Moskauer "Freedom Fries": Russlands Außenministerium fordert Umbenennung einer Petersburger Metrostation

Moskauer „Freedom Fries“: Russlands Außenministerium fordert Umbenennung einer Petersburger Metrostation

Im Zuge der Erweiterung der Metro-Linie 5 in St. Petersburg soll im Dezember diesen Jahres eine Station namens „Bucharestskaja“ (zu deutsch „Bukarester“) eröffnet werden. Wie so oft bei ÖPNV-Haltestellen hat die Metrostation ihre Bezeichnung von einer Straße („Bucharestskaja uliza“), an der sie liegt. Das russische Außenministerium bat nun um eine Umbenennung.

Straßennamen als Relikte längst vergangener Zeiten

Kampfgenossen: Ceauşescu und Breshnew 1979

Kampfgenossen: Ceauşescu und Breshnew 1979
(Quelle: Fototeca online a comunismului românesc / Wikimedia Commons)

Es mag seltsam klingen, dass dem Namen eines U-Bahnhofs so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. In russischen Metropolen ist die Metro, die immer noch die Erinnerung an längst vergangene Heldentaten der Sowjetzeit wachhält, der Stolz der Stadt. Die U-Bahn-Netze Moskaus und St. Petersburgs werden laufend erweitert. In der „nördlichen Hauptstadt“ steht im Dezember die Eröffnung mehrerer Stationen an. Die Erweiterungspläne stammen größtenteils noch aus Sowjetzeiten. Ebenso verhält es sich mit vielen Straßennamen in Russland. Vor dem Zusammenbruch der UdSSR blickte man von Moskau aus auf einen recht großen Kreis befreundeter Staaten. Straßen, Hotels und Restaurants wurden gern nach den Haupstädten dieser Bruderländer benannt. So auch die Bukarester Straße in St. Petersburg. Sie erhielt ihren Namen 1964, als die Stadt noch Leningrad hieß. Die Zeiten in denen die Diktatoren Leonid Breshnew und Nicolae Ceauşescu, die ungefähr zu dieser Zeit in ihren Ländern an die Macht kamen, den Bruderkuss austauschten, sind lange vorbei. Nach der „größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie Präsident Putin das Ende der Sowjetunion einst bezeichnete, sieht Moskau den Kreis der als befreundet zu bezeichnenden Nationen deutlich geschrumpft. Jede Bemühung eines der ehemaligen Verbündeten, sich ein Stück weiter der mit dem „Großen Bruder“ im Osten verbundenen Geschichte zu entledigen, wird im Kreml verschnupft zur Kenntnis genommen. Auch auf die Gefahr hin, dass dies die Absetzbewegungen noch verstärkt, macht man keine Anstalten seinen Ärger darüber zu verbergen – im Gegenteil.

Außenministerium: Rumänien kein befreundetes Land

Nicht politisch korrekt: Metrostation

Nicht politisch korrekt: Metrostation „Bucharestskaja“
(Quelle: Alex Florstein / Wikimedia Commons)

Da passt der Brief ins Bild, der unlängst die sogenannte „Kommission für Toponyme“ der Stadt Petersburg erreichte. Der russische Vize-Außenminister Andrej Denissow forderte darin dazu auf, die neue Metrostation nicht nach der rumänischen Hauptstadt zu benennen. Der Diplomat gab zu bedenken, dass Rumänien nicht (mehr) als „befreundetes Land“ bezeichnet werden könne. Die Beziehungen befänden sich derzeit in der Sackgasse. Gründe für die Eiszeit zwischen beiden Ländern gibt es mehrere: in Ungnade gefallen ist der Balkanstaat spätestens seit seinem NATO-Beitritt 2004. Russland, das 1992 die Rechtsnachfolge der Sowjetunion angetreten hat, hat spätestens seit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 auch deren Feindschaft zur NATO kaum verhohlen übernommen. Zudem unterstützt Bukarest das umstrittene Raketenabwehrprogramm der USA in Europa, gegen das Moskau seit Jahren Sturm läuft. Außerdem, so heißt es in dem Brief, sei Rumänien ein engagierter Unterstützer des georgischen Präsidenten Saakaschwili und dessen Bestreben nach einem NATO-Beitritt seines Landes. Angesichts der Intimfeindschaft zwischen Wladimir Putin und Micheil Saakaschwili kann dies als besonders schweres Vergehen angesehen werden. Der Name der rumänischen Hauptstadt ist auch ganz konkret mit dem georgischen Drang nach Westen verbunden. Auf dem NATO-Gipfel 2008 in Bukarest stand die für den Kreml schmerzhafte Annäherung Georgiens und der Ukraine – beides ehemalige Sowjetrepubliken – auf der Tagesordnung.

Lange Geschichte der Rivalität

Im Grunde sind die Ursprünge der Verstimmungen zwischen Rumänien und Russland jedoch viel früher zu finden. Im Zweiten Weltkrieg zogen die Rumänen an der Seite der Deutschen bis nach Stalingrad. Seit Jahrhunderten schon schwelt der Streit um die Zugehörigkeit Bessarabiens oder – wie es heute heißt – Moldawiens. Dessen Bewohner sprechen die selbe Sprache wie ihre westlichen Nachbarn, einst lebten sie mit den Rumänen in einem Staat zusammen. Russland und Rumänien rangeln miteinander um Einfluss in der ehemaligen Sowjetrepublik. Ein Konflikt, der sich am offensichtlichsten in der Abspaltung Transnistriens zeigt, die einst mit dem Argument begründet wurde, man wolle sich so einer Vereinigung Rumäniens mit Moldawien entziehen.

„Freedom Fries“ auf Russisch

New York im März 2003

New York im März 2003
(Quelle: Spigoo / flickr.com)

Die Forderung des Außenministeriums danach, die Petersburger Metrostation umzubenennen erinnert an die nationalistische Hysterie in den USA kurz vor Beginn von George W. Bushs Irakkrieg. Damals richtete sich der Zorn „patriotischer“ Amerikaner vor allem gegen Frankreich, das den Krieg gegen Saddam Hussein ablehnte. Restaurantbesitzer kippten französischen Wein auf die Straße und kreierten für die im Amerikanischen als „French Fries“ bezeichneten Pommes Frites den neuen Namen „Freedom Fries“. Ähnlich wie sich die Amerikaner 2003 durch solch vordergründige Bilderstürmerei zum Gespött gemacht haben, tut es heute die russische Regierung. Über die Umbenennung hat letztlich jedoch nicht das Außenministerium und auch nicht die Kommission für Toponyme, sondern die Stadtregierung zu entscheiden. Bislang behält diese einen kühlen Kopf und will es bei der Bezeichnung „Bucharestskaja“ belassen.

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