Der Satan Amerika

Der Satan Amerika

In russischen Medien waren dieser Tage mal wieder bemerkenswerte Exempel eines antiamerikanischen bzw. antiwestlichen Ressentiments zu beobachten, das selbst jene vereint, die doch eigentlich wie Feuer und Wasser sein sollten: Kommunisten und orthodoxe Christen.

KP-Chef Sjuganow mit PionierenKP-Chef Sjuganow an der Seite der Kirche

So hat der Vorsitzende der russischen Kommunisten, Gennadi Sjuganow, gerade eine Presseerklärung verbreiten lassen, in der er sich ausdrücklich mit der russisch-orthodoxen Kirche solidarisiert. Anlass für die Erklärung ist wohl der Fall der Punk-Aktivistengruppe „Pussy Riot“, die der Gotteslästerung beschuldigt wird und dafür in einem russischen Gefängnis einsitzt. So erklärte Sjuganow, die orthodoxe Kirche sei durch „destruktive Kräfte aus dem Inneren Russlands“ bedroht.

Die Gefahr kommt aus dem Westen

In seiner Aufzählung von Mächten, die eine Gefahr für die Orthodoxie darstellten, nannte der Politiker an erster Stelle jedoch den „Westen“. Überhaupt gehe die Zunahme der weltweiten Christenverfolgung auf das Konto der „aggressiven Expansion der NATO mit den USA an der Spitze“. So hätten die „von den USA provozierten“ sogenannten „Farbrevolutionen“ zu einer massiven Auswanderung von Christen aus den betroffenen Ländern geführt. Sjuganow nennt als Beispiele Irak, Libyen, Ägypten und auch Palästina und Nigeria. Ebenso seien in zahlreichen europäischen Ländern wie Italien, Großbritannien und Frankreich, Christen der Verfolgung ausgesetzt: „Gläubigen Christen ist der Weg in viele Berufe praktisch verschlossen oder sehr erschwert.“ Seine Besorgnis über die Lage des Christentums im eigenen Land verbindet Sjuganow sogleich mit einem Lob für Josef Stalin. Dieser habe „auf seine Weise recht gehabt, indem er viel für das Wiederaufleben der Orthodoxie in unserem Land getan hat.“ Nachvollziehbarer sind da schon Sjuganows Thesen zu christlichen Glaubensinhalten. So sei zwischen der Bergpredigt und der kommunistischen Lehre praktisch kein Unterschied auszumachen.

Historikerin Jelena GuskowaRussische Historikerin: Massaker von Srebrenica eine Idee Bill Clintons

Die USA als Protagonisten des Bösen ausgemacht, hat auch die russische Historikerin Jelena Guskowa, die das Institut für Slawische Studien an der Russischen Akademie der Wissenschaften leitet. Beim Auslandssender Stimme Russlands hatte die Staatsbedienstete Guskowa im September vergangenen Jahres Gelegenheit, ihre Thesen zur Krisenregion Balkan in einem Interview darzulegen. Und die haben es in sich. So behauptet Guskowa laut einem jüngsten Bericht des Auslandssenders, es gebe keine Beweise für eine Verantwortung der Serben für das Massaker in Srebrenica. Vielmehr gebe es Hinweise darauf, dass es sich bei dem Verbrechen um eine durchgeplante Operation muslimischer Geheimdienste gehandelt habe. Nach Guskowa hätten einige Bosnier ausgesagt, das Massaker sei ein Deal zwischen dem bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic und dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton gegeben. Wenn ein Stoßtrupp in Srebrenica einmarschiert und 5.000 Muslime niedermetzelt, dann könne es eine Militärintervention geben – so hätte Clinton demnach argumentiert.

Pflege antiamerikanischer Ressentiments

Die steilen Thesen von Sjuganow und Guskowa passen in die Atmosphäre, die sich der Kreml derzeit bemüht zu schaffen. Dabei werden mit ausländischen Geldern finanzierte NGOs zu „ausländischen Agenten“ gemacht, um den Eindruck zu erwecken all der Aufruhr der vergangenen Monate sei lediglich durch ausländische Interventionen zustandegekommen. Der Schulterschluss zwischen KP-Chef Sjuganow und der Kirche zeigt aber noch etwas anderes: wie wenig es den russischen Kommunisten seit jeher um die reine Lehre ging und wie sehr es ihnen dagegen um die Bewahrung des russischen Großreiches ging. Mit diesem nationalen Pathos stehen sie der orthodoxen Kirche sehr nahe – und das nicht erst seit dem Zusammenbruch der offiziell atheistischen Sowjetunion.

Bildquellennachweis: RIA Novosti / Wikimedia Commons (Sjuganow), Pravoslavie.ru (Guskowa)

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