Zusammengeschlagene Journalistin Tetjana Tschornowol

Der Westen versteht uns nicht

von Dmitri Litwin, zuerst erschienen bei LB.ua am 25. Dezember 2013

Der Angriff auf Tetjana Tschornowol und der Überfall auf den Organisator des Majdan in Charkiw hat alles wieder ins rechte Licht gerückt. Mit dieser Regierung ist kein Frieden möglich, mit ihr ist kein Dialog möglich.

Zusammengeschlagene Journalistin Tetjana Tschornowol

Überfallene Journalistin Tetjana Tschornowol
(Quelle: www.facebook.com/dmitry.bulatov)

Wenn das Regime den Protest nicht mit seiner offiziellen Spezialeinheit auseinanderjagen kann, setzt das Regime seine inoffizielle Spezialeinheit ein. Victoria Nuland und andere hochrangige Vertreter des Westens haben Janukowitsch nichts davon gesagt, dass es keinen Sinn macht, zu versuchen, den Majdan mit Hilfe von Mafiamethoden zu vernichten, – sie haben ihm gesagt, dass es keinen Sinn macht zu versuchen, den Majdan mit Hilfe von Polizeimethoden zu vernichten.

Gerade eine Niederschlagung des Majdan mit Polizeimethoden würde zum Anlass für die Einführung wie auch immer gearteter Sanktionen gegen das Janukowitsch-Regime als Ganzes oder gegen einzelne seiner Bosse im Detail. Aber wie ist es bei Mafiamethoden?

Die westliche Welt versteht es gegen Oldschool-Diktaturen zu kämpfen. Mit jenen, die offiziell handeln. Sie unterdrücken offiziell, zensieren offiziell, rotten offiziell alles Unpassende aus – d. h. mit Diktaturen, die für das 20. Jahrhundert typisch sind. Hier und da haben sich solche Diktaturen tatsächlich bis heute gehalten – z. B. in Nordkorea oder im Iran.

Die rückständige Welt aber geht derweil zu einer anderen Form des Diktats über, zur inoffiziellen, zur neuen Schule der Diktatur – zu jener Schule, die an der Nahtstelle zwischen Mafia und Politik entsteht, an der Nahtstelle zwischen Geheimdiensten und Politik. Der Westen hat dem nichts entgegenzusetzen. Noch nichts.

Aber eigentlich braucht sich der Westen jetzt nur an eine konkrete Epoche zu erinnern – die Epoche des Kampfes für die Bürgerrechte in Amerika. In den Südstaaten. Zum Beispiel in Mississippi.

Es mag seltsam klingen, aber sobald ich vom Überfall auf Tetjana Tschornowol erfuhr, habe ich gleich an den Film „Mississippi Burning“ gedacht. Das was dort gezeigt wird, ist nahezu das, was bei uns passiert. Und zwar schon von der ersten Szene dieses Filmes an: als die Rassisten-Gruppe mit ihren Autos die Bürgerrechtsaktivisten verfolgt, sie einholt und ermordet. Schauen sie sich diese erste Szene an, wenn sie den Film nicht gesehen haben:

Im übrigen Teil des Films geht es um die Aufklärung dieses Verbrechens und darum, wie die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden. Hintergrund ist der Kampf für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner.

Tetjana Tschornowol wurde zum Glück nicht ermordet. Aber, so kann man vermuten, je näher wir den Präsidentschaftswahlen kommen, die sich Janukowitsch nicht erlaubt zu verlieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Aktivisten, Kämpfer für Demokratie und Freiheit, und somit gegen Janukowitsch, auch ermordet werden.

Wir kämpfen hier nicht nur gegen ein korruptes Regime, der Majdan hat sich nicht einfach gegen die Herrschenden versammelt, die z. B. denken, dass man still und heimlich die Ukraine von Europa abwenden kann, – wir kämpfen hier konkret gegen die Segregation. Das muss der Westen verstehen, das müssen jene verstehen, von denen es abhängt, ob auf das Janukowitsch-Regime der notwendige Druck ausgeübt wird.

Uns regieren heute Leute, die absolut überzeugt sind, dass genau sie der Macht würdig sind, dass alle Ressourcen der Gesellschaft genau für sie da sind, dass nur sie wissen, wie man leben muss und wo wessen Platz ist. Und genau deshalb machen sie all diese wüsten Dinge, die uns empören, – angefangen damit, dass sie eigensinnig das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aufgegeben haben, bis dahin, dass sie z. B. eigensinnig entschieden haben, dass Kiew keine freien Bürgermeisterwahlen verdient.

Sie denken, dass alles in der Ukraine für sie da ist, wie alles im Staate Mississippi einst für die Weißen da war. Und für uns – so denken sie – gibt es nur die Möglichkeit, uns zu unterwerfen und den Kopf nicht zu recken, um uns so ihre Gnade zu verdienen. Wie ein Negativprotagonist des von mir erwähnten Films sagte: „es existieren zwei Kulturen – die weiße Kultur und die schwarze Kultur; so war es immer, so wird es bei uns für immer bleiben“.

Und genau daran arbeiten sie jetzt auch. Wenn sie den Majdan ignorieren, wenn sie ihre runden Tische veranstalten, wenn sie sich für den Kreml entscheiden und nicht für Brüssel, und natürlich wenn sie offiziell unterdrücken und versuchen ihre Gegner inoffiziell zu erdrücken.

Jetzt haben sie Tetjana Tschornowol auf der Vorortstraße ganz genauso abgefangen und verprügelt, wie die Rassisten auf den Straßen des Staates Mississippi Afroamerikaner gefangen und verprügelt haben, die, nach Meinung der Rassisten, im Kampf für ihre Freiheit zu weit gegangen sind. Wie es einer der Negativprotagonisten des von mir erwähnten Filmes sagt: „Uns gefällt es nicht, wenn Fremde hier Befehle geben als seien sie zu Hause. Ich sage, dass die Neger hier am Glücklichsten waren, bevor diese Bürgerrechtler hier hereingeschneit sind und Staub aufgewirbelt haben. Bis dahin haben sie es nicht mal gewagt, das Maul aufzumachen.“

Genau dieses Zitat enthält die Antwort auf die Frage danach, was das für eine „Zarjow-Liste“ ist, mit Hilfe derer ein Parlamentsabgeordneter von der regierenden Partei versucht, Bürgern anderer Länder, die der Ukraine helfen wollen, ein freies und in die freie Welt integriertes Land zu werden, die Einreise in die Ukraine zu verbieten. Genau dieses Zitat enthält die Antwort auf die Frage danach, wie sich jene zu allen unseren Protesten verhalten, die in der Ukraine die ganze Fülle der Macht ergriffen haben.

Und das Ziel dieser „Halbweltmänner“, dieser zwielichtigen und kriminellen Verbündeten Janukowitschs, die Tetjana Tschornowol verprügelt haben, ist genau dasselbe, wie es die Rassisten in den Südstaaten hatten, dieses Ziel wird im Film ebenfalls hervorragend von einem der Negativprotagonisten ausgedrückt: „Wir haben hier insgesamt 5.000 Schwarze und bis jetzt hat nicht eines dieser Schweine gewählt und es wird auch keines wählen.“ Diese Worte – davon, dass das Wahlrecht der Afroamerikaner irgendwie schon existierte, aber man ihnen nicht erlaubte, ihr Recht zu nutzen. Und eben jene, die jetzt Tetjana Tschornowol verprügelt haben, arbeiten genau daran, dass wir ein Wahlrecht haben, aber wir bei den Präsidentschaftswahlen, wie einst die Afroamerikaner, unser Recht nicht nutzen können.

Unser Kampf gegen die Mafia – das ist so gut wie der Kampf in den Vereinigten Staaten gegen die Segregation. Wenn wir sagen, dass wir uns in die EU integrieren wollen, meinen wir, dass wir die Segregation in der Ukraine besiegen wollen, wir wollen uns integrieren in das Leben unseres (!) Staates, wir wollen uns integrieren in das Funktionieren unserer (!) Regierung. Jetzt sind wir getrennt vom Staat und von der Macht, Staat und Macht sind zu 100% in den Händen Janukowitschs und seiner Vertrauten. In den Händen jener, die Janukowitsch und seine Vertrauten für die Ihrigen halten. Das ist Segregation. Eine inoffizielle Segregation, eine heimliche, nicht ideologisch ausgesprochene. Das ist eine Segregation, die du nicht an solchen Merkmalen wie der Hautfarbe erkennst. Oder der sozialen Herkunft. Aber eine Segregation nicht weniger niederträchtig und schändlich wie jene, die einst in den Vereinigten Staaten besiegt wurde.

Und wir müssen bekennen, dass unsere Hoffnung auf Erfolg in unserem Kampf gegen die Segregation nicht allzu stark ist. Aber sie wird stärker werden, wenn die Staaten des Westens endlich verstehen werden, dass sie es mit einem Volk zu tun haben, das nicht einfach gegen die Korruption kämpft, nicht einfach gegen eine Renaissance der Sowjetunion in neuer Gestalt und nicht einfach für die europäische Integration, sondern dafür, dass unser Staat auf dem Prinzip aufbaut: alle Menschen sind von Geburt gleich, und niemand kann gleicher sein als die anderen, weder Janukowitsch noch irgendein anderer Präsident oder Wirtschaftsmagnat.

Einstweilen reist die herrschende Clique fast vollständig in den Westen ab, um das neue Jahr und Weihnachten zu feiern. Seine inoffizielle Spezialeinheit lässt Janukowitsch in der Ukraine zurück, auf dass sie prügeln und einschüchtern. Und die westlichen Staaten müssen verstehen, dass ihre Untätigkeit gegenüber unserer herrschenden Clique jetzt automatisch eine Gefahr für Gesundheit und sogar das Leben jener bedeutet, die hier für bürgerliche Gleichheit und Demokratie kämpfen.

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