Noch ein falscher Demetrius: Kandidaten-Dummy aus Sibirien soll Putins Rückkehr ins Präsidentenamt absichern

Crash Test Dummies... - Dmitri Medwedew und Dmitri Mesenzew

Pseudodemetrius I. und II. - Dmitri Medwedew und Dmitri Mesenzew (Quelle: www.kremlin.ru)

In seiner Region nicht besonders beliebt und darüber hinaus auch nicht sonderlich bekannt – so beschreiben russische Medien den Gouverneur von Irkutsk, Dmitri Mesenzew. Ursprünglich stammt er aus St. Petersburg und hat – wie Wladimir Putin – seine politische Karriere einst in der dortigen Stadtverwaltung begonnen. Er gilt als Freund des ehemaligen Präsidenten und heutigen Regierungschefs – abgesehen davon, dass es im heutigen Russland ohnehin niemand ins Gouverneursamt schafft, ohne vom Kreml dorthin befördert zu werden. Eben dieser Dmitri Mesenzew macht sich nun auf, seinem ehemaligen Kollegen aus Petersburger Tagen Konkurrenz im Kampf um das Präsidentenamt zu machen. Das kommt Ihnen spanisch vor? Zumindest überrascht davon, dass er als Kandidat vorgeschlagen wurde, zeigte sich auch Mesenzew selbst. Zum Kandidaten gekürt wurde der ehemalige Eisenbahner auf Initiative der Gewerkschaft der Ostsibirischen Sektion der Russischen Bahn. Wer sich in Russland ein bisschen auskennt, weiß, dass die Staatsbahn unter ihrem Präsidenten und Putin-Buddy Wladimir Jakowlew fester Bestandteil im Räderwerk des Regimes ist.
Einem politischen Freund, der es ohnehin schon schwerer zu haben scheint als je zuvor, zusätzlich noch Steine in den Weg zu legen, wie es Mesenzew vermeintlich durch seine Präsidentschaftskandidatur tut, erscheint als äußerst seltsames Vorhaben. In Russland hat man für die Ambitionen des Irkutsker Gouverneurs eine einleuchtende Erklärung, die Mesenzews Tun wieder in den Geltungsbereich menschlicher Logik rückt. Demnach fürchtet sich das Regime davor, die gegen Putin antretenden Präsidentschaftskandidaten könnten sich angesichts der Querelen um die offenbar manipulierte Parlamentswahl auf einen Boykott verständigen. Mit nur einem Kandidaten könnte aber die Wahl des Staatsoberhauptes nicht stattfinden. Es wird also mindestens ein Gegenkandidat benötigt, auf dessen Teilnahme man sich hundertprozentig verlassen kann. Dass die Mächtigen in Moskau selbst den verhältnismäßig zahmen Oppositionsparteien im Kreml misstrauen und einen Wahlboykott durch diese für möglich halten, lässt auf eine gehörige Portion Nervosität im Kreml schließen.
Die Registrierung als Kandidat für das höchste Staatsamt erfolgt indes erst nach Einreichen von 2.000.000 Unterstützerunterschriften. Eine recht hohe Hürde. Dass es das Regime potentiellen Gegenkandidaten so schwer macht, scheint ihm hier selbst auf die Füße zu fallen. Um für Mesenzew die nötigen Unterstützerunterschriften zusammenzubekommen, wurde teilweise die Unternehmenshierarchie der Bahn genutzt. So tauchte etwa ein Schreiben auf, in dem die Jekaterinburger Sektion der Staatsbahn ihre Mitarbeiter zum Unterschriften sammeln aufforderte. Am 16. Januar wurde in den Räumen der Moskauer Universität für Verkehrswesen(!) eine Veranstaltung gesprengt, die offenbar dem Fälschen von Unterschriften zugunsten der Präsidentschaftsbewerbung Mesenzews diente. Einige Journalisten und ein Duma-Abgeordneter der Oppositionspartei „Gerechtes Russland“ verschafften sich Zutritt zu dem Hörsaal, in dem sich die „Unterschriftensammler“ angesichts ihrer drohenden Entlarvung zu verbarrikadieren versuchten:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=f42Dzf9xJns#t=2m38s]
Nichtsdestotrotz reichte Mesenzews Stab inzwischen 2.067.000 Unterstützerunterschriften bei der Wahlkommission ein. Die Manipulationsvorwürfe gegen ihn werden jedoch geprüft. Einige Experten halten es übrigens für nahezu ausgeschlossen, dass ein Kandidat, der nicht über außergewöhnliche Ressourcen verfügt, die geforderte Zahl an Unterstützern auf ehrlichem Wege nachweisen kann. Schließlich gilt es, die 2 Millionen Unterschriften innerhalb einer begrenzten Frist von etwa 1½ Monaten aufzubringen. Um das zu schaffen, müsste eine ganze Armada von mehreren Zehntausend Sammlern losgeschickt werden. Beim Fälschen ertappt wurde jedoch bislang nur Putins „Sparringspartner“ Mesenzew.

Der falsche Demetrius

Der falsche Demetrius

Das Bild des Strohmanns, der Staatsämter einnimmt und dabei in Wirklichkeit nur eine Marionette fremder Interessen ist, gibt es in Russland nicht erst seit dem Einzug Dmitri Medwedews in den Kreml. Anfang des 17. Jahrhunderts, in der „Zeit der Wirren“ bestieg der „falsche Demetrius“ oder „Dmitri II.“ den Zarenthron. Er gab vor, ein Sohn Iwan des Schrecklichen zu sein, soll aber in Wirklichkeit nur ein einfacher Mönch gewesen sein, der den Interessen der zu dieser Zeit recht mächtigen polnisch-litauischen Monarchie verpflichtet war. Im Mosaikfresko der Intrigen russischer Machtpolitik ist Dmitri Mesenzew nur ein winzig kleines Steinchen.

Flattr this!