Aus Kiew wird Chicago – Angst vor Kriminalität in der Ukraine

Aus Kiew wird Chicago – Angst vor Kriminalität in der Ukraine

Berichte über grassierende Kriminalität und Rechtlosigkeit in der postrevolutionären Ukraine werden bei uns oft allzu schnell als russische Propaganda abgetan. Dabei tut man den Russen in diesem Punkt womöglich unrecht. Denn in der Tat scheinen viele Ukrainer Angst zu haben angesichts des durch den Regimesturz entstandenen Machtvakuums im öffentlichen Raum, das bisher offenbar noch nicht ausreichend geschlossen werden konnte. Einen Eindruck davon gibt ein Artikel des ukrainischen Bloggers und Majdan-Aktivisten Anton Dmitrijew:

(Erstmals erschienen bei Echo Moskwy am 24. März 2014 unter dem Titel Киев становится Чикаго. Бандиты и власть)

Ich habe mich bemüht, die Regierung nicht zu kritisieren. Zugegeben: es stimmt, dass sie noch keinen Monat arbeiten und es noch nicht einmal schaffen konnten, sich einzugewöhnen. Aber all das ist Unfug.

Graffiti: "Sie gaben ihr Blut für die Freiheit"

Graffiti: „Sie gaben ihr Blut für die Freiheit“
(Quelle: Echo Moskwy / www.echo.msk.ru)

Die Minister und die hohen Beamten haben ihre Büros erst vor kurzem bezogen – einverstanden. Aber die Verwaltungsapparate der Ministerien und Ämter, die Masse an Beamten – womit sind die denn beschäftigt? Aber der Reihe nach:

Am Samstagabend haben sieben Asoziale meinen 17-jährigen Cousin brutal mit Schlagstöcken zusammengeschlagen und –getreten. Er ist jetzt in einer guten Klinik und wird schon in einem Monat wieder laufen können.

Sie haben ihn unweit des Schewtschenkoplatzes in Kiew verprügelt. Nicht in einer entlegenen Kreisstadt, nicht in einem kriminellen Elendsquartier, sondern neben Villen, Hochhäusern und Schlössern. Über einen Monat nach dem Sieg der Revolution.

Er war auf dem Weg nach Hause. Nüchtern. Ein 17-jähriger Junge. Sie aber haben einfach entschieden, sich zu amüsieren und „dem Kleinen zu zeigen, wer hier das Sagen hat“. Sein Stiefvater und seine Freunde haben sich bewaffnet und suchen die Bastarde. Es ist nicht gesagt, dass sie (wenn sie sie finden) noch dazu kommen, ihnen ihre Rechte und das Strafgesetzbuch zu verlesen.

Das Wüten des Verbrechens in der Ukraine insgesamt und in Kiew im Besonderen hat ungesehene Ausmaße erreicht. Die Miliz trifft keinerlei Maßnahmen dagegen, weil sie Angst hat, sowohl vor aktiven Bürgern als auch vor Kriminellen. Im Endeffekt lässt man die Gesellschaft mit den Verbrechern allein.

Neulich bin ich mit meiner Freundin am Botanischen Garten in Kiew spazieren gegangen (in der ukrainischen Hauptstadt ist jetzt richtig Frühling mit tagsüber 18 Grad). Das meistverbreitete Thema der Unterhaltungen dort war die Angst aus dem Haus zu gehen.

Stellen Sie sich vor: Janukowytsch ist verjagt, der Majdan hat triumphiert, aber man hat richtig Angst, aus dem Haus zu gehen! Die Kioske in der Nähe unseres Hauses, die normalerweise um 21 Uhr schließen, sind jetzt schon gegen 19:00/19:30 Uhr sorgfältig verrammelt.

Auf den Straßen ist es sogar im Zentrum unheimlich und Menschen sieht man nach neun Uhr abends praktisch nicht mehr. Die Milizstreifen aber, die sich ukrainische Flaggen an die Autos gehängt haben, ziehen es vor, schnell vorbeizufahren, um nicht auch noch selbst in Schwierigkeiten zu kommen.

Nach der Eröffnung des internationalen Festivals DocuDays am 21. März gegen 22:15 Uhr kehrten zwei meiner Bekannten zu einer der zentralen Metrostationen, Lew-Tolstoj-Platz, zurück. Auf sie und andere Passanten wurde aus einer Pistole das Feuer eröffnet. Gott sei Dank kam niemand zu Schaden.

Einem anderen Kumpel, der gerade auf dem Weg vom Militärlehrstuhl nach Hause war, hielt an der Metrostation Liwobereschna ein zwielichtiger junger Mann ein Messer an den Hals und fragte ihn: „Bist du für die Krim oder für den Majdan?“, worauf dieser antwortete: „Auf dem Heimweg!“. Mit einem Tritt in den Hintern ließ man ihn ziehen.

Ähnliche Fälle mit weniger glücklichem Ausgang kann man zu Tausenden in der gesamten Ukraine zählen. Es entsteht der Eindruck, dass jemand absichtlich Panik und Chaos sät, indem er die Lage verschärft. Kiew kann man jetzt aber ernsthaft mit Chicago in den Dreißigerjahren vergleichen, als das Verbrechen dort Rekorde brach und Mord auf offener Straße an der Tagesordnung war.

Wir sind ständig auf dem Majdan. Aber sowohl Jazenjuk, als auch Klitschko, Tjahnybok, Poroschenko, Tymoschenko und die Minister waren schon seeeehr lange nicht mehr da. Die Politiker, die endlich an die Macht gekommen sind, haben das Volk vergessen, das nicht für sie, sondern für die Freiheit gestorben ist.

In der Menge kam neulich eine recht gut gekleidete Frau zu uns und sagte, dass sie meine Artikel gelesen hätte und mit vielem einverstanden sei. Wir kamen ins Gespräch und sie fragte mich: „Wissen Sie, warum die alle nicht mehr gekommen sind? Arsenij (Jazenjuk) hat dort gerufen „Wenn ich eine Kugel in die Stirn bekomme, dann bekomme ich eine Kugel in die Stirn!“ – und wo ist er und wo ist die Kugel? Ich habe Angst aus dem Haus zu gehen, dabei wohne ich in der Horodezkoho-Straße (im Kiewer Zentrum). Sollen doch sie, all die Minister, auf den Straßen auf Streife gehen und nicht diese zahnlose Miliz.“

Auch meine Mutter steht unter Schock. Sie lebt in Saporischschja und bemüht sich, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße zu gehen. Sie ist in den Fünfzigern und macht sich große Sorgen, hat Angst um mich und um unser ganzes Land. Sie beklagt sich, dass, so sagt sie, die Abgeordneten und Minister im Fernsehen sprechen, aber keiner von ihnen ein Gewehr in die Hand genommen hat und losgefahren ist, um selbst die Krim zurückzuholen, trotz all der lautstarken Erklärungen und Dutzender von Ultimaten.

„Dieser Miroschnytschenko (jener Abgeordnete, der den Interims-Präsidenten der nationalen Fernsehgesellschaft geschlagen hat) sollte lieber an vorderster Front seine Fäuste schwingen. Soll er doch auf der Krim, in Charkiw oder Donezk zeigen, was er für ein Kerl ist. Und Arsenij und Klitschko auch. Die sitzen da bei euch in Kiew rum und drehen Däumchen, und bei uns hier kommen die Leute um.“ – so etwas höre ich jeden Tag von ihr und vielen Freunden in verschiedenen Städten.

Man gewöhnt sich irgendwie daran, dass man dir die Fragen stellt, die doch an die Regierung gerichtet sind.

Was meinen Cousin angeht, so habe ich persönlich Innenminister Arsen Awakow gebeten, diesen und einige weitere himmelschreiende Fälle zu untersuchen. Ich habe ihn ernsthaft gewarnt, dass wenn die Miliz und die Regierung sich auch weiterhin verstecken werden, die Gesellschaft ohne sie die Todesstrafe einführen wird.

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