Angst vor den eigenen Idealen – der Westen und der arabische Bürgeraufstand

Angst vor der Freiheit der anderen

Hosni Mubarak stürzt über die Medien der Internetgeneration (Karikatur von Carlos Latuff)

Hosni Mubarak stürzt über die Mittel bzw. Medien der Internetgeneration (Karikatur von Carlos Latuff)

Die als „Rosen-, Tulpen-, Twitterrevolution“ oder „Orangene Revolution“ bezeichneten Umstürze wie sie in Georgien, der Ukraine, Kirgistan und Moldawien stattgefunden haben, ebenso wie die tunesische „Jasminrevolution“ und die jüngsten Ereignisse in Ägypten sind ohne Zweifel Erscheinungen, die untrennbar mit dem Internetzeitalter verbunden sind und an die man sich wird gewöhnen müssen. Im Fall Tunesiens und Ägyptens steht der Westen den Entwicklungen derzeit eher ratlos gegenüber und weniger aktiv an der Seite der protestierenden Bevölkerung, als man es sich wünschen würde. Dies gilt vor allem für die jüngsten Ereignisse in Ägypten. Die Angst vor einem Erstarken des Islamismus, die hier durchaus berechtigt ist, und nicht zuletzt um die sicherheitspolitische Situation Israels ist groß. Wenn die Massen, die sich gerade gegen das Mubarak-Regime erheben, über die Politik ihres Landes gegenüber dem östlichen Nachbarn entscheiden könnten, wie viel würde von der bisherigen israelfreundlichen Politik Kairos übrigbleiben? In Teheran jubelt man bereits über den möglicherweise bevorstehenden Fall des Regimes.

Das Zaudern im Nahostkonflikt trennt den Westen von den arabischen Nationen

Israelische Sperrmauer auf palästinenischem Boden - Symbol der empfundenen Demütigung (Quelle: Zero0000)

Israelische Sperrmauer auf palästinenischem Boden - Symbol der empfundenen Demütigung (Quelle: Zero0000)

Der Westen ist selbst Schuld. Seine eigenen Versäumnisse sind es, die dazu beigetragen haben, dass er jetzt zittern muss. Vor allem die USA haben es in der Vergangenheit stets vermieden, die Abhängigkeit Israels zu nutzen, um endlich eine (gerechte) Lösung des Nahostkonflikts zu erzwingen. Die erniedrigende Lage der Palästinenser und die Wahrnehmung des Westens als (in diesem Sinne) „Komplizen“ Israels sind ein Faktor, der in entscheidendem Maße fanatischen, antiwestlichen Strömungen in den islamisch geprägten Staaten Auftrieb verleiht. Als vermeintlich kleineres Übel erfahren und erfuhren Despoten wie Mubarak und in der Vergangenheit auch Tunesiens Ben Ali daher Unterstützung aus Washington, Paris etc. – eine falsche Politik, die sich jetzt rächt, denn neben der Untätigkeit im Nahostkonflikt ist die Subventionierung autoritärer Herrscher der zweite Keil, den der Westen selbst zwischen sich und die arabischen Völker treibt. Die Aussicht freier Wahlen am Nil könnte daher im „land of the free“ und in der Staatenunion, die sich den „europäischen Werten“ verschrieben hat, derzeit nur auf verhaltene Freude stoßen. Weit entspannter könnte man den kommenden Ereignissen entgehensehen, wenn man von vornherein zu seinen Idealen und Prinzipien gestanden hätte. Das oft vorgebrachte Argument, Demokratie sei kein universelles, über alle Kulturen hinweg anwendbares Verfahren, ist zwar ungemein praktisch, hat jedoch einen üblen Beigeschmack. Denn wer es für selbstverständlich hält, dass er und seinesgleichen über bestimmte bürgerliche und politische Rechte verfügt, zugleich aber davon ausgeht, dass Angehörige anderer Kulturkreise ohne weiteres auf diese Rechte verzichten könnten, muss man so jemanden nicht eigentlich als Rassisten bezeichnen?

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