Patriarch Kyrill: Westen betreibt Verdrängung christlicher Werte

Patriarch Kyrill: Westen betreibt Verdrängung christlicher Werte

Im Weihnachtsinterview des Patriarchen Kyrill wurde wieder einmal deutlich, dass die Führung der Russisch-Orthodoxen Kirche im Gleichschritt mit der Führung des Landes marschiert. Dass das Kirchenoberhaupt ausgerechnet dem Schwulenhasser und neuen Chefpropropagandisten des Kreml, Dmitri Kisseljow, eine Audienz gewährte, war nur ein erstes Anzeichen. Wobei es einigermaßen absurd anmutet, dass jener Meister der schrillen Töne die erste Wahl für ein besinnlich-feierliches Weihnachtsinterview mit dem Gottesmann gewesen sein soll.

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Inhaltlich aber lagen die beiden voll auf einer Linie. Denn der Patriarch versäumte es nicht, gen Westen zu schießen, was im Allgemeinen auch Kisseljows bevorzugte Stoßrichtung ist. Im Westen, so Kyrill, werde die „Verdrängung christlicher Werte“ politisch betrieben. Die Verwendung anderer Namen für das Weihnachtsfest etwa sei eine „zielgerichtete Handlung zur Verdrängung christlich orientierter Feiertage aus dem Leben der Menschen“. Wahrscheinlich denkt das Kirchenoberhaupt dabei an Geschichten wie diese. „In einer Epoche, in der die Menschen sehr um die Menschenrechte und die Freiheiten besorgt seien“, so Kyrill, würden sie das Recht und die Freiheit vergessen, „sich offen zum christlichen Glauben zu bekennen“. Es klingt ganz so, als empfinde der Patriarch es als seltsam oder übertrieben, wenn auf Menschenrechte großer Wert gelegt wird.

Kirchen-Druckerei produziert Stalin-Kalender

Dabei hat die russische Kirche noch vor wenigen Jahrzehnten selbst unter einem atheistischen Regime gelitten, dem die Menschenrechte einen feuchten Kehricht wert waren. Umso seltsamer erscheint es, dass man heute wenig Berührungsängste mit jenem Sowjetdiktator hat, der wie kein anderer für den Terror gegen Andersdenkende in Russland steht. Für das gerade angebrochene Jahr 2014 wurde nämlich, wie jetzt bekannt wurde, ein Stalin-Kalender ausgerechnet in einer Druckerei des Patriarchats im Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad gedruckt. Dieser Umstand mag aber einen ganz profanen – nämlich materiellen – Hintergrund haben. Zwar geißelte Kyrill im Interview auch die zunehmende Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes. Bei anderer Gelegenheit ließ er sich mit einer unanständig teuren Uhr der Marke Breguet – Wert: ca. 30.000 € – am Handgelenk erwischen. Auf den offiziellen Fotos war die Uhr wegretuschiert – jedoch so dilettantisch, dass der Schwindel aufflog.

Patriarch Kyrill mit 30.000-Euro-Uhr, links retuschiertes Foto
(Quelle: frAza.ua)

In ihrer Haltung zu dem Massenmörder Stalin folgt die Kirche der milden Haltung, die in der russischen Gesellschaft weit verbreitet ist. So erklärte im März 2013 der Oberpriester Wsewolod Tschaplin, Stalin sei „ein Mensch, in dem es Gutes gab und Schlechtes gab“. Denn er habe „auch eine bestimmte Anzahl für das Land nützlicher Dinge getan“. Auf die Nachricht vom Stalin-Kalender aus kirchlicher Produktion reagierte die russische Netzgemeinde mit Hohn und Spott. So war etwa zu lesen, die Russisch-Orthodoxe Kirche sei offenbar vom Stockholm-Syndrom befallen. Andere nannten das Werk den „Kalender des Gründers und Inspirators der Russisch-Orthodoxen Kirche“, anspielend auf die Zugeständnisse, die ausgerechnet Stalin gegenüber der Kirche machte – im Tausch gegen ihre Unterstützung im Krieg mit Deutschland. 1943 konnte so erstmals wieder ein Patriarch gewählt werden.

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