Nordkorea: Kim Jong-uns riskanter Reformkurs

Nordkorea: Kim Jong-uns riskanter Reformkurs

Nordkoreas neuer Machthaber Kim Jong-un hat sich anscheinend daran gemacht, die ineffektive Staatswirtschaft seines Landes endlich einer grundlegenden Reform zu unterziehen. Was zunächst uneingeschränkt positiv klingt, könnte sich jedoch auch als gefährlich herausstellen, denn Reformen können auch zu Instabilität oder sogar zum Kollaps eines Regimes führen.

Kim Jong-il fürchtete den dringend nötigen Wandel

Realsozialistischer Charme: Pjöngjang 2012

Realsozialistischer Charme: Pjöngjang 2012
(Bild: Joseph A. Ferris III)

Daran, dass Nordkoreas Wirtschaft den Wandel dringend nötig hat, kann kein Zweifel bestehen. Seit Jahren schon überlässt das Regime in Pjöngjang faktisch die Ernährung seiner Bevölkerung dem besorgten Ausland. Sein Atomprogramm dient dabei als erprobtes Druckmittel. Währenddessen ist in der Sprache der staatlichen Propaganda ständig von „Juche“ die Rede, was soviel wie Autarkie bedeutet – ein Witz, über den in Nordkorea wohl kaum jemand zu lachen wagt. Unter Kim Jong-uns Vater Kim Jong-il erschien das Land erstarrt, in langsamem, aber stetigem Siechtum begriffen. Ein Grund für die Erstarrung liegt im Erlebnis des Jahres 1989. Der Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme in Europa – einschließlich des großen Geldgebers Sowjetunion – war für Kim Jong-il und die nordkoreanischen Funktionäre ein Schock. Ein Schock, aus dem sie ihre Lehre zogen: Wer das sozialistische System in seinem Land zu reformieren versucht, der kann schnell und tief fallen. Und in Nordkorea hätte dem Kim-Clan, der an der totalitären Herrschaft Stalinscher Schule festhielt, ein ähnliches Schicksal blühen können wie dem hingerichten Rumänen Nicolae Ceausescu. Unter Kim Jong-il kamen Reformen also nicht in Frage, auch wenn dies Millionen von Nordkoreanern mit dem Hungertod bezahlen mussten – und sich damit die Schuld des Despoten noch vergrößerte.

Der Generationenwechsel als Anstoß

Es brauchte also offensichtlich einen Generationenwechsel, um den Wandel in Angriff nehmen zu können. Dafür, dass sich Kim Jong-un an diesen heranwagt, gibt es wohl mehrere Gründe: 1. Kim Jong-un kann nicht in gleichem Maße für das Unterdrückerregime mit seinem stalinistischen Gulag-System verantwortlich gemacht werden, wie das noch für seinen Vater Kim Jong-il und erst recht seinen Großvater und Staatsgründer Kim Il-sung galt. Die Rache der Geknechteten müsste er im Falle seines Sturzes also weniger fürchten als seine Vorgänger. 2. Kim Jong-un hat anders als sein in der Sowjetunion geborener Vater den realsozialistischen Ostblock ebenso wie dessen Fall nicht bewusst erlebt. Durch seinen Internatsbesuch in der Schweiz mag er im Gegenteil schon durch die Atmosphäre eines westlich-demokratisch organisierten Staates geprägt sein. 3. ist Kim Jong-un noch ein junger Mann. Als nicht mal 30-jähriger und in der inzwischen schon als Tradition zu bezeichnenden Praxis, dass die Kims bis an ihr Lebensende im Amt bleiben, muss er sich noch auf Jahrzehnte an der Spitze des Staates einstellen – und muss entsprechend ein besonderes Interesse daran haben, dessen langfristiges Überleben zu sichern.

China und Vietnam als Vorbilder

Zeichen des Wandels: neuer Vergnügungspark in Pjöngjang

Zeichen des Wandels: neuer Vergnügungspark in Pjöngjang
(Bild: Joseph A. Ferris III)

Die angegangenen Reformen sind für Nordkorea eine Sensation. Die Staatsbetriebe sollen zukünftig 70% ihre Einnahmen selbst verwalten dürfen. Bislang müssen sie – ganz in planwirtschaftlicher Manier – alles an den Staat abgeben, der dann seinerseits die Arbeiter direkt aus seinem Haushalt bezahlt. Anders als bisher wird dann ein direkter Zusammenhang zwischen der Leistung eines Betriebes und den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bestehen – ganz wie in kapitalistischen Ländern. Außerdem – nicht weniger spektakulär – soll die Kollektivierung der Landwirtschaft gelockert und stattdessen mehr auf Familienbetriebe gesetzt werden. Sogar die bisher strenge Zensur der Kunst soll durchlässiger geworden sein. Für den russischen Nordkorea-Experten Andrei Lankow scheint klar, wohin Kim Jong-un und seine Getreuen Nordkorea führen wollen: auf den Weg einer „Diktatur des Wachstums“ pro forma noch unter sozialistischen Vorzeichen – ganz wie es China und Vietnam vorgemacht haben.

Regime-Kollaps durch Reformen?

Eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung wäre sowohl den Nordkoreanern als auch der internationalen Gemeinschaft zu wünschen. Denn der Lebensstandard der Bevölkerung würde schnell steigen und das Regime würde entsprechend weniger Grund haben, auf internationaler Bühne solch martialische Töne anzuschlagen wie heute. Allerdings, so Lankow in seinem Artikel auf Slon.ru, erscheint eine solche Entwicklung der Dinge „nicht sehr wahrscheinlich“. Der Koreanologe gibt ausdrücklich Kim Jong-uns Vater recht, der erkannt hätte, dass der chinesische oder vietnamesische Reformweg für Nordkorea eigentlich nicht gangbar sei. Der Grund dafür: die kapitalistischen Brüder im Süden der koreanischen Halbinsel. Reformen würden zwangsläufig auch zu einer Lockerung der politischen Kontrolle führen. Schon in den letzten Jahren – vor den Reformen – sickerten auf immer breiter Front Informationen über den für Nordkoreaner geradezu luxuriösen Lebensstil ihrer Landsleute im Süden ein. Aufzeichnungen südkoreanischer TV-Serien etwa werden in Nordkorea heiß gehandelt. Wird dieser Prozess noch beschleunigt, so könnte es nach Lankows Meinung schnell zu einer revolutionären Stimmung im Land kommen, die ebenso schnell in einem „politischen Kollaps wie in Ostdeutschland“ münden könnte. Andere Korea-Experten betrachten Pjöngjangs Reformpolitik weniger skeptisch. Lankows Kollege Alexander Shebin von der Russischen Akademie der Wissenschaften etwa weist darauf hin, dass das Regime durch die missglückte Währungsreform von 2009 gewarnt sei und keineswegs einen Kontrollverlust durch zu schnelle Veränderungen riskieren werde.

Die Angst der Nachbarn

Straßenszene in Hamhung

Straßenszene in Hamhung
(Bild: Joseph A Ferris III)

In Südkorea fürchten viele ein mögliches Chaos-Szenario, und zwar nicht nur wegen der nordkoreanischen Atomwaffen. Südkorea hätte wohl auch mit einem riesigen Flüchtlingsstrom zu rechnen und der Wiederaufbau der nordkoreanischen Wirtschaft in einem vereinigten Korea würde Generationen dauern. Das Gefälle zwischen Norden und Süden ist hier noch weitaus größer als es zwischen West- und Ostdeutschland jemals war. Natürlich, so Lankow, seien die Reformen zu begrüßen, jedoch sollte die Weltgemeinschaft wachsam sein und auf alle möglichen Ausgänge vorbereitet.

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