Wiktor Fjodorowitsch Leviathan

Wiktor Fjodorowitsch Leviathan

Wiktor Janukowytsch

Wiktor Janukowitsch
(Foto: Thierry Ehrmann / flickr.com)

von Michail Dubinjanski, zuerst erschienen am 4. Dezember 2013 bei Ukrajinska Prawda

Im Jahr 1651 erschien in England Thomas Hobbes bekanntes Traktat über den Staat – „Leviathan“. Das Titelblatt zeigte einen gigantischen Menschen, der von einer Menge kleiner Menschen gebildet wurde. Gemeint war damit, dass eben dies die wahre Natur der Staatsmacht sei: Eine einzige Person, gebildet aus einer Masse Personen auf der Grundlage eines Gesellschaftsvertrages.

Die Idee, Millionen Menschen könnten sich in einen Monolithen verwandeln, war enorm beliebt unter Kabinettsphilosophen. Hier findet man auch die Begriffe „Gesellschaftsvertrag“ und „nationale Souveränität“ und „Diktatur des Proletariats“.

Niemand erklärt aber, wie eine Masse untereinander unbekannter Persönlichkeiten praktisch stillschweigende Verträge schließen kann, in der Rolle eines Souveräns auftreten oder diktatorische Funktionen ausüben. Aber das ist auch nicht wichtig. Kohärenztheorien leben und blühen in ebenjener Umgebung, in der sie geboren werden: in Büchern und akademischen Diskussionen. Zur realen Praxis hat all das nicht den geringsten Bezug.

In der Praxis verwandeln sich Millionen kleiner Menschen niemals in ein ganzes Großes. Dafür kann ein kleiner Mensch nach oben kommen, indem er auf Millionen anderen thront.

Genau so ist der echte staatliche Leviathan aufgebaut. Das Individuum, das oben sitzt, strebt immer nach der Vergrößerung seiner Macht. Der Rest hängt davon ab, wie viele Menschen unten bereit sind, ihren persönlichen Raum, ihre Freiheit und ihren Besitz zu verteidigen.

Wenn es viele solcher Individuen gibt, ist das staatliche Menschlein gezwungen, mit ihnen zu rechnen und verhält sich mehr oder weniger anständig. Wenn es wenige Menschen sind, wenn es überhaupt keine gibt, wenn der oben Sitzende sie nicht sieht – dann führt er ein zügelloses Leben.

Viele hat das erniedrigende Gefühl der Machtlosigkeit, die Situation der hilflosen Geiseln des WFJ [Wiktor Fjodorowitsch Janukowitsch], bedrückt. Viele haben Schlagzeilen des Typs „Die Ukraine verzichtet auf die Assoziation mit der EU“ verärgert. Schließlich, so sagen sie, hat ganz und gar nicht die Ukraine auf das Abkommen mit der Europäischen Union verzichtet, sondern der niederträchtige und abscheuliche Janukowitsch! Es ist schwer, dem nicht zuzustimmen. Aber stellen wir uns vor, dass Wiktor Fjodorowitsch sich entschieden hätte, sich nicht mit Wladimir Wladimirowitsch [Putin] zu einigen, sondern doch das Assoziierungsabkommen in Vilnius unterzeichnet hätte. Dann hätte die Nachrichtenschlagzeile „Die Ukraine wählt die EU“ keine Ablehnung hervorgerufen. Niemand hätte darüber nachgedacht, dass die Ukraine kein Subjekt ist und im Prinzip gar nicht wählen kann. In jedem Fall wäre die Wahl die freie Entscheidung Präsident Janukowitschs gewesen. Dabei hätte der Mensch aus Meschigorje beim Unterschreiben des Assoziierungsvertrags den Menschen aus Obolon oder Trojeschtschina keine Beachtung geschenkt. Er hätte von nun an öfter den hochgestellten Menschen aus Brüssel zugelächelt – das ist alles.

Wie paradox es auch sei, das Scheitern der Assoziation mit der EU hat jenen nicht gleichgültigen Ukrainern nur genützt. Es hat eine erzwungene Ernüchterung herbeigeführt. Die Illusion von der konsolidierten „Ukraine“, die irgendwohin geht, ist verschwunden.

Es wurde offensichtlich, dass Wiktor Fjodorowitsch individuell über die Schicksale von Millionen Bürgern verfügt und dass sie ihm von Herzen egal sind. Es wurde klar, dass der gute europäische Onkel niemandem die Erlösung bringt.

Man musste nun selbständig handeln. Wütend geworden, sind die gemeinen Menschen in die Auseinandersetzung mit dem staatlichen Menschen eingetreten.

Heute werden für die Bezeichnung des Gegners solche Euphemismen wie „Banden“, „Okkupanten“, „Horden“ usw. verwendet. Niemand will Wiktor Janukowitsch, Nikolaj Janowitsch und den Berkut-Spezialeinheiten von der Krim die stolze Bezeichnung „Staat“ zuerkennen. Einen echten Staat – so meint man – gibt es bei uns nicht. Einen echten Staat, einen guten und zivilisierten, gibt es bei denen im Westen. Aber die dortige Zivilisiertheit ist nicht durch die Stärke des Staates begründet, sondern durch seine Beschränktheit. Der normale westliche Mensch hat viel zu viel Privatbesitz, Selbstachtung, Unternehmungsgeist und die Bereitschaft das Seine zu verteidigen. Das fesselt und hemmt die westlichen Menschen, die oben sitzen. Sie können nicht alles realisieren, nach dem sie streben. Die charakteristischen Züge eines Staates sind gedämpft und es entsteht der Eindruck als hätten wir es mit irgendeinem freiwilligen Zusammenschluss zu tun.

Wenn aber die Staatsmacht durch nichts beschränkt ist, zeigt sie sich in aller Pracht, und ihr wahres Wesen wird offenbar: die legalisierte Gewalt der einen Menschen über die anderen. Diese Gegebenheit kann man schon nicht mehr mit schönen Erfindungen im Geiste von Hobbes und Rousseau tarnen. Genau so stehen die Dinge bei uns.

Die ukrainischen Intellektuellen haben Janukowitsch immer für seine mangelnde Bildung verachtet. Aber dies ist genau der Fall, in dem scheinbares Buchwissen nur schadet. Das Gehirn Wiktor Janukowitschs ist nicht durch „Gesellschaftsverträge“, „nationalen Souveränitäten“ und ähnliche Phantome verstopft. Janukowitsch versteht die Staatspolitik als Interaktion verschiedener Persönlichkeiten: des Papstes, der Vertrauten des Papstes, Rinat Achmetows, Putins und weiterer. Solch ein Blick auf die Dinge ist viel adäquater als irgendjemandes intellektuelle Phantasien. Ein ungebildeter Landstreicher, der sich am Feuer wärmt, weiß über das Feuer mehr, als ein Schlaumeier, der eine haltlose Phlogistontheorie aufstellt.

Glücklicherweise bringt das Oberhaupt des ukrainischen Staates der fauligen Intelligenz nach und nach die Flötentöne bei. Er lässt uns nicht in Ruhe zwischen eleganten Worthülsen leben.

Solange Wiktor Fjodorowitsch den großen Eurointegrator gab, konnte man noch über die „geopolitische Wahl der Ukraine“ und solche Dinge reden. Aber als Janukowitsch sich zeigte, brach all dies zusammen. Wir fanden uns in der realen Welt wieder, wo nicht Abstraktionen wirken, sondern konkrete Persönlichkeiten.

Hier hat man es zwangsläufig nicht mit einer zusammengefassten „Staatsmacht“ zu tun, sondern mit lebenden Staatsmenschen. Zum Beispiel mit den Berkut-Soldaten, die brutal Demonstranten zusammenschlagen. Mit anderen Sicherheitskräften, die nicht bereit sind ihr menschliches Antlitz zu verlieren. Mit dem die Befehle gebenden Minister Sachartschenko. Mit dem Leiter der Präsidialverwaltung Ljowotschkin, der mit der progressiven Künstlerin Sinaida verheiratet ist und seinen Rücktritt eingereicht hat. Mit den Mitarbeitern des Kabinetts, die nicht zu ihren Arbeitsplätzen im blockierten Gebäude gelangen konnten.

Trotz der Losungen, gibt es hier kein abstraktes „Volk“ oder eine monolithische „Nation“. Es gibt konkrete Menschen, die empfindlich getroffen und bereit sind auf die Straße zu gehen um ihrer selbst und ihrer Kinder willen. Andere Menschen gehen auf die selben Straßen hinaus, um zu provozieren.

Wieder andere bleiben zu Hause, begnügen sich mit der Rolle der sympathisierenden, feindseligen oder gleichgültigen Beobachter.

Die Interessen der Mehrheit der Individuen sind auf die seltsamste Weise miteinander verflochten. Jemand benutzt jemand anderes, jemand lässt sich benutzen, jemand will nicht, dass man ihn benutzt, wird aber dennoch von jemandem benutzt.

Die einen verlieren zwangsläufig, und die anderen bleiben auf der Gewinnerseite. Jemandes Hoffnungen werden wahr und jemandes Hoffnungen werden begraben. Und heute kann niemand die morgige Konstellation vorhersagen.

Das ist mehr als eine Revolution – das ist das reale Leben. Hier bleibt kein Platz mehr für abstrakte theoretische Schemata. Dafür hat der staatliche Leviathan Vor-, Nach- und Vatersnamen.

Michail Dubinjanskij, UP

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