion“ gewesen.

Die Inkompatibilität des Mythos

Russland im Kreise seiner Nachbarn

Russland im Kreise seiner Nachbarn

Der Mythos hat etwas Paradoxes an sich: er ist irreal – das liegt in der Natur der Sache – in der realen Politik verhindert er jedoch selbst seine eigene Verwirklichung. Dem Mythos nach soll Russland groß und mächtig sein. Zur Verwirklichung dieses Anspruches kennt er jedoch nur einen Modus in den Beziehungen zu seinen Nachbarn: sie müssen sich unterwerfen. Das liegt in der Natur des imperialen Mythos, der ja den auf Moskau ausgerichteten Zentralismus beinhaltet – er kann nicht anders. Wer sich gegen das Zentrum stellt, wird bestraft, man dreht den Gashahn zu oder verhängt Handelssanktionen. Was bis 1990 funktioniert haben mag, geht im Europa des 21. Jahrhunderts jedoch nicht mehr. Der Mythos Russland ist gewissermaßen inkompatibel mit den Mythen anderer Nationen – er zwingt das Land in die Isolation. Die Geschichtsbilder der Staaten Nordamerikas und des heute bis an die polnische Ostgrenze reichenden westlichen Europa gleichen sich. Sie handeln allgemein von Freiheit und Selbstverwirklichung bzw. der Befreiung des Individuums und in Europa im Besonderen von der Überwindung von Diktaturen und der Befreiung aus fremder Herrschaft. Diese Kompatibilität ermöglicht es, enge und dauerhafte Bündnisse zu schließen wie die Europäische Union oder auch die NATO, um so gemeinsame Interessen zu vertreten.

Loses Autokratenbündnis: Putin mit GUS-Amtskollegen in Sotschi, August 2001 (Bild: www.kremlin.ru)

Lahmes Autokratenbündnis: Putin mit GUS-Amtskollegen in Sotschi, August 2001 (Bild: www.kremlin.ru)

Im Übrigen wäre Deutschland heute in einer ähnlich isolierten Position wie Russland, wenn es seine Niederlage im Zweiten Weltkrieg und den Verlust an Staatsgebiet und außenpolitischer Macht als „nationale Tragödie“ und nicht – wie heute doch allgemein akzeptiert – als Befreiung von einem mörderischen und verbrecherischen System betrachten würde. Wie aber sollen die zu Beginn des Krieges von Moskau unterworfenen Esten, Letten, Litauer und Polen über das diplomatische Minimum hinausgehende Beziehungen zu Russland unterhalten, wenn dieses ihren damaligen Peiniger zum „fähigen Führer“ adelt? Diese ganz natürlichen Abstoßungskräfte finden sich nicht nur in den jüngeren Mitgliedsstaaten der EU, sondern auch innerhalb der von Moskau geführten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. So gibt es etwa in Weißrussland, der Ukraine und Moldawien inzwischen starke Kräfte, deren nationales Bewusstsein  einer Rückkehr in ein Bündnis mit Russland widerstrebt. Einzelne gemeinsame Interessen der Führungseliten, wie etwa die Abneigung gegenüber der westlichen Kritik an den innenpolitischen Zuständen, bilden die brüchige Grundlage für schwache Bündnisse zwischen Russland und anderen wenig demokratischen Staaten der Region. Wie kurzlebig diese indes sein können, zeigte sich etwa im kläglichen Scheitern der russisch-weißrussischen Union.

Mythos vs. Modernisierung

Blumen vor dem Haus der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja, Oktober 2006

Blumen vor dem Haus der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja, Oktober 2006

Moskau bedauert den Verlust seines einstigen Einflusses in der Welt – will es jedoch mehr Einfluss geltend machen, so muss es sich für die Modernisierung entscheiden, anstatt den imperialen Mythos, den dezidierte Gegner wohl einfach als Nationalismus oder Chauvinismus bezeichnen würden, weiter zu träumen. Jedoch hat dieser auch innenpolitisch schon großen Schaden angerichtet. Wer ständig suggeriert, dass der Erhalt des Ganzen Vorrang vor dem Schicksal des Einzelnen habe, der beschwört geradezu herauf, dass sich mancher berufen fühlt, vermeintliche Feinde des großen Ganzen im Innern auszumerzen. Doch auch in der ganz realen Politik hat Moskau den Morden an regierungskritischen Journalisten und den Hetzjagden russischer Rechtsextremisten auf alles Fremde faktisch nichts entgegengesetzt.

Antifaschistische Satire: "Löchriges Russland: Russland den Russen?" (Russlandkarte ohne die Republiken der nationalen Minderheiten in den Farben der Nationalisten, Bild: Osipov Georgy Nokka)

Antifaschistische Satire: "Löchriges Russland: Russland den Russen?" (Russlandkarte ohne die Republiken der nationalen Minderheiten in den Farben der Nationalisten, Bild: Osipov Georgy Nokka)

Dabei ist offensichtlich, dass der russische Vielvölkerstaat große Angriffsflächen für den Spaltpilz des Nationalismus bietet. Während in anderen Gebieten Russlands von ethnischen Spannungen so gut wie nichts zu hören ist, erscheint der Nordkaukasus hier als neuralgischer Punkt. Seit Jahren überlässt Moskau die dortige Bevölkerung der Willkürherrschaft korrupter Regionalfürsten, Sicherheitskräfte entführen, foltern und morden unter dem Etikett der „Bekämpfung des Terrorismus“. Zustände, die die Zentralregierung einigermaßen kalt lassen – solange nur die Einheit des Landes, die Unversehrtheit des Mythos, gewahrt bleibt. Vorangegangen sind die ungezählten Verbrechen, die während der beiden Tschetschenienkriege an der Bevölkerung begangen wurden, und an deren Aufarbeitung man sich ähnlich desinteressiert zeigt, wie an der Aufarbeitung des Stalinterrors. Währenddessen machen brutale Nazibanden in Moskau Jagd auf Kaukasier. Wie angesichts dieser Gegebenheiten der Nordkaukasus irgendwann einmal wieder ein ganz normaler Teil Russlands werden soll, bleibt ein Rätsel. Das Beispiel Serbiens hat gezeigt, wie blinde Hingabe an nationale Mythen ein Land isolieren und, gepaart mit dem Widerstand gegen notwendige Reformen, die Desintegration eines multiethnischen Staates vorantreiben kann.

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