Reformstimmung in Nordkorea?

Seidenfabrik in NordkoreaSüdkoreanische Experten sehen Anzeichen für Kurswechsel in Pjöngjangs Wirtschaftspolitik

Nordkoreas Wirtschaftspolitik der letzten zwei Jahrzehnte war bislang von einem Schlingerkurs zwischen vorsichtiger Öffnung und Rückzug in planwirtschaftliche Verfahren gekennzeichnet. Die Juche-Diktatur sieht sich seit Jahren in einem Dilemma. Die Wirtschaft leidet unter der Ineffizienz der alten Strukturen – und zwar so sehr, dass Hunderttausende Nordkoreaner vor allem in den 1990er Jahren den Hungertod sterben mussten. Andererseits fürchtete die Führung in Pjöngjang jegliche Öffnung für Neues wie der Teufel das Weihwasser. Der unerwartete Untergang der realsozialistischen Regime in Osteuropa war für die Nomenklatura in Pjöngjang ein Schock, der sie unempfänglich für jegliche Gedanken an Veränderung machte.

Kim Jong-un als Fürsprecher der Öffnung

Möglicherweise steht das Land nun aber dennoch vor einer Wende in der Wirtschaftspolitik. Immer mehr internationale Experten sehen in dem jungen nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un, der die Macht von seinem verstorbenen Vater Kim Jong-il erbte, einen Fürsprecher wirtschaftlicher Reformen. Die Indizien, die für die Untermauerung dieser These herangezogen werden, erinnern dabei frappierend an die Zeit des Kalten Krieges, als sogenannte „Kreml-Astrologen“ Hochkonjunktur hatten. Denn wie zu Sowjetzeiten ist man auch im Falle des abgeschotteten Nordkorea darauf angewiesen, aus auf den ersten Blick banal erscheinenden Fakten die politische Agenda der Führung in Pjöngjang herauszudeuten.

Maschinenfabrik in NordkoreaIndizien für Kursänderung

Die südkoreanische Website The Daily NK, die täglich Nachrichten über Nordkorea bringt, meldete am Montag, dass sich mit Cheong Seong Chang vom Seouler Sejong Institute ein weiterer Wissenschaftler in die Riege derer einreiht, die in Kim Jeong-un einen Wirtschaftsreformer sehen. Cheong stützt sich dabei unter anderem auf eine Analyse des traditionellen Neujahrs-Leitartikels, der jedes Jahr am 1. Januar in mehreren nordkoreanischen Zeitungen erscheint und in seiner Funktion etwa mit der Neujahrsansprache des deutschen Bundeskanzlers zu vergleichen wäre. Cheongs Analyse ergab, dass in den vergangenen drei Jahren der nordkoreanische Propaganda-Begriff „Armee zuerst“ (koreanisch Songun) hier immer seltener auftauchte. Songun bedeutet dabei den Vorrang der Belange des Militärs und der strategischen Verteidigungsfähigkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen, einschließlich der Wirtschaft. Die Begriffe „Leichtindustrie“ und „Konsumgüter“ kamen laut Cheong dagegen zwischen 2009 und 2011 immer häufiger im Neujahrs-Leitartikel vor. Außerdem habe der LKW-Verkehr zwischen Nordkorea und China merklich zugenommen.

Joint-Ventures mit chinesischen Unternehmen

Weniger banal als solche Beobachtungen klingt da schon die Meldung, dass Kim Jong-un schon 2009 eine Arbeitsgruppe für die Reform- und Öffnungsstrategie ins Leben gerufen haben soll. Gleiches gilt für den Befund, dass seit Kim Jong-ils Tod ganze sechs nordkoreanische Gesetze, die ausländische Investitionen regeln, einer Änderung unterzogen wurden. Die „Demokratische Volksrepublik Korea“ scheint sich so immer mehr vor allem für Investitionen aus der benachbarten Volksrepublik China zu öffnen. Naturgemäß steht dabei vor allem das Grenzland im Norden im Fokus. Zuletzt wurde so etwa gemeldet, dass in einem Joint-Venture mit einem chinesischen Partner eine Perückenfabrik in Hyesan errichtet werden soll. Der Betrieb könnte demnach etwa 2.500 nordkoreanischen Frauen Arbeit bieten. Die Annahme, ausländische Unternehmen würden Schlange stehen, um in dem ostasiatischen Land investieren zu können, ist übrigens ein Trugschluss. Projekte in Nordkorea sind nämlich mit nicht zu unterschätzenden Risiken verbunden. Zwar ist die Arbeitskraft erwartungsgemäß konkurrenzlos günstig, Negativfaktoren sind aber die instabile Stromversorgung, die dürftige Verkehrs-Infrastruktur und die schlechte Ausbildung der Arbeiter.

Maschinenfabrik in NordkoreaPjöngjang fürchtet den Gesichts- und Kontrollverlust

Bemerkenswert an dem geplanten Joint-Venture in Hyesan ist vor allem, dass hier erstmals die chinesische Seite die volle Kontrolle über den Betrieb erhalten soll. Bei vergleichbaren Projekten war das nordkoreanische Regime bislang stets darum bedacht, die Zügel in der Hand zu behalten. Aus gutem Grund, denn mit dem steigenden Einfluss ausländischer Kräfte im eigenen Land steckt auch die Gefahr eines Gesichtsverlusts, dem womöglich irgendwann ein Machtverlust folgen könnte. Denn immer mehr Nordkoreaner erleben so, dass ausländische Unternehmen ihre Angestellten besser versorgen können als der eigene Staat, dessen Propaganda-Maschinerie ihnen jahrzehntelang weismachen wollte, sie lebten in vergleichsweise paradiesischen Zuständen. Längst hat sich im ganzen Land herumgesprochen, wie gut es den Arbeitern im von südkoreanischen Firmen betriebenen Industriekomplex Kaesong geht. Die Einwohner von Hyesan hoffen so, bald ähnliche Vorteile genießen zu können.

Nordkoreas Dilemma

Angesichts der krassen Unterschiede zwischen dem florierenden China und dem darbenden Nordkorea könnte man sich fragen, warum es dem kleinen Staat nicht ebenso leicht fällt, Wirtschaftsreformen und Machterhalt der Eliten miteinander zu verbinden wie dem Riesenreich nebenan. Bei genauerem Hinsehen werden die Unterschiede deutlich. Der nordkoreanische Staat steht vor einem Rechtfertigungsproblem: Welche Existenzberechtigung hätte er noch, wenn er sich auf den Pfad der Marktwirtschaft begäbe, neben einem ebenfalls marktwirtschaftlich strukturierten und überdies der Bevölkerungszahl nach weit größeren und dazu reicheren Südkorea? Der Machterhalt für die Familie Kim taugte dann schwerlich als Begründung für den Fortbestand der koreanischen Teilung. Außerdem muss die nordkoreanische Führung den Volkszorn nach über 60 Jahren harter Diktatur weit mehr fürchten als die chinesische Nomenklatura. Und zwar nicht nur, weil das nordkoreanische Regime seinen Bürgern weit mehr zumutet als der chinesische Staat, sondern auch, weil der Familienclan der Kims geeigneter ist, den Hass der Unterdrückten auf sich zu ziehen als es bei der im Vergleich durchlässigen KP-Hierarchie in China der Fall ist.

Man kann sicher sein, dass Pjöngjang alles dafür tun wird, unerwünschte Auswirkungen möglicher Wirtschaftsreformen auf andere Gesellschaftsbereiche mit allen Mitteln zu unterdrücken. Davon zeigt sich auch Cheong Seong Chang überzeugt. Allemal wird es jedoch spannender zu beobachten, wie sich das Land unter Kim Jong-un weiterentwickeln wird.

Bildquellennachweis: Dprk48 / Wikimedia Commons

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