Putins unheilvolle Tränen

Putins unheilvolle Tränen

Beim Auftritt vor seinen Anhängern rollten dem siegreichen Präsidentschaftskandidaten Wladimir Putin Tränen über die Wangen. “Moskau glaubt den Tränen nicht” so lautete in Anspielung auf einen sowjetischen Filmklassiker der 1980er Jahre dann das Motto, unter dem sich am Abend nach der Wahl Tausende zusammenfanden, um gegen die mutmaßlichen Fälschungen und die offensichtlich unfairen Bedingungen zu protestieren, unter denen die Präsidentschaftswahlen stattgefunden hatten. Man kann in der Tat nur hoffen, dass es keine echten Tränen waren, die der “nationale Leader” Putin hier vergossen hat. Man kann nur hoffen, dass es wirklich der Wind war, der ihm die Tränen in die Augen getrieben hat. So hatte er selbst, der stets bemüht ist, sich als “Mushik”, als ganzer Kerl zu zeigen, seine feuchten Wangen erklärt. Wenn hier echte Tränen der Rührung geflossen wären, so hieße dies doch, dass wir es nicht (nur) mit einem kühl berechnenden  Machtpolitiker, sondern (auch) mit jemandem, dem der Sinn für die Realität längst abhanden gekommen ist, zu tun hätten. Schlimmer wäre in diesem Fall dann noch, dass diese sentimentale Gefühlsregung am Abend des Triumphs nicht etwa mit einem versöhnlichen Aufruf zur Einigkeit über alle in den letzten Monaten entstandenen Gräben hinweg gepaart wurde. Nein, sie ging einher mit einer kämpferischen Rede, in der die Oppositionellen in althergebrachter Manier als Agenten des Auslands diffamiert wurden.  Über die unversöhnliche Haltung Putins sollte auch sein Gesprächsangebot an den Oppositionskandidaten Michail Prochorow niemanden hinwegtäuschen. Prochorow gilt vielen ohnehin als heimlicher Mann des Regimes. Hier scheint vielmehr jemand vom Gedanken besessen zu sein, gleichsam in heiliger Mission für das Vaterland unterwegs zu sein. Dass für Freudentränen ganz und gar kein Anlass besteht, zeigte sich bereits am Tag nach der Wahl, als die russische Polizei ohne Umschweife zu der Härte zurückkehrte, mit der sie vor dem Anschwellen der Proteste im vergangenen Jahr stets gegen jede Opposition vorgegangen war. Russland stehen turbulente Zeiten bevor. Wie es aussieht, wird die unumgängliche Modernisierung nicht im Konsens, sondern im Konflikt vonstatten gehen. Verantwortlich dafür ist Putin, der alle Gelegenheiten zu einem Kurswechsel ungenutzt vorüberziehen lassen hat. Und nicht nur für Russland, sondern auch für seinen neuen alten Präsidenten selbst gibt es keinen Grund in Freudentränen auszubrechen. Hätte er auf eine erneute Kandidatur verzichtet, wäre ihm ein geachteter Platz in den Geschichtsbüchern wohl sicher gewesen. Stattdessen reiht er sich ein in die erschreckende Kontinuität von russischen Staatsführern, die als Hoffnungsträger begannen und als Enttäuschungen endeten. Dabei wäre das noch ein gnädiges Schicksal. Wenn Putin seinen bisherigen Kurs beibehält, könnte es sein, dass man ihn irgendwann mit Schimpf und Schande davonjagt und womöglich noch für seine Amtsführung zur Rechenschaft zieht. Das wäre dann das ganz profane Schicksal eines Autokraten, der nicht das Glück hatte, im Amt zu sterben. Freudentränen in Anbetracht eines solchen Pyrrhussieges deuteten jedenfalls nicht auf die für eine Richtungsänderung notwendige Einsicht hin.

Artikelbild: Bogomolov.PL

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