Tschetschenische Journalistin stellt Putin Fragen – Zeitung muss Erscheinen einstellen

Tschetschenische Journalistin stellt Putin Fragen – Zeitung muss Erscheinen einstellen

Auf Putins berüchtigter Jahrespressekonferenz stellte am Mittwoch eine tschetschenische Journalistin eine schicksalhafte Frage – schicksalhaft für die Zeitung, für die sie arbeitete, denn diese wurde danach kurzerhand dichtgemacht.

Moskau setzt auf die ganz große Show…

Putins Pressekonferenz

Putins Pressekonferenz
(Quelle: www.kremlin.ru)

Wladimir Putins jährliche Marathon-Pressekonferenz ist ein skurriles Ritual – mehr eine Show als eine wirkliche Pressekonferenz. Zwar wurden auch kritische Themen angesprochen, so etwa der Tod des Anwalts Sergei Magnizki in Polizeigewahrsam, der derzeit in den Beziehungen zwischen Russland und den USA hohe Wellen schlägt. Abseits diese monumentalen Ereignisses herrscht vor allem in den großen russischen Fernsehsendern, die im ganzen Land gesehen werden, weitgehende Einöde, was die Vielfalt an Meinungen zum Land und seinen Herrschern angeht. Wie inszeniert im Übrigen viele Auftritte des Kreml-Chefs bisweilen sind, darüber berichtete unlängst die Moskauer Zeitung „Nowaja Gaseta“, der es gelungen war, an ein Dokument zu gelangen, das sich wie das Textbuch eines Theaterstücks liest. Fragen und Antworten, die auf einem Treffen Putins mit Bürgern ausgetauscht wurden, schienen genau geplant und zum Teil sogar vorformuliert.

…und Grosny zeigt die nackten Tatsachen

Ramsan Kadyrow (links)(Quelle: RMT / maiak.info)

Ramsan Kadyrow (links)
(Quelle: RMT / maiak.info)

Abseits der Metropole Moskau hat man jedoch weniger Skrupel solche Inszenierungen einfach bleiben zu lassen und den schonungslosen Blick auf die Realität freizugeben. Ganz besonders hervorgetan hat sich in diesem Sinne die Teilrepublik Tschetschenien im russischen Kaukasus. Das von Krieg und Terror gebeutelte Ländchen wird heute vom des Massenmordes an politischen Gegnern verdächtigten Ramsan Kadyrow beherrscht. Bei Wahlen vermeldete der 36-jährige in den letzten Jahren stets märchenhafte Auszählungsergebnisse nach Moskau. Egal ob bei Parlaments- oder Präsidentschaftswahlen: die Kandidaten des Kreml kamen hier stets auf ganz und gar sowjetische Ergebnisse von mehr als 99%. Während andere Regionalfürsten – so heißt es – wegen zu niedriger Resultate für die Staatspartei in Bedrängnis geraten, fragt man sich bei Kadyrow eher, ob Putin ihm nicht die rücksichtslose Zertrümmerung des doch in Moskau so mühevoll zusammengebastelten schönen Scheins irgendwann übelnimmt.

Putin gefragt – Zeitung weg

Belkis Dudajewa

Belkis Dudajewa
(Bild: Youtube / RT)

Dass Kadyrow sich nicht nur bei Wahlen wenig Mühe gibt den Anschein von Demokratie und Pressefreiheit zu wahren, zeigte sich wieder nach Putins landesweit auf beiden staatlichen Fernsehsendern übertragenen Marathon-Pressekonferenz. Die tschetschenische Journalistin Belkis Dudajewa von einer Zeitung namens „Kadyrows Weg“ hatte dem russischen Präsidenten dort zwei Fragen gestellt. Zum einen wollte sie vom russischen Staatsoberhaupt wissen, worin seiner Meinung nach die Wurzeln der Nordkaukasusproblematik liegt und was zu tun sei, um die Situation zu verbessern. Dieser Frage vorausgeschickt hatte sie die Feststellung, dass sich Tschetschenien in den letzten Jahren zu einer „Zone des Friedens, des Wohlstands, sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung“ gewandelt habe und man hier „gut leben“ könne, während sich jedoch die Probleme in die benachbarten Teilrepubliken verlagert hätten. Die zweite Frage bezog sich auf den staatlichen Radiosender „Kawkas“. Die Sendezeit dieses für tschetschenische Hörer bestimmten Programms des Auslandssenders „Stimme Russlands“ wurde zuletzt deutlich gekürzt. Dudajewa trug „im Namen der tschetschenischen Intelligenz“ die Bitte vor, dieses rückgängig zu machen.

Kadyrow: Fragen hatten „provokativen Charakter“

Noch am Tag der großen Pressekonferenz wurde bekannt, dass die Zeitung „Kadyrows Weg“ nicht weiter erscheinen wird. Das Blatt befand sich in Besitz der Regionalverwaltung von Itum-Kale im Süden Tschetscheniens. Verkündet wurde die „Schließung“ des Mediums auf der Website der tschetschenischen Regierung. Als Hauptgrund wird dabei angegeben, die Benennung der Zeitung nach Ramsan Kadyrows Vater, dem bei einem Attentat ums Leben gekommenen Achmat Kadyrow, sei ohne Absprache mit seiner Familie erfolgt. Die Presseerklärung lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass wohl eher andere Aspekte für die Entscheidung eine Rolle gespielt haben. So wird Ramsan Kadyrow mit den Worten zitiert, die harmlosen Fragen Dudajewas hätten einen „provokativen Charakter“ gehabt. Zudem habe sich die Frau nicht korrekt vorgestellt. Gemeint ist wohl, dass die Journalistin den Titel ihrer Zeitung – korrekt – mit „Kadyrows Weg“ angab. Im Saal rief dies Gelächter hervor, da einige Kollegen wohl annahmen, das Blatt sei nach dem amtierenden tschetschenischen Präsidenten benannt. Gut möglich, dass der als Macho geltende Ramsan Kadyrow diesen Vorfall vor Millionen von Fernsehzuschauern im ganzen Land als Schmach empfunden hat, für den die Verursacherin – noch dazu eine Frau – sogleich bezahlen musste. Dass wirklich der Name der Zeitung Grund für die Schließung sein könnte, halten russische Medien für praktisch ausgeschlossen, hieße dies doch, dass der ansonsten omnipotent-omnipräsente Regionalfürst bis Donnerstag keine Ahnung von der Existenz des Blattes gehabt hätte.

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