Der Euromajdan als Brutkasten einer „neuen Realität“

Der Euromajdan als Brutkasten einer „neuen Realität“

Der Euromajdan in Kiew

Der Euromajdan in Kiew
(Quelle: wikimedia commons / Sergento)

Andrej Bondarenko zur Bedeutung der Proteste in der Ukraine. Zuerst erschienen bei LB.ua am 9. Dezember 2013. Was ist der Euromajdan und was ist das Wesentliche an ihm? In den letzten Tagen konnte man viele Antworten auf diese wichtige Frage lesen und hören. In der Regel befassen sich die mehr oder weniger ernsthaften Erklärungen mit der Vertiefung in ausgeklügelte politische Prognosen und komplizierte soziologische und wirtschaftliche Berechnungen. Solche Kalkulationen weisen überzeugend darauf hin, dass der studentische Enthusiasmus eine Sache ist, die wirkliche Realität aber etwas anderes. Und das eine hat mit dem anderen nicht sehr viel zu tun. Das ist die Meinung der Herren seriösen Analysten. In ihr gibt es aber einen wesentlichen Fehler.Die bemerkenswerten wirtschaftlich-politischen Überlegungen gehen von jener Realität aus, die uns genau jetzt umgibt. Meiner Meinung nach liegt das Wesentliche des Euromajdan eben darin, dass er in der Lage ist, diese Realität zu verändern. Auf welche Weise? Indem er zuerst die Menschen verändert.Sinn und Bedeutung des Euromajdan bestehen nicht in einem genau gewählten Handlungsplan, nicht im Realitätsnähe der gestellten Aufgaben. Das Wesentliche ist in ihm selbst. Er ist ein Wert an sich. Und dabei einer jener Werte, deren Gegenwart die Fähigkeit hat, die umgebende Welt zu verändern. Erinnern wir uns an die weltweiten Studentenunruhen 1968. Brachten die irgendwelche konkreten wirtschaftlich-politischen Ergebnisse? Wie Historiker bestätigen, sind sie eher gescheitert. Nach dem Aufbruch folgte die Reaktion. Wir aber verstehen heute, dass der Grundwert jener Ereignisse darin liegt, dass nach ihnen die Welt schon nicht mehr so war wie früher. Das Häuflein Sorbonne-Studenten hat die Realität verändert. Der Druck blieb, aber die Autoritäten fielen weg. Man konnte freier atmen. Und an der neuen Luft wurden von nun an schon ganz andere Menschen geboren. Das ist das Hauptergebnis der Maiereignisse von 1968.

Letzten Endes wird, meine ich, auch heute auf den ukrainischen Plätzen über Autoritäten gesprochen. Genauer gesagt über den Abschied von ihnen. Gemeint ist nicht nur die Autorität von Persönlichkeiten. Auch die Autorität – und die Last – bestimmter Werte, bestimmter Traumata, bestimmter unsichtbarer Banalitäten.

Janukowitsch hätte nicht besser für Gelächter sorgen können, als er sich aus der Position eines „Vaters der Nation“ an die Ukrainer wandte. Aber von der Dramaturgie her betrachtet ist es recht gut geworden – auf der einen Seite der „Vater“, auf der anderen die „Rotznasen“ mit ihren Fahnen und Tänzen. Wer setzt in dieser Situation auf die „Rotznasen“? Die Sache ist die, dass diese „Rotznasen“ jetzt selbst auf sich setzen. Sie brauchen keine Führung. Indem sie auf den Majdan herausgehen, lassen sie ihre „Rotznasigkeit“ hinter sich, auf dialektische Weise lassen sie Väterchen Janukowitsch auf der vorigen postsowjetischen Evolutionsstufe der Entwicklung zurück. Und das ist toll!

Der Euromajdan – das ist so etwas wie ein Initiationsritus für jene, die es satt haben, ständig über sich den knebelnden Schatten der postsowjetischen Vaterfiguren zu spüren (eben der postsowjetischen, denn sowjetische gibt es schon lange nicht mehr, es geht nicht um den Sowjetmenschen, sondern den Post-Sowjetmenschen). Der Euromajdan – das ist ein unbekümmertes Abenteuer, eine epische Aufgabe, nach deren Bestehen du nicht mehr der sein kannst, der du bis jetzt warst. Du veränderst dich. Das ist ein Ereignis, das es nur einmal im Leben gibt. Wenn du aus diesem Ereignis herausgehst, wirst du zu dem, der du nun bis zu deinem Tod sein wirst. Ein solches Ereignis hat schon einmal stattgefunden: der Zerfall der Sowjetunion. Er hat den Stamm der Postsowjetmenschen hervorgebracht, den man schon nicht mehr ändern kann. Und nun endlich (!) erscheinen die Post-Postsowjetmenschen. Wobei: Wozu brauchen wir noch diese komplizierten „Post-post“-Konstruktionen? Besser so: die „neuen Ukrainer“.

Indem sie sich unbekümmert in die große Politik einmischen, in die große Ökonomie, indem sie auf die Plätze herausgehen mit (seien wir aufrichtig) platten Losungen, verändern die „Rotznasen“ langsam ihren Verstand und ihren Körper. Wie in einem Fantasyfilm gehen in ihnen unumkehrbare Transformationen vonstatten – es entsteht ein Rückgrat aus einem neuen, festeren Material als vorher, im Kopf werden neue Programme geladen, die das alte, vorsintflutliche „Windows“ umformatieren. Stellen wir uns ein großes Nest vor, in dem plötzlich uns unbekannte Wesen zu schlüpfen beginnen – die „neuen Ukrainer“. Sie sind noch nicht sehr gescheit, nicht sehr weise, nicht sehr weitblickend. Aber sie sind neu. Ihnen fehlt der Instinkt der Unterwürfigkeit. Nicht allen. Aber je länger der Majdan andauert, desto größer wird die Zahl der Umformatierten, „Neuen“. Genau darin liegt der Wert des Euromajdan. Es ist der Geburtsprozess einer neuen Realität, den man nicht mit den Methoden der Extrapolation vorausberechnen kann.

Wir, alle anderen, alle Post-Sowjetmenschen, die noch früher geschlüpft sind, müssen uns jetzt auch unbekümmert daran machen, diesen neuen Geschöpfen zu helfen. NICHT, indem wir ihnen viele Fragen stellen. Einfach indem wir helfen, womit wir können. Uns wird ihr Euromajdan schon nicht mehr verändern. Aber wir müssen es auch schon nicht mehr für uns tun. Sondern um der Werte willen, die Anfang der 1990er Jahre für kurze Zeit in der Luft flimmerten – Freiheit, Vielfalt, Grenzenlosigkeit, Empörung, Verweigerung – und die wir erfolgreich vergeudet haben. Die Stafette weitergeben, das ist es, was wir jetzt tun können – und nicht gekrümmt von der Last der eigenen Erfahrung vor uns hin brummen. Es gibt nichts, was zu verbergen wäre – unsere Erfahrung ist Mist! Kurze Ausbrüche utopischer Illusionen in der Dunkelheit des Lebenssumpfes. Das ist keine Erfahrung, das ist Humus. Aber aus ihm kann etwas anderes erwachsen.

Hier ist unsere Chance. Hier ist das Wesen des Euromajdan konkret für uns Post-Sowjetmenschen. Und was der Majdan für sie, die „neuen Sprösslinge“ ist, das werden wir schon nicht mehr erleben und verstehen.

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