Tandem mit Sand im Getriebe

Tandem mit Sand im Getriebe

In Russland sorgt ein kritischer Film über Dmitri Medwedew für Aufsehen. Der professionell gemachte Streifen, den Unbekannte bei Youtube veröffentlicht haben, setzt sich kritisch mit dem Verhalten des Ex-Präsidenten während des Kaukasus-Krieges im Jahre 2008 auseinander. Wladimir Putin hält sich bei der Verteidigung seines jetzigen Ministerpräsidenten auffallend zurück, was die Spekulationen in der russischen Öffentlichkeit zusätzlich anheizt: Wer will Medwedew schaden und aus welchem Grund?

Vorwurf: Medwedew reagierte zu langsam

Putin und Medwedew

Putin und Medwedew (Bild: www.kremlin.ru)

Einen kritischen Film über einen Politik kann bei Youtube grundsätzlich jeder einstellen ohne dass die breite Öffentlichkeit Notiz davon nimmt. Im konkreten Fall liegt die Brisanz darin, dass in dem Film „Der verlorene Tag“ (russ. „Потерянный день“)  russische Militärs vor laufender Kamera zu Wort kommen und ihren ehemaligen Oberbefehlshaber Medwedew kritisieren. Russische Truppen waren im August 2008 in Georgien einmarschiert – nach Darstellung Moskaus als Reaktion auf einen Angriff georgischer Truppen auf die abtrünnige Republik Südossetien. Hätte der Präsident im Sommer 2008 schneller reagiert und der Armee früher den Befehl zum Einschreiten gegeben, so hätten zahlreiche Leben gerettet werden können – so lautet der Vorwurf, der Medwedew gemacht wird.

Zauderer Medwedew vs. Macher Putin

Der damalige Ministerpräsident Wladimir Putin hielt sich Anfang August 2008 in Peking auf, wo in diesem Jahr die Olympischen Sommerspiele stattfanden. Als gemeldet wurde, dass georgische Truppen Südossetien und die dort stationierten Friedenstruppen angreift, habe Moskau gezögert – so der Film. Erst nach einem „Tritt“ von Putin habe man reagiert. Und auch in Georgien habe man die Schwäche des amtierenden Präsidenten Medwedew gekannt und den Abtritt Putins als Chance, bei einem Angriff auf ein geschwächtes Russland zu treffen, gesehen.

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Präsident gibt sich in Äußerungen zurückhaltend

Vordergründig stärkte Wladimir Putin dem angegriffenen Medwedew den Rücken, als er von Journalisten nach dem Film gefragt wurde: „Die Entscheidung über den Einsatz der Streitkräfte erfordert große Verantwortung: es wird dann dort geschossen und Menschen werden sterben. Bevor man diese Entscheidung trifft, muss man darüber gründlich nachdenken.“ Auf die Nachfrage jedoch, ob hier vielleicht etwas lange nachgedacht worden sei, antwortete Putin nur lapidar: „Drei Tage“.

Widersprüche in den Darstellungen Putins und Medwedews

Russische Soldaten in Georgien

Russische Soldaten in Georgien, 18. August 2008 (Bild: Bohan Shen_沈伯韩)

Zudem widersprechen sich die aus Anlass der Debatte um den Film gemachten Äußerungen der beiden Staatsmänner. Während Medwedew darauf besteht, die Entscheidung zum militärischen Eingreifen selbständig getroffen und erst später mit Putin gesprochen zu haben, behauptet dieser, er habe sich von Peking aus mit Medwedew über die Situation und die zu ergreifenden Maßnahmen ausgetauscht. Ganz zum Tenor des Films passend, scheint sich Putin als derjenige darstellen zu wollen, der damals letztlich die Fäden in der Hand hielt.

Machtkampf im Gange?

Nicht zuletzt die Äußerungen Putins legen für Analysten in Russland nahe, dass die Auftraggeber des Films eben im Umfeld des jetzigen Präsidenten zu suchen sind. Die offen zur Schau gestellte Entfremdung zwischen Putin und Medwedew zeuge demnach von einem drohenden Bruch im Führungstandem, der schlimmstenfalls eine politische und wirtschaftliche Destabilisierung nach sich ziehen könne. Michail Rostowski, Kommentator der Zeitung „Moskowski Komsomolez“, spricht von einer „wütenden Attacke aus dem Hinterhalt“ auf Medwedew. Allein schon die Tatsache, dass solch offene Kritik am Ministerpräsidenten überhaupt möglich sei, ist nach Aussage der Politikwissenschaftlerin Olga Kryschtanowskaja ein deutliches Zeichen dafür, dass Veränderungen zu Ungunsten Medwedews im Gange seien.

Mögliche Gründe für ein Zerwürfnis

Michail Rostowski sieht die Anfänge des möglichen Zerwürfnisses in der Zeit vor den Präsidentschaftswahlen, die Putin zurück ins höchste Staatsamt brachten. Medwedew habe damals zum letzten Moment gehofft, dass er eine zweite Amtszeit antreten könne. Zu einem Verzicht auf eine erneute Kandidatur habe sich Putins Platzhalter im Kreml nur gegen die Zusicherung eingelassen, nach der Wahl zum Ministerpräsidenten ernannt zu werden. Dieses selbstbewusste Auftreten sei für Putin eine unschöne Überraschung gewesen. In der Presse ist aber auch zu lesen, dass wirtschaftliche Gründe hinter der Attacke stecken könnten. Wenn Medwedews Ansehen geschmälert würde, so hätte dies auch Auswirkungen auf seine Möglichkeiten, die materiellen Ressourcen des russischen Staates zu seinen Gunsten zu nutzen.

Falken vs. Tauben?

Einige sehen den russischen Ministerpräsidenten bereits angezählt. Was würde eine Schwächung Medwedews oder gar seine Entlassung aus dem Amt des Regierungschefs bedeuten? Mancher orakelt bereits, dass die Falken im Kreml den als gemäßigt geltenden Flügel der Macht um Medwedew loswerden wollen. Dies würde eine weitere Stärkung des nach der Präsidentschaftswahl eingeschlagenen Kurses bedeuten, der für eine wenig kompromissbereite Position gegenüber der erstarkten russischen Opposition steht.

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