Jetzt erst recht? – Spannung vor der heutigen Oppositionskundgebung in Moskau

Demonstranten und Sicherheitskräfte in Moskau am 6. Mai 2012Einen Tag vor der geplanten Großkundgebung der russischen Opposition sind am Montag die Wohnungen mehrerer prominenter Oppositioneller von der Polizei durchsucht worden. Offiziell ging es dabei um den Vorwurf der Anstiftung zu Unruhen. Bei einer Demonstration am 6. Mai war es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Protestlern gekommen. Indes zweifelt in Moskau niemand daran, dass die Durchsuchungen vielmehr im Zusammenhang mit der für morgen geplanten Großkundgebung „Marsch der Millionen“ steht. Dass die Gegner des Putin-Regimes, die gestern Besuch von den staatlichen Organen bekamen, ausgerechnet für heute, den Tag der Demonstration, vorgeladen wurden, scheint ein eindeutiger Hinweis auf die Absichten der Staatsmacht. Offenbar, sollen die Protagonisten der Bewegung von der Kundgebung ferngehalten werden.

„Verdächtiger“ Bargeldfund bei Xenija Sobtschak
Xenija SobtschakSeltsam ist außerdem, dass auch bei Fernsehmoderatorin Xenija Sobtschak eine Hausdurchsuchung stattfand. Pikanterweise handelt es sich um die Tochter des verstorbenen ehemaligen Bürgermeisters von St. Petersburg, Anatoli Sobtschak. Dieser gilt als Mentor Wladimir Putins, der einst in Sobtschaks Stab tätig gewesen war. Xenija Sobtschak hatte an der fraglichen Demo am 6. Mai gar nicht teilgenommen, was die Durchsuchungen einmal mehr als verdächtig erscheinen lässt. In ihrer Wohnung fanden die Fahnder Euro- und Dollarscheine im Wert von insgesamt 1 Million Euro verteilt auf mehr als 100 Kuverts. Die Moderatorin widersprach dem nicht, sondern gab lediglich per Twitter zu bedenken: „Mein Jahreseinkommen liegt bei über 2 Millionen. Habe ich nicht das Recht, Geld zu Hause aufzubewahren, wenn ich den Banken nicht vertraue?“ Seine Ersparnisse aus Misstrauen in die eigene Währung und die russischen Banken lieber in ausländischem Bargeld daheim zu horten, ist in Russland spätestens seit den traumatischen Erlebnissen der 1990er Jahre kein ungewöhnliches Verhalten. Für die Ermittler dagegen bietet der Fund sicher eine Gelegenheit Sobtschak und die Opposition in ein schlechtes Licht zu rücken. Nicht unerwartet kam daher die Beschlagnahme des Geldes und die Ankündigung, man werde untersuchen, woher das Geld stammt und für welchen Zweck es bestimmt war. Leicht ließe sich daraus der Vorwurf stricken, die Opposition werde von ausländischen Mächten unterstützt. Wer Putins Ansichten etwa zur sogenannten Orangenen Revolution in der Ukraine kennt, der weiß, dass der russische Präsident von der Idee besessen ist, dass die Umstürze in einigen ehemaligen Sowjetrepubliken und neuerdings auch in den arabischen Ländern, in erster Linie auf Interventionen der CIA und anderer ausländischer Kräfte zurückzuführen seien.

Zahl der Demonstrationsteilnehmer entscheidend
Der für heute angesetzte „Marsch der Millionen“ gewinnt durch die jüngsten Ereignisse immens an Bedeutung. Die Verschärfung des Versammlungsgesetzes ebenso wie die gestrigen Hausdurchsuchungen warten nun auf eine Antwort. Gelingt es dem Staat, seine Bürger einzuschüchtern und die Proteste auf diese Weise zurückzudrängen oder hat er durch sein Handeln im Gegenteil noch mehr Menschen gegen sich aufgebracht? Die Zahl der Demonstranten wird entscheiden, wie die Antwort ausfällt.

Quellen: Обыски разозлили оппозиционеров: лидеры призывают ставить рекорды численности и устроить новый „Оккупай“

Bildquellennachweis: Okorok / Wikimedia Commons (Demo), A. Savin / Wikimedia Commons (Sobtschak)

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