Hauptgebäude der Moskauer Universität

Abgehängt – schlechte Noten für den russischen Wissenschaftsbetrieb

Wie Stolz war man doch in alten Zeiten auf die sowjetische Wissenschaft gewesen! Nicht umsonst wurde das wohl imposanteste Gebäude der Stalinschen „Sieben Schwestern“ in Moskau der Lomonossow-Universität als Hauptgebäude zugedacht. Es thront hoch über der Stadt auf den „Sperlingsbergen“, die zu jenen Zeiten noch den Namen „Leninberge“ trugen. Jener sowjetische Mythos jedoch, der die heimische Wissenschaft an der Weltspitze sah – und das, was davon wahr gewesen sein sollte –, wurde seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gründlichst entzaubert. Und dass die dem derzeitigen russischen Präsidenten stets zugute gehaltene „Stabilisierung“ nach dem vermeintlichen Chaos keineswegs genutzt wurde, den internationalen Stand der russischen Wissenschaft zu verbessern, zeigt eindrucksvoll eine neue Studie.

Außenseiter Russland

Hauptgebäude der Moskauer Universität

Hauptgebäude der Moskauer Universität

Die Studie des Medienkonzerns Thomson Reuters untersucht die Position von Russlands Wissenschaft nicht etwa im Vergleich mit seinen Partnern aus den Reihen der G8-Staaten, sondern mit den sogenannten BRIC-Staaten – Brasilien, Indien und China sowie Südkorea. Zwar mag es schmeichelhaft sein, in einem Zug mit den als Aufsteigernationen betrachteten Chinesen und Indern genannt zu werden. Die Studie entlarvt Russland jedoch auch in diesem Kreis als Außenseiter. Gegenstand der Untersuchung waren Indikatoren wie der Anteil des Bruttoinlandsprodukts, der vom jeweiligen Bruttoinlandsprodukt für die Finanzierung von Wissenschaft und Forschung aufgewendet wird, die Zahl der in der Forschung aktiven Beschäftigten, die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen sowie der Zitate aus diesen in der internationalen Wissenschaftspresse und schließlich die Zahl der Patentanmeldungen.

Kaum Geld für die Wissenschaft – stagnierende Zahl an Publikationen

Bei der Finanzierung des Wissenschaftsbetriebs bleibt Russland bereits seit 20 Jahren mit knapp über 1%, bisweilen gar unter 1% des BIP weit hinter dem unter den G7-Staaten als angemessen betrachteten 2% zurück. Während in allen anderen in der Studie untersuchten Staaten die Zahl der Wissenschaftler zunimmt, fällt sie in Russland langsam, aber kontinuierlich. Am eindrucksvollsten zeigt sich der beklagenswerte Zustand der russischen Wissenschaft jedoch bei der Zahl der Publikationen. Seit sage und schreibe über 30 Jahren – seit Anfang der 1980er Jahre – verharrt die Zahl der Publikationen von sowjetischen bzw. russischen Wissenschaftlern auf dem praktisch gleichen Niveau. Währenddessen kann bei den anderen Staaten bei diesem Indikator ein rasantes Wachstum beobachtet werden – insbesondere in den letzten Jahren.

Wenig internationales Interesse an russischen Forschungsergebnissen

Sowjetisches Propagandaplakat

Sowjetmythos vom Paradies für Begabte: „Der Weg des Talents – in den kapitalistischen Ländern“ (links), „Weg frei für Talente! – im Land des Sozialismus“ (rechts)

Über die Krise der russischen Wissenschaft wurde in den vergangenen Jahren bereits mehrfach berichtet. Die weltweite Rezeption wissenschaftlicher Artikel von bestimmten Forschungsstandorten wurde 2011 von Lutz Bornmann vom Max-Planck-Institut in München und seinem Amsterdamer Kollegen Loet Leydesdorff untersucht und mit Hilfe von Google-Karten visualisiert. Auf den Karten sind die Forschungsstandorte mit Punkten gekennzeichnet, die in ihrer Größe dem am Ort produzierten Umfang an wissenschaftlichen Publikationen im jeweiligen Fach entsprechen. Waren mindestens 10% der Arbeiten unter den weltweit 10% der meistzitierten Publikationen, so ist der Punkt grün – ansonsten rot. Auf den Karten zu den Disziplinen Physik und Chemie ist die Farbe Rot nirgends so dominierend wie in Russland – Moskau erscheint als übergroßer roter Punkt.

Auf sowjetischen Gleisen

Auch bei den Forschungsbereichen zeichnet die Thomson-Reuters-Studie ein deutliches Bild. Die russische Wissenschaft verharrt demnach auf den Gleisen, die einst noch die KPdSU gelegt hatte. Dominierend sind Disziplinen wie Physik, Mathematik und Raumfahrtforschung. Die anderen Untersuchungsobjekte zeigen sich da mehr am Puls der Zeit und den Bedürfnissen von deren Alltag orientiert. In China und Südkorea etwa dominieren Materialwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Chemie und – nicht verwunderlich – die Informationstechnologie. Indien konzentriert sich auf Chemie und Pharmakologie. Brasilien ist in Biowissenschaften gut.

Putin am Zug

Ein Sinnbild für die Produktivität russischer Wissenschaftler: die Raumstation

Ein Sinnbild für die Produktivität russischer Wissenschaftler: die Raumstation „Mir“ (1986-2001)

Als besonderer Schwachpunkt wird so auch der Wissenstransfer von der Forschung in die Wirtschaft gesehen. Die Studie misst diesen Indikator anhand der Zahl der angemeldeten Patente. Hier weisen auch Brasilien und Indien eher schwache Werte gegenüber China und Südkorea auf. Die Studie macht dafür jedoch nicht nur die womöglich einfach fehlenden Ergebnisse der Wissenschaft verantwortlich, sondern auch allgemein das Investitionsklima. Im Lande fehlten „Sicherheit und Entwicklungsperspektiven für unternehmerische Betätigung und Innovationen“. Darüber, wer für die schlechte Lage der Wissenschaft im Lande verantwortlich ist, lassen die Autoren der Studie indes keinen Zweifel. Die russische Politik könne demnach „unverzüglich“ etwas zur Verbesserung der Situation tun, wenn sie der Problematik die gebührende Priorität, die deren Lösung für die weitere Entwicklung des Landes hat, einräumen würde.

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