Zum (neuerlichen) Tod Sergei Magnitskis

Zum (neuerlichen) Tod Sergei Magnitskis

Von Iwan Tscherkassow, erschienen bei Echo Moskwy am 11. Juli 2013

Sergei Leonidowitsch Magnizki (1972 - 2009)

Sergei Leonidowitsch Magnitski (1972 – 2009)

Sergei Magnitski ist noch einmal gestorben. Dieses Mal nicht im Gefängnis, sondern im Gericht, zermalmt von der gefühllosen Maschinerie der russischen Justiz, wie jenes unglückliche Mädchen, das aus einem abstürzenden Flugzeug fiel und unter die Räder eines dahinrasenden Ambulanzwagens geriet.

Sie hätten sich auf Browder beschränken können, ihn gleich nach allen Artikeln des russischen Strafgesetzbuchs verurteilen können, sie hätten ihre eigene „Hermitage-Liste“ zusammenstellen können, die alle einschließt, die sie dabei stört, die Spuren ihrer Verbrechen zu verstecken. Aber sie brauchten Magnitski, und sie haben ihn aus der Erde geholt, um seinen Namen mit Schande zu bedecken. Mit Schande aber, die sich nicht mehr abwaschen lässt, haben sie sich selbst bedeckt. Sie, das sind jene, die angeklagt haben und jene, die verurteilt haben, und jene, die dabeigestanden haben, alle diese alissows, markows, puschkows, all jene, die Knöpfe gedrückt und jene, die Strippen gezogen haben. Für sie alle wird sich auch ein Gottesgericht finden. Ihr Urteil wird die Verachtung durch ihre eigenen Kinder und Enkel sein, die sich für ihre Verwandtschaft mit den Henkern schämen werden.

Warum stampfen sie so besessen den verhassten Namen eines Märtyrers in den Boden, der für die Wahrheit gestorben ist? Weil sie verstehen, dass er zum Symbol des Kampfes für Gerechtigkeit, für Würde und für die Gleichheit aller vor dem Gesetz geworden ist. Sie wollen dieses Symbol zerstören, und dafür sind sie bereit, Magnitski aus dem Grab zu holen.

Die russische Justiz hat ein kreischendes Geräusch von sich gegeben, von dem es jeden anständigen Menschen schüttelt. Mit Leuten, die in der Lage sind, solche Geräusche von sich zu geben, ist es unangenehm sich in einem Raum aufzuhalten. Russland wird zum Paria-Staat in der zivilisierten Welt. Aber das hält sie nicht auf, weil sie von Angst und Bosheit getrieben sind.

Es ist die tierische Angst vor der Entlarvung, die hinter einer Maske von Zynismus und Gleichgültigkeit versteckt ist. Aber es gelingt ihnen nicht, irgendjemanden zu täuschen. Dieses Urteil ist im Auftrag eines einzigen Menschen gemacht, um seiner Beschwichtigung und der Befriedigung seiner wachsenden Ambitionen willen. Alle anderen aber sind sich der Bedeutung des Urteils bewusst. Schlussendlich haben sie erreicht, was sie wollten – Magnitski hat sich duch ihre Bemühungen aus dem Grab erhoben, allerdings nicht als Toter, sondern als Unsterblicher. Sein furchtbares Gespenst lässt ihnen jetzt keine Ruhe mehr, weder am Tag noch in der Nacht. Er wird über ihnen schweben in ihren stickigen Büros, wo sie miteinander tuscheln, sich vor ihrem eigenen Schatten ängstigend, und in ihren Luxusvillen, wo sie versuchen, die von ihnen begangenen Verbrechen zu vergessen.

Vor diesem Schandgericht ist Magnitski auferstanden und fordert einen gerechten Prozess für die lebenden Verbrecher. Früher oder später wird dieser Prozess zustandekommen und zwar wird er in einem Russland stattfinden, das sich von der Allmacht der Lüge befreit hat.

Übersetzung aus dem Russischen: Stefan Daute

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