Nach Umfrage zur Leningrader Blockade: Russischer Oppositionskanal Doschd TV unter Druck

Nach Umfrage zur Leningrader Blockade: Russischer Oppositionskanal Doschd TV unter Druck

Der russische Fernsehkanal „Doschd“ gilt als der Sender der Opposition. Hier kommen Themen zur Sprache und Leute zu Wort, die in den landesweiten kremltreuen Sendern ignoriert werden. So regierungskritisch und andererseits wohlwollend gegenüber Protestbewegungen wird hier berichtet, dass man kaum glauben mag, dass dieser Kanal von russischem Boden aus berichtet. Kein Wunder, dass „Doschd“, zu deutsch „Regen“, zuletzt zum russischen Lieblingssender des ukrainischen Euromajdan erklärt wurde.

Opfer der Blockade auf dem Leningrader Wolkowo-Friedhof

Opfer der Blockade auf dem Leningrader Wolkowo-Friedhof
(Quelle: Wikimedia Commons / RIA Novosti archive, image #216 / Boris Kudoyarov / CC-BY-SA 3.0)

In den vergangenen Tagen jedoch ist der Sender unter Beschuss geraten. Anlass ist eine Umfrage die „Doschd“ zum 70. Jahrestag des Endes der Leningrader Blockade gestartet hatte. Die Zuschauer wurden auf der Website gefragt, ob man nicht „Leningrad hätte aufgeben müssen, um so Hunderttausende Leben zu retten“. Die am 26. Januar online gegangene Umfrage rief in Politik und Gesellschaft einen Sturm der Entrüstung hervor. Eine derart offene und selbstkritische Diskussion der Kriegsereignisse ist in Russland noch immer ein Sakrileg – zumal wenn es um eine solch große Sache wie die Leningrader Blockade geht. Nikolaj Pustotin von Putins Partei „Einiges Russland“ brachte es auf den Punkt:

„Die Ereignisse der Leningrader Blockade müssen als Dogma aufgefasst werden, die es nicht zu überprüfen, sondern zu ehren gilt. Diese Tatsachen bilden die Basis des historischen Andenkens unseres Siegervolkes.“

Doschd TV wurde dementsprechend vorgeworfen eine „frevelhafte Frage“ gestellt zu haben, die „das Andenken der Gefallenen besudelt“.

Recht schnell kam es zu drastischen Forderungen von Seiten der Kritiker des Senders. So sprach sich der Präsident der Vereinigung der Kabelfernsehbetreiber Juri Pripatschkin dafür aus, den Fernsehkanal „abzuschalten“. Der stellvertretende Telekommunikationsminister Alexej Wolin erklärte dazu, es stehe den Kabelfernsehbetreibern frei zu entscheiden, welche weiteren Sender (neben den obligatorischen großen Kanälen) sie ihren Kunden anbieten.

Für die missglückte Umfrage hat sich Doschd inzwischen entschuldigt. Dass diese jedoch der wahre Grund für die Angriffe sind, glaubt man im Sender nicht. Dessen Chefin Natalja Sindejewa erinnerte daran, dass jener Juri Pripatschkin Doschd schon einmal abschalten wollte, damals noch als Vertreter des Internetproviders Akado. Die Anordnung dazu sei von Kreml-Stratege Wladislaw Surkow gekommen.

Neben dem Ausschluss aus den Kabelnetzen droht Doschd auch Ungemach von Seiten der Justiz. Abgeordnete der Kommunistischen Partei wollen die Initiatoren der Umfrage bei der Staatsanwaltschaft anzeigen. Diese hätten eine Tat begangen, die darauf abzielt, das „historische Andenken des russischen Volkes zu entweihen“. Der Sender sieht der Anklage demonstrativ gelassen entgegen.

Quelle: NEWSru.com

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