Ein großes Birjuljowo: Die Krawalle in Moskau als Vorboten einer nationalen Katastrophe

von Witali Portnikow, erschienen bei LB.ua am 14. Oktober 2013

Die russischen Behörden bemühen sich, mit den Unruhen fertigzuwerden, die sich in West-Birjuljowo, einem der Schlafbezirke Moskaus, ereignen. Nach dem Mord an dem Moskauer Jegor Schtscherbakow, den – den Angaben seiner Freundin zufolge – „ein Zugereister aus dem Kaukasus“ begangen hat, haben Ortsansässige zusammen mit in den Stadtbezirk angereisten Nationalisten und Fußballfans ein klassisches Pogrom veranstaltet, bei dem Händlerstände zerstört wurden, bei denen Migranten beschäftigt sind – im Wesentlichen aus Zentralasien und in geringerem Umfang aus den russischen Republiken des Nordkaukasus.

Die Kriminellen verprügelten völlig unbescholtene Menschen und skandierten dabei Parolen faschistischen Inhalts. Die russische Polizei, die sich die ganze Nacht über harte Auseinandersetzungen mit den Schlägern lieferte, verhaftete zahlreiche Teilnehmer der Unruhen.

Am Morgen dann begannen die Festnahmen von Migranten, die auf dem Gemüsegroßmarkt „Pokrowskaja“ arbeiteten und der Markt selbst wurde eiligst durch die Behörde des allgegenwärtigen Herrn Onischtschenko geschlossen. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin erstattete Präsident Wladimir Putin Bericht über die Maßnahmen zur Stabilisierung der Situation.

Sind wir ehrlich, so ist an diesen Nachrichten nichts Neues. Selbstverständlich ist der Mord an einem Menschen eine Tragödie. Aber jedes Mal, wenn es gelingt, einem solchen Mord eine ethnische Komponente anzuheften, brechen in russischen Städten ganz gewöhnliche Pogrome los. Ortsansässige Faschisten nutzen jede Möglichkeit für ihre Abrechnung mit den „Inorodzy“ (den „anderswo Geborenen“). Die Behörden, die – im Großen und Ganzen gesehen – übervoll sind mit Leuten, die die Ansichten der Schläger teilen, fangen an diese und jene zu ergreifen, um so zu demonstrieren, wie sie „die Probleme lösen“.

Niemandem kommt dabei in den Kopf auszusprechen, dass die Verbindung des Mordes an einem Menschen mit Pogromen gegen Migranten Ausdruck einer Massenpsychose und einer menschenverachtenden Ideologie ist. Ebenso haben die Säuberungsmaßnahmen gegen Migranten nichts damit zu tun, dass man Ordnung schaffen würde.

Man kann alle Gemüsegroßmärkte schließen und sogar alle Migranten aus Zentralasien ausweisen. Der Mörder jenes Moskauers aber ist vielleicht ein anderer ebensolcher Moskauer – nur eben ein in einer der Nordkaukasusrepubliken geborener Bürger desselben Landes – der Russischen Föderation. Und den Ort von ihm zu „säubern“, das ist den Behörden nicht möglich, das vermögen allein die Schläger. Letzten Endes verhehlen diese ihre Absichten nicht und richten ihren Zorn ganz und gar nicht nur gegen die Ausländer. Ihre Losung – „Russland den Russen, Moskau den Moskauern“ – verweist genau auch auf eine ethnische „Säuberung“ der russischen Hauptstadt. Die Frage ist nur, wie dabei der russische Stadt überhaupt erhalten werden soll.

Die Antwort ist einfach: mit Gewalt, solange es geht. Grosny bombardieren, wenn die Tschetschenen sich vom geliebten Heimatland trennen wollen und die Schläger festnehmen, wenn sie die von der Staatsmacht und ihren Geheimdiensten gezeichneten Grenzen überschreiten. Eigentlich wurde auf genau diese Weise das Russische Reich bis 1917 zusammengehalten, als es wie ein Luftballon zerplatzte, um sich danach in blutigen Krämpfen des Klassenkampfes für ein paar Jahrzehnte in die Sowjetunion zu verwandeln. Die Russische Föderation leidet an den gleichen Krankheiten eines Imperiums, die obendrein verstärkt werden durch die totale Korrumpiertheit der Behörden, die Rückständigkeit der Wirtschaft und den fortschreitenden gesellschaftlichen Verfall.

Es gibt eine ganze Reihe von Problemen, die Russland in die Sackgasse führen. Einerseits will eine gewaltige Zahl ethnischer Russen tatsächlich nicht mit Menschen anderer Nationalitäten zusammenleben – und kann es auch nicht. Das Russische Reich und die Sowjetunion haben selbst schon die Möglichkeit einer Vermischung unterdrückt. Die Russische Föderation, gezwungen, in einer Welt zumindest relativer Demokratie zu leben, vermag dies schon nicht mehr.

Zur Aufrechterhaltung der ethnischen Balance wäre es natürlich unabdingbar, die Regionen mit überwiegend nichtrussischer Bevölkerung zu entwickeln – einfacher gesagt, alles Mögliche zu tun, damit die Bewohner der kaukasischen Republiken bei sich zu Hause Arbeit und Verwendung finden. Das würde die Probleme nicht völlig lösen, sie aber lindern.

Jedoch ist die russische Wirtschaft nach der Logik der korrupten Zentren aufgebaut – wobei natürlich das wichtigste dieser Zentren traditionell die Hauptstadt ist. Diese Position der Hauptstadt ist deren Bewohnern ganz recht, nur die Zugereisten sind ihnen nicht recht. Schon mehrere Jahrzehnte in Folge will der gemeine Moskauer, der in der Regel selbst ein Zugereister aus irgendeiner bettelarmen Provinz ist, die Wechselwirkung zwischen dieser Position der Hauptstadt und der größer werdenden Zahl an Zugereisten, die einfach nirgendwohin sonst mehr können, nicht wahrhaben.  Aber so ist es ohnehin in jeder großen Stadt.

Dabei ist es verständlich, der wachsende Hass zwischen den Nationalitäten in Moskau nur die Isolation der Peripherie fördern kann. Russen gibt es im Kaukasus ohnehin schon kaum noch, die Nordkaukasusrepubliken haben sich praktisch in Feudalbesitztümer ihrer Eliten verwandelt. Für eine wirkliche Abspaltung fehlt nur noch ein Umstand: die Schwächung des Zentrums, die in Russland üblicherweise plötzlich vonstattengeht.

Das aber ist noch nicht die Tragödie selbst, sondern deren Voraussetzungen. Man sollte nicht glauben, dass die russischen Faschisten die Tataren mehr mögen, als die Tschetschenen – sie fangen eben nur mit den Kaukasiern an. Gelingt es, den Kaukasus loszuwerden, dann werden die Völker des Wolgagebietes als nächste an der Reihe sein, umso mehr als die Tataren viel einflussreicher in der modernen russischen Gesellschaft sind, als die Kaukasier zusammengenommen. Aber in Tatarstan und anderen Republiken an der Wolga leben die Urnationen mit den Russen zusammen. Und hier stellt sich die Frage: Reicht die Vernunft aus, um eine gegenseitige Konfrontation im Wolgagebiet zu verhindern, umso mehr als die tatarischen Nationalisten jegliche Gewalt von Seiten ihrer russischen Kollegen ausnutzen werden. Aber selbst, wenn wir annehmen, dass die multinationale Bevölkerung Tatarstans sich als vernünftiger erweist als die Bevölkerung der russischen Gebiete und Regionen, so ist das Problem des Enklaven-Daseins dieser und anderer Republiken des Wolgagebietes noch nicht behoben: sie haben einfach keine Außengrenzen.

Genau deshalb sind der Faschismus und Konfrontationen zwischen den Nationalitäten eine furchtbare Tragödie für Russland, da sein Zerfall in einer aberwitzigen Katastrophe abzulaufen droht. Das, was wir in Birjuljowo beobachten, ist die Probe für solch eine Katastrophe, das verkleinerte Modell eines nahenden Alptraums.

Natürlich kann man das alles noch abwenden – durch Wirtschaftsreformen, die die Allmacht der Beamten beschränken und Chancen schaffen für die Entwicklung der Regionen, durch einen wirklichen Kampf mit Schlägern und Faschisten, durch eine Stärkung der föderativen Institute, die Russland rechtzeitig aus einem zentralisierten, plumpen Monstrum mit Putin an der Spitze in eine wirkliche Föderation verwandeln, eine Union gleichberechtigter Völker, in der die Russen endlich einen würdigen und ihnen gebührenden Platz einnehmen – den einer der Ethnien dieser Union, und keineswegs den eines „großen Bruders“. All diese Ansätze aber sind marginal. Sie werden nicht nur nicht vom Staat geteilt, sondern ebenso wenig von der Mehrheit der russischen Gesellschaft. Genau deshalb ist die Verwandlung ganz Russlands in ein großes Birjuljowo nur eine Frage der Zeit.

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