Die Zukunft der Krim

Die Zukunft der Krim

Alles weist derzeit darauf hin, dass die Würfel längst gefallen sind. Trotz des noch bevorstehenden Referendums über die Zukunft der Krim scheint diese längst besiegelt. Dabei wurde die Entscheidung darüber – auch wenn uns Russland das weismachen will – nicht in der Krim-Hauptstadt Simferopol gefällt, sondern in Moskau. Russland wird – wenn kein Wunder mehr geschieht – die Schwarzmeerhalbinsel als 84. Föderationssubjekt in sein Staatsgebiet aufnehmen. Welche Folgen hätte das für die Krim?

Jalta

Sehnsuchtsort Jalta
(Quelle: flickr.com / HungryForester)

Die Krim ist eine der wenigen Regionen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, die auch von einer zwar geringen, aber nicht irrelevanten Zahl Touristen aus dem Westen besucht wird. Der Mythos der Krim und insbesondere Jaltas als Sommerfrische der Zaren ist auch in Europa ein Begriff. Angesichts der derzeitigen Lage haben bereits erste deutsche Reiseveranstalter ihre Angebote für die nächsten Wochen gestrichen. Es existiert eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Die Saison 2014 scheint ohnehin gelaufen. Ob langfristig jedoch die internationalen Touristen wiederkommen werden, oder ob die Russen auf der Krim in Zukunft unter sich bleiben, ist ungewiss. Schließlich wird die internationale Gemeinschaft die faktische Annexion der Region nicht anerkennen.

Was ein solcher unklarer Status für ein Gebiet wirtschaftlich bedeuten kann, ist etwa am Beispiel Abchasiens zu beobachten. Einst als Teil der „sowjetischen Riviera“ ein vielbesuchtes Reise-Traumziel des gesamten Ostblocks, ist das Land heute international isoliert. Fast ausschließlich russische Touristen kommen hierher, weil sie die „sowjetischen Preise“ schätzen. Die haben sich hier nicht ohne Grund erhalten. Abchasien überlebt eher schlecht als recht und hängt am Tropf russischer Finanzhilfen. Mit Bildern des Verfalls in Abchasien weisen ukrainische Blogger ihre Noch-Landsleute auf der Krim bereits heute genüsslich darauf hin, was ihnen nach der Abspaltung blühen könnte. Auch wenn solche Vergleiche übertrieben sein mögen – ohne Einbußen wird die örtliche Tourismusbranche sicher nicht davonkommen.

Nachdenklicher stimmt dagegen die politische Zukunft. Dass das Ergebnis des Referendum eine Mehrheit für den Anschluss an Russland sein wird, daran zweifelt niemand. Inwieweit dieses jedoch der realen Stimmungslage auf der Halbinsel entspricht, ist unklar. Und selbst wenn mehr als die Hälfte der Krimbewohner für einen Anschluss sein sollten, so bleibt eine große Zahl an Menschen, die für einen Verbleib bei der Ukraine sind. Schon ein Blick auf die Nationalitätenzusammensetzung in dem Gebiet legt dies nahe. Demnach stehen 60% ethnischen Russen etwa 25% Ukrainer und 12% Krimtataren gegenüber. Letztere sind, nach allem was man hört, mehrheitlich für einen Verbleib bei der Ukraine. Wechselt die Krim in die Russische Föderation, so werden die Gegner dieses Vorgangs quasi über Nacht zu Separatisten. Wie aber wird Moskau mit dieser Bevölkerungsgruppe umgehen? Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es seine repressive Politik gegenüber Andersdenkenden nicht auch auf der Krim anwenden wird.

Vorboten einer solchen Entwicklung sind jetzt bereits zu beobachten. Auf der Halbinsel wurden nicht nur die ukrainischen Fernsehsender abgeschaltet, sondern auch der größte regionale Privatsender. Auf den freigewordenen Frequenzen sind jetzt russische Fernsehsender zu empfangen, die die gewünschte Interpretation der aktuellen Ereignisse verbreiten. Vermehrt wird von tätlichen Übergriffen der sogenannten „Selbstverteidigungskräfte“ auf Journalisten berichtet, wie etwa in diesem Video zu sehen ist:

[youtube]http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=xW0Yskps7ws[/youtube]

Unter Druck steht auch der Sender ATR der Krimtataren, der keinen Hehl aus seinem Eintreten für den Verbleib bei der Ukraine macht. Gestern wurde die ATR-Website durch eine DOS-Attacke lahmgelegt. Derzeit ist unter der Adresse nur noch der Live-Stream des Programms abrufbar. Die prorussische Krim-Regierung droht indes offen, sie werde die Arbeit von solchen Medien, die in ihrer Berichterstattung die „realen Zustände auf der Krim verdrehen“, lahmlegen.

Wenn die nationale Euphorie der prorussischen Krimbewohner einmal verflogen ist, könnte es sein, dass sich angesichts all dessen so mancher fragen wird, ob es richtig war, sich für Russland zu entscheiden. Von Moskau aus betrachtet, stellt sich jedoch noch eine ganz andere Frage: Holt man sich mit der Krim nicht vielleicht einen weiteren Unruheherd ins Haus? Die Türkei, die sich als Schutzmacht der Krimtataren versteht, wird die Ereignisse dort genau im Auge behalten, ebenso wie natürlich die Ukraine und der Westen. So diskret und brutal wie im kaukasischen Hinterhof Russlands werden sich die Dinge auf der Krim nicht regeln lassen. Sollte es trotzdem demnächst zu einem Exodus der Ukrainer und Krimtataren kommen, so wäre dies nicht verwunderlich – im übrigen aber nicht weniger als eine weitere Katastrophe in der Geschichte der Krim.

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