Denkmalsturz in Kiew

Good Bye, Lenin!

Die Sowjetunion beginnt mit einem Lenin-Denkmal – und hört niemals auf. Witali Portnikow zum Sturz des Lenin-Denkmals in Kiew, zuerst erschienen auf NEWSru.ua am 9. Dezember 2013.

Witali Portnikow

Witali Portnikow

Die öffentliche Meinung brodelt, weil das Denkmal Wladimir Lenins vom Sockel verschwunden ist. Ich weiß nicht, ob meine Landsleute, die über dieses Verschwinden als einen Akt des Vandalismus sprechen, der in Europa undenkbar wäre, merken, dass kein einziger europäischer Politiker das Geschehen ähnlich charakterisiert hat, dass für die westlichen Fernsehsender, die über die Ereignisse in Kiew berichten, der Sturz Lenins kaum ein größeres Symbol war als der Majdan selbst. Roman Schrajk hat die Situation hervorragend erfasst: für viele Zuschauer dieser Fernsehsender war nicht das Verschwinden Lenins eine Neuigkeit, sondern die Tatsache, dass dieser Granitgötze bis zum heutigen Tag in der Hauptstadt eines Landes stand, das eine europäische Zukunft für sich reklamiert. Denn ein europäisches Land mit einem Lenin-Denkmal gibt es nicht und kann es nicht geben. Natürlich wäre ich selbst auch sehr viel glücklicher, wenn das Lenin-Denkmal auf Beschluss der Stadtverwaltung demontiert und irgendwohin in einen Park für solche Götzenbilder abtransportiert worden wäre. Aber dass es genau so passiert ist, ist das Ergebnis der Verlangsamung unserer zivilisatorischen Entwicklung nach der Ausrufung der Unabhängigkeit der Ukraine – und diese Verlangsamung hat eben auch dazu geführt, dass unser moralischer Kompass zerbrochen zu sein scheint und viele von uns Lenin einfach nicht mehr bemerken und nicht mehr zu verstehen versuchen, wie Kiew oder Charkow oder Donezk mit solch einem Denkmal aussieht. Aber ich sage es Ihnen: wie die Sowjetunion. Mit dem Lenindenkmal fängt sie an und hört nie mehr auf, egal was für neumodische Boutiquen rundherum aufgemacht werden. Denn Lenin ist nicht Cromwell, der für immer in London blieb. Und nicht einmal Bandera – natürlich schreibt hier jeder über Bandera – und wie. Weil Bandera aus der welthistorischen Sicht nur der Akteur einer nationalen Befreiungsbewegung ist, an dem jeder seine Maßstäbe von Moral und Zweckmäßigkeit anlegen kann. Aber Lenin – das ist das Symbol des triumphierenden Bösen – des triumphierenden. Wie Stalin. Wie Hitler. Wie Mussolini.

Denkmalsturz in Kiew

Denkmalsturz in Kiew
(Quelle: twitter.com/aronets)

1993 war ich beim Abbruch des letzten Stalindenkmals in Europa in der albanischen Hauptstadt Tirana dabei. Und ich habe mich für die Albaner gefreut, die uns endlich nach dem jahrzehntelangen Alptraum der Enver Hoxha-Zeit ähnlich wurden – schließlich war der Abbruch des Lenindenkmals am Platz der Oktoberrevolution, der zum Majdan geworden war, niemandem von uns unangenehm – so wollten wir uns von all dem befreien. Und als einer der Arbeiter, die das Stalindenkmal abbauten, am Platz des Tyrannen die albanische Fahne aufstellte, habe ich verstanden: das Land gesundet. Ich bin ein Zeuge der Geschichte dieser Gesundung. Jetzt hat auch mein Land begonnen – wenn auch auf seine Weise, wenn auch unter Schmerzen – gesund zu werden. Und unsere Aufgabe ist es, es zu heilen, nicht aber zu bedauern, dass wir auf diesem Boulevard [dem Taras-Schewtschenko-Boulevard], der den für die Ukrainer teuersten Namen trägt, nie wieder jenes Granitdol sehen werden, nicht aber untereinander zu diskutieren, ob es eine Provokation war, Rowdytum oder böser Vandalismus. Diejenigen, die den Majdan auseinanderjagen wollen, kommen auch ohne Lenin aus – wie auch Lenin die Menschen ohne besonderen Anlass dahingerafft hat. Ihnen und mir aber kommt es darauf an, dass wir ohne das Auseinanderjagen von Demonstrationen, ohne Blut, ohne Böses in der Seele leben. Und ohne Iljitsch.

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