Dmitri Kisseljow

„Die Herzen von Schwulen verbrennen“ – Hetze im russischen Staats-TV

Dmitri Kisseljow

Dmitri Kisseljow in der umstrittenen Fernsehsendung
(Quelle: youtube)

In Zeiten, in denen alle irgendwie relevanten Fernsehsendungen bei Youtube jederzeit für jedermann abrufbar sind, bleibt jede rhetorische Glanzleistung, jeder Fauxpas, jede im Fernsehen bedacht oder unbedacht gemachte Äußerung auf ewig konserviert. Und manchmal lässt die öffentliche Reaktion auf das, was jemand in einer Talkshow vom Stapel gelassen hat, lange auf sich warten.

So ist es auch der Fall bei einem Auftritt des Journalisten Dmitri Kisseljow in einer Fernsehsendung zum Thema Homosexualität. In der bereits im April 2012 ausgestrahlten Talkshow trat Kisseljow mit einem klaren Statement auf. Auf die an sich schon absurd anmutende Frage, ob Schwule als Organspender geeignet sind, anspielend, sagte er folgendes:

„Ich finde, es ist zu wenig, Schwule für homosexuelle Propaganda unter Minderjährigen zu bestrafen. Man muss ihnen Blut- und Samenspenden verbieten, und ihre Herzen nach einem tödlichen Autounfall in der Erde vergraben oder verbrennen, da sie für eine Lebensverlängerung – ganz gleich für wen – ungeeignet sind.“

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=2NlayCtujlU[/youtube]

In einem Interview mit dem Radiosender Echo Moskwy wurde er nun auf diesen Auftritt angesprochen. Er verteidigte seine Position mit folgenden Worten:

„Das ist einfach weltweit Praxis. So wird in den USA, in der Europäischen Union, in Japan, den arabischen Ländern, praktisch in der ganzen Welt verfahren – außer in Russland. Denn Homosexuellen ist es [in diesen Ländern] verboten, Spender von Blut, Organen etc. zu sein, d. h. sie werden nicht als Spender in Betracht gezogen. Und ich finde, dass man Gesetze erlassen muss, die der weltweiten Praxis entsprechen. Das ist alles. Wenn z. B. in Amerika ein Homosexueller stirbt, dann wird er nicht angerührt, sie nehmen keine Organe von ihm.“

Erschreckend dabei: was Kisseljow in der Begründung seiner Position vorbringt, kann man kaum glauben und möchte es als Unfug abtun, in der Tat hat er hier aber recht. So dürfen Schwule etwa in der EU tatsächlich kein Blut spenden. Diese aus weniger aufgeklärten Zeiten stammende Regelung soll Menschen von der Spende ausschließen, die ein erhöhtes Risiko haben, sich mit schweren Infektionskrankheiten anzustecken. Pauschal wird dabei Schwulen ein promisker Lebenswandel unterstellt. Die Bundesärztekammer hat sich in der jüngsten Vergangenheit für eine Abschaffung dieses pauschalen und diskriminierenden Ausschlusses allein aufgrund der sexuellen Orientierung eingesetzt.

Dmitri Kisseljow geht es jedoch gar nicht um eine Eindämmung des Infektionsrisikos bei Blut- und Organspenden. Er scheint Homosexualität an sich als Krankheit zu betrachten, die wie eine Infektion übertragen werden kann – eine jeglicher Wissenschaft widersprechende, absurde Vorstellung. Wahrscheinlich ist Kisseljow aber auch gar kein Anhänger eines solchen Aberglaubens, sondern einfach nur ein Schwulenhasser, der danach strebt, Homosexuelle zu erniedrigen – und sei es, indem er im Fernsehen fordert, nach dem Tod ihre Herzen zu verbrennen. Diesen Schluss lässt die Art zu, wie er seine Forderung formuliert. Noch schlimmer als sein umstrittener Auftritt an sich ist jedoch die Tatsache, dass das Studiopublikum Kisseljow dafür noch Applaus spendete und er beim Voting, zu dem die Fernsehzuschauer aufgerufen waren, klar den Sieg über seinen Gegenredner davontragen konnte.

Leider ist jener Dmitri Kisseljow zudem nicht irgendein Journalist. Er ist Vize-Generaldirektor der staatlichen Rundunk- und Fernsehgesellschaft. Im Internet wird nun seine Entlassung aus diesem Amt gefordert. Kisseljow wird dabei ein Auftritt in einer TV-Talkshow zum Thema journalistisches Ethos aus dem Jahr 1999 vorgehalten. Damals sagte er:

„…die Menschen, die Sie auf den Fernsehschirmen sehen, kann man häufig nicht als Journalisten bezeichnen, weil sie oft einfach nur Agitatoren sind. Ein Agitator, der Autor eines Pamphlets oder ein Schriftsteller hat ein Recht darauf. So wie auch Künstler das Recht haben, das ganze Bild rot zu malen und zu sagen: „Ich sehe die Welt so, das ist mein schöpferischer Stil, meine Sichtweise“. Aber ein Journalist hat dieses Recht nicht, weil die Aufgabe eines Journalisten meiner Meinung nach ist, die Welt in ihren wahren Proportionen zu zeigen, das ganze Bild der Welt zu zeigen.“

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