Gandhi

Ukraine: Der Geruch von Blut

von Michail Dubinjanski, Übernahme von Ukrajinska Prawda

Mahatma Gandhi (1930er)

Mahatma Gandhi (1930er)

Im Werk des amerikanischen Autors Harry Turtledove, der im Genre der „Alternate History“ schreibt, gibt es die lehrreiche Erzählung „The Last Article“. Die deutschen Truppen besetzen darin Britisch-Indien, nachdem sie England besiegt haben. Der Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi startet in dieser Zeit seine gewaltlose Aktion des öffentlichen Ungehorsams. Massenhaft verweigern die Inder die Zusammenarbeit mit den Deutschen und bleiben ihren Arbeitsplätzen fern.

Die Nazi-Verwaltung aber findet schnell eine Lösung: „Beginnen wir mit den Beschäftigten der Eisenbahn. Die Eisenbahn hat jetzt für uns oberste Priorität. Stellen Sie eine Namensliste zusammen. Streichen Sie jeden zwanzigsten. Schicken Sie einen Zug Soldaten zu jeder dieser Adressen, Sie sollen das faule Pack auf die Straße herauszerren und dort vor den Augen ihrer Familien erschießen. Wenn die restlichen Arbeiter am nächsten Tag wieder nicht zur Arbeit erscheinen, wiederholen wir die Prozedur.“

Die landesweite Satyagraha geht bald darauf zugrunde, die Deutschen stellen schließlich auch den erleuchteten Mahatma an die Wand…

Der Subtext dieser alternativgeschichtlichen Phantasie ist unverkennbar. Man kann lange über die moralische Überlegenheit Gandhis reden, aber sein gewaltloser Kampf erwies sich nur deshalb als erfolgreich, weil er es mit britischen Gentlemen zu tun hatte. Bei einem in der Wahl der Mittel weniger anspruchsvollen Gegner wäre von Mahatma wohl nichts übriggeblieben.

Václav Havel

Václav Havel
(Quelle: Henryk Prykiel / Wikimedia Commons)

Man kann den schwarzen Propheten Martin Luther King rühmen, der sich tapfer den Mächtigen Amerikas entgegenstellte. Aber versuchen Sie einmal einen solchen Widerstand im Uganda der Zeit Idi Amins oder in Mugabes Simbabwe!

Man kann sich begeistern für die Zivilcourage eines Václav Havel und die samtene Revolution des Jahres 1989. Wäre aber die kommunistische Tschechoslowakei ein wirklicher Tyrannenstaat gewesen, so hätte Havel gar keine Möglichkeit gehabt, gegen das Regime zu kämpfen und schließlich zu siegen. In Nordkorea gibt es denn bekanntermaßen auch keinen Havel und es scheint keiner in Sicht.

Mit anderen Worten: ein friedlicher Sieg über die Macht ist nicht so sehr das Verdienst des Siegers wie das Verdienst des Besiegten. Ein gewaltloser Sieg bedeutet, dass Ihr Gegner eine Vorstellung von den Grenzen des Zulässigen hat und nicht bereit ist, sich mit jedem Mittel zu verteidigen. Egal ob aus Vernunft, aus Scham, aus Unentschlossenheit – entscheidend ist, dass er dass er nicht dazu bereit ist.

Die neueste Geschichte der Ukraine bestätigt diese These.

Erinnern wir uns an das Jahr 2004 und die Orangene Revolution. Angesichts ihres friedlichen Charakters wurde oft von der „Weisheit unseres Volkes“, von der „Reife der ukrainischen Gesellschaft“ usw. gesprochen.

Martin Luther King (1964)

Martin Luther King (1964)

Der wahre Hintergrund war jedoch viel prosaischer. Zu einem Blutvergießen kam es nicht, weil Präsident Kutschma, der über die entsprechenden Mittel der Gewalt verfügte, von diesen letztlich keinen Gebrauch gemacht hat. Leonid Danylowytsch [Kutschma] zog es vor, Sicherheitsgarantien für sich auszuhandeln und sich still und leise aufs Altenteil zurückzuziehen.

In jener Zeit gab es kein schlimmeres Etikett als das des „Kutschmisten“ oder des „Kutschmismus“. Mit dem Wissen um den heutigen „Garanten“ jedoch [gemeint ist der Staatspräsident als „Garant der Verfassung“, Anm. d. Übers.] wirkt Kutschma geradezu wie eine wohlerzogenes Schulmädchen. Der autoritäre Leonid Danylowytsch hatte in seinem Inneren Grenzen, die Wiktor Fedorowytsch [Janukowytsch] vollständig fehlen.

Präsident Janukowytsch nimmt keine Rücksicht auf die Verfassung, er nimmt keine Rücksicht auf die Abgeordneten der Werchowna Rada und er nimmt schon gar keine Rücksicht auf Demonstranten, egal in welchen Massen sie sich auf den Straßen versammeln sollten.

Es liegt auf der Hand, dass jeglicher Versuch, WFJ [Wiktor Fedorowytsch Janukowytsch] abzusetzen – und damit meine ich einen ernsthaften Versuch, nicht jene operettenhaften – sich fließend in Kampfhandlungen auswachsen wird. Sollte jemand noch wohlwollende Illusionen gehabt haben, so sind diese im letzten Herbst zerstreut worden. Wir wurden Zeugen der Prügeleien in Perwomaisk ebenso wie des Einsatzes von Tränengas in den Räumlichkeiten lokaler Kiewer Wahlkommissionen – obwohl nicht wirklich etwas auf dem Spiel stand.

2004: Demonstranten kampieren auf der Kiewer Prachtstraße Chreschtschatyk

2004: Demonstranten kampieren auf der Kiewer Prachtstraße Chreschtschatyk
(Quelle: Olexandr Nowizkyj / Wikimedia Commons)

In zwei Jahren aber [bei den Präsidentschaftswahlen] wird alles auf eine Karte gesetzt – die persönliche Sicherheit Wiktor Janukowytschs, das Familienvermögen, das geliebte Meshyhirja [ – die umstrittene Residenz des ukrainischen Präsidenten]. Der gewaltsame Druck wächst proportional zum Preis der Niederlage.

Im Übrigen wissen wir noch nicht, ob die Eskalation der Gewalt ihren Höhepunkt eben 2015 erreichen wird. In Oppositionskreisen jedenfalls wird dieses Jahr als Augenblick der Wahrheit aufgefasst, als schicksalsträchtiger Moment, als letzter und entscheidender Kampf.

Ganz ähnliche Stimmungen herrschen auch in der Bankowa [Bankowa wulyzja, dem Sitz der ukrainischen Präsidialverwaltung in Kiew]. Man sagt, man müsste nur die Wahlnacht durchstehen und sich den Tag lang halten, und dann… Aber was dann?

Präsident Wiktor Janukowytsch

Präsident Wiktor Janukowytsch im März 2013
(Quelle: president.gov.ua)

Nehmen wir an, Janukowytsch gelingt es 2015 doch, das Land zu bezwingen. Würde das denn das Problem lösen? Wäre es etwa weniger schlimm, 2020 oder noch später vom Präsidentenstuhl zu fliegen? Eher im Gegenteil. Mit jeder neuen Amtszeit birgt ein Machtverlust noch größere Risiken, und jede weitere Verlängerung der Amtszeit gelingt immer schwerer.

Wahrscheinlich schaut der „Garant“ noch gar nicht so weit in die Zukunft, de facto aber bleibt ihm nur noch die Hoffnung auf eine lebenslange Präsidentschaft.

Die russische Variante mit dem ferngesteuerten Nachfolger erscheint fragwürdig: Janukowytsch könnte sich, wenn überhaupt, nur auf einen zweiten Janukowytsch verlassen. Die Möglichkeit eines Handels und eines Ausscheidens aus dem Spiel à la Kutschma ist ebenso verpasst, da das System politischer Garantien [für abgewählte Politiker] durch WFJ selbst zerstört wurde.

Selbst wenn man Wiktor Janukowytsch im Beisein europäischer Vermittler einen ruhigen Lebensabend in Meshyhirja und Sicherheiten für die Geschäfte seiner Familie verspräche – er würde es ohnehin nicht glauben. Und, nebenbei bemerkt, er hätte recht damit.

Bei den alten Römern gab es den treffenden Ausdruck „auribus tenere lupum“ – „den Wolf an den Ohren halten“. Natürlich macht jener, der sich dem grauen Raubtier nähert und ihn an den Lauschern packt, einen großen Fehler. Ein noch größerer Fehler aber ist es, die Wolfsohren loszulassen, nachdem du sie einmal gefasst hast.

Zu Beginn der Amtszeit Janukowytschs gab es keine Notwendigkeit, die Repressionen in Gang zu setzen. Die Abrechnung mit Tymoschenko ist ein Kind der irrationalen Ängste des Präsidenten und man hat vergeblich versucht, die Bankowa vor unbegründeter Härte zu warnen. Nun jedoch macht es schon keinen Sinn mehr, an den Verstand WFJs zu appellieren, denn die repressive Politik hat sich zu einer lebenswichtigen Notwendigkeit entwickelt. Was zuvor noch ein grober Fehler war, wird nun zur einzigen Rettung.

Im Guten zu gehen, seine persönliche Freiheit und das Familienvermögen bewahrend, wird Wiktor Fedorowytsch ohnehin nicht gelingen. Also kann er nicht anspruchsvoll in der Wahl der Mittel sein und muss alles tun, um nicht gehen zu müssen. Wenn du den Wolf bei den Ohren gepackt hast, halt ihn fest, solange du nur kannst!

Diese Logik ist einfach und sie drängt die Ukraine unerbittlich zu einem gewaltsamen Ausgang. Der Herr der Bankowa steht bereit für ein gewaltsames Szenario und wird im Fall der Fälle nicht vor einem Blutvergießen haltmachen. Bedeutet dies aber eine Konservierung des bestehenden Regimes? Nein, die Chancen Janukowytschs auf eine Dauerherrschaft wachsen nicht besonders stark. Dafür sinken die Chancen drastisch, den derzeitigen Präsidenten zu irgendetwas Würdigem zu verändern.

Vitali Klitschko - eine echte Gefahr für den Präsidenten?

Vitali Klitschko – eine echte Gefahr für den Präsidenten?
(Quelle: Vitali Klitschko, Klitschko Management Group GmbH, http://www.k-mg.com)

Jeder Rebell denkt, er sei der absolute Antipode der herrschenden Macht. In der Praxis aber ist ein erfolgreicher Kämpfer gegen das Regime die Schöpfung ebenjenes Regimes selbst. Von der derzeitigen Regierung hängt es direkt  ab, wer sie besiegen kann und wie.

Das liberale britische Empire erschuf Mahatma Gandhi, die US-Administration Martin Luther King, die hinreichend gemäßigte und zurechnungsfähige Nomenklatura Osteuropas wiederum Havel und Wałęsa. Die Verrückten Assad und Gaddafi bringen etwas anderes hervor, etwas Sinnloses, Grausames und Übelriechendes.

Wen aber Wiktor Janukowytsch hervorbringen wird, wissen wir noch nicht. Aber es gibt den Verdacht, dass das Endprodukt etwas sein könnte, das sich stark vom Orangenen Majdan der Kutschma-Zeiten unterscheidet.

Nach den Umfrageergebnissen zu urteilen ist der Oppositionspolitiker Klitschko eine besondere Bedrohung für Janukowytsch. In einer Stichwahl würde er Janukowytsch mit großem Abstand hinter sich lassen. Und natürlich sieht Vitaly [Klitschko] sehr viel anständiger aus als der derzeitige Präsident.

Aber auf welche Weise wird er den unanständigen Janukowytsch aus dem Amt treiben, der doch jenseits der Grenze zum Foul spielt? Und kann überhaupt irgendein anständiger Politiker aus solch einer Konfrontation als Sieger hervorgehen?

Die Schwachköpfigen und Brutalen bringen normalerweise nicht Weise und Edelmütige hervor, sondern Schwachköpfige und Brutale. Es ist leider so – auch wenn wir das Gegenteil glauben möchten.

Übersetzung aus dem Russischen: Stefan Daute

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