Russland: Unabhängiger TV-Kanal Doschd vor dem Aus

Russland: Unabhängiger TV-Kanal Doschd vor dem Aus

Ist das das Ende? Der Satelliten-TV-Anbieter „Tikolor TV“ hat entschieden den Oppositionskanal Doschd zum 10. Februar aus dem Angebot zu nehmen. Zuvor hatten zahlreiche andere Kabelfernsehanbieter und Internetprovider bereits angekündigt, die Verbreitung von Doschd zu beenden. Grund – oder besser gesagt Vorwand – war eine umstrittene Umfrage zum Jahrestag der Leningrader Blockade. Dass auch Trikolor TV nun den Daumen über Doschd senkt, wird auch vom Sender selbst – so ist es auf der Website und im Tweet seines Besitzers Alexander Winokurow zu lesen – als „faktische Schließung“ verstanden. Denn dem Kanal bleibt nun zur Verbreitung seiner Inhalte kaum mehr als die eigene Website – keine gute Basis für einen Fernsehsender in einem Land, in dem das klassische Fernsehen noch weitaus dominierender ist als in Westeuropa.

Präsident Medwedew besucht Doschd am 25. April 2011

Präsident Medwedew besucht Doschd am 25. April 2011
(Quelle: www.kremlin.ru)

Dass die umstrittene Umfrage auf der Website des Senders der wahre Grund für die Kampagne gegen Doschd ist, daran glaubt kaum jemand. Die Fragestellung, ob man Leningrad den Deutschen hätte überlassen sollen, um das Leben Hunderttausender zu retten, mag man geschmacklos finden. Deshalb einen ganzen Fernsehkanal zu schließen erscheint jedoch auch im patriotisch gesinnten Russland ziemlich überzogen. Es sieht eher danach aus, als hätte man nur auf einen Vorwand gewartet.
Stutzig macht, dass sich einige Anbieter – darunter Trikolor TV – dem Boykott zunächst nicht angeschlossen hatten, dann aber offenbar gezwungen waren, nachzuziehen. Der Gründer und ehemalige Präsident des Mobilfunkanbieters Wympelkom, der Doschd ebenfalls aus seinem Angebot gestrichen hatte, äußerte in einem Interview mit dem Sender die Überzeugung, dass die Entscheidung über den Ausschluss von Doschd nicht in der Hand der Anbieter liege.

Doschd war am 27. April 2010, in der Amtszeit Dmitri Medwedews, auf Sendung gegangen und galt als Projekt zur Unterstützung einer zweiten Amtszeit des als für russische Verhältnisse liberal geltenden Präsidenten. Erstaunlich offen ist auch das Programm. So kommen bei Doschd Oppositionelle wie Alexej Nawalny zu Wort, die Pussy Riot-Aktivistinnen Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina gaben dem Sender praktisch unmittelbar nach ihrer Haftentlassung ein Interview. Ausgiebig berichtet Doschd auch über die derzeitigen Proteste in der Ukraine. Man reibt sich bisweilen die Augen vor Erstaunen darüber, dass ein solch freies Fernsehprogramm in Russland überhaupt existieren kann. Sollte sich doch etwas zum Guten verändert haben? Die Antwort scheinen wir nun zu bekommen, und sie fällt wohl negativ aus.

Putin-Biographen haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Ereignisse der Orangenen Revolution in der Ukraine 2004/2005 zu einem traumatischen Erlebnis für den russischen Präsidenten wurden. Vielleicht hat eben die aktuelle, ausgiebige und wohlwollende Berichterstattung aus der Ukraine im Kreml zu der Überzeugung geführt, dass man nicht länger warten kann. Schließlich ist der Zeitpunkt unmittelbar vor der Winterolympiade in Sotschi aus PR-Sicht denkbar ungünstig für eine Attacke auf die Pressefreiheit.

Quelle: NEWSru.com

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