Weiterer Angriff auf die Pressefreiheit: Chefredakteurin von Lenta.ru gefeuert

Weiterer Angriff auf die Pressefreiheit: Chefredakteurin von Lenta.ru gefeuert

Russland erlebt derzeit einen weiteren Angriff der Macht auf unliebsame Medien: Die Chefredakteurin des bekannten Nachrichtenportals Lenta.ru, Galina Timtschenko, wurde gestern völlig überraschend und mit sofortiger Wirkung abgesetzt. Die Entscheidung traf vordergründig der Besitzer des Medienunternehmens Afischa-Rambler-SUP, Alexander Mamut. Timtschenkos Posten übernimmt Alexej Goreslawski.

Erklärung der Redaktion auf Lenta.ru

Erklärung der Redaktion auf Lenta.ru

Grund für den Wechsel an der Redaktionsspitze ist offenbar ein Interview, das am 10. März auf Lenta.ru erschien. Den Fragen eines Journalisten stellte sich dabei Andrej Tarassenko vom ukrainischen „Rechten Sektor“. Diese als rechtsradikal eingestufte, ukrainische Oppositionsbewegung hatte entscheidenden Anteil am Sturz Präsident Janukowytschs. In den russischen Staatsmedien wird derzeit bekanntlich verbreitet, in der Ukraine würden neonazistische Schlägertrupps Angst und Schrecken verbreiten. Dass jemand diesen Gruppen ein Forum bietet, soll dabei offenbar unterbunden werden.

Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor nahm offiziell nur Anstoß an einem Link, den der Beitrag enthielt. Dieser verwies auf ein weiteres Interview mit Dmytro Jarosch, Anführer des Rechten Sektors, unter dem Titel „Früher oder später werden wir dazu verdammt sein, Krieg gegen das Moskauer Imperium zu führen“. Roskomnadsor forderte Lenta.ru dazu auf, den Link zu entfernen. Damit war es jedoch offensichtlich nicht getan, wie sich gestern zeigte. Dem neu eingesetzten Chefredakteur scheinen indessen jedoch seine Mitarbeiter abhanden zu kommen. Ein Großteil der Journalisten von Lenta.ru hat gekündigt oder die Absicht erklärt, dies zu tun. Auf der Seite des Nachrichtenportals wurde eine denkwürdige Erklärung der Redaktionsmitglieder veröffentlicht. Darin heißt es in klaren Worten:

Geschasste Chefredakteurin Galina Timtschenko

Geschasste Chefredakteurin Galina Timtschenko
(Quelle: www.kremlin.ru)

„Die Entlassung einer unabhängigen Chefredakteurin und die Ernennung eines – zudem direkt aus den Büros des Kreml heraus – gesteuerten Chefredakteurs – schon das ist eine Verletzung des Mediengesetzes, das von der Unzulässigkeit einer Zensur spricht. In den vergangenen paar Jahren ist der Raum für freien Journalismus in Russland dramatisch kleiner geworden. Die einen Medien werden direkt aus dem Kreml gesteuert, andere über Aufsichtspersonen und wieder andere durch Redakteure, die Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.“

Erst kürzlich war bekannt geworden, dass der kremlkritische Fernsehsender Doschd kurz vor dem finanziellen Kollaps steht. In die schwierige Lage war der Kanal geraten, nachdem in verdächtiger Einmütigkeit quasi sämtliche Kabelnetzbetreiber beschlossen hatten, seine Verbreitung zu beenden. Wie jetzt auch bei Lenta.ru blieb dabei der Anschein einer freien unternehmerischen Entscheidung gewahrt. Dass hinter den Kulissen der Kreml seine Hände im Spiel hat, liegt dabei auf der Hand.

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