Das Öl wird Russland nicht retten

Das Öl wird Russland nicht retten

Ein hoher Ölpreis garantiert nicht länger Marktstabilität und Wirtschaftswachstum

zuerst erschienen bei gazeta.ru am 31. März 2014

Ein hoher Ölpreis garantiert nicht länger die Stabilität des russischen Marktes. Das Öl hat seinen Status als Motor der russischen Wirtschaft verloren und die politische Situation hat dieses Faktum einfach aufgedeckt. Dem Markt bleibt nichts weiter, als auf ausländische Investoren zu setzen, betonen Experten. Auf dem Höhepunkt der politischen Krise in der Ukraine sind diese Russland jedoch alles andere als wohlgesonnen.

Ölpumpe in Russland

Ölpumpe in Russland
(Quelle: WikiCo / ☭Acodered)

Der 120-Tage-Korrelationskoeffizient zwischen dem MICEX-Index und dem Preis der Ölsorte Brent, von der der Wert des russischen Urals-Öls abhängt, erreichte im März einen Wert von 0,2, berechnete die Agentur Bloomberg. Das ist der niedrigste Wert seit 2003.

Der Korrelationskoeffizient kann Werte von -1 bis 1 annehmen. Je höher der Wert, desto größer ist die Abhängigkeit zwischen den beiden Größen. Im Verlauf der letzten fünf Jahre lag der mittlere Koeffizient bei 0,42.

Die russischen Fondsindizes sanken noch Ende vergangenen Jahres vor dem Hintergrund einer Abschwächung des Rubelkurses und einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. Stabile Ölpreise konnten die Notierungen nicht stützen. Für ein weiteres Abfallen sorgte die Zuspitzung der politischen Situation. Als Antwort auf Russlands Krim-Politik erließen die USA und die EU Sanktionen gegen russische Beamte und Unternehmer, die als Vertraute Putins bezeichnet werden. Zudem unterschrieb US-Präsident Barak Obama einen Erlass, der die Anwendung von Sanktionen auf Branchen der gesamten russischen Wirtschaft erlaubt. Bis dahin betrafen die Sanktionen der USA, wie auch die der EU einzelne Personen. Russland hat zunächst angekündigt, nicht mit Gegensanktionen zu antworten.

Der russische Markt ist allzu empfindlich gegenüber politischen Spannungen und kann seine Bewegung sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung rasant ändern, betonen Experten.

Nach der Verkündung der Einführung von Sanktionen durch die USA öffneten die russischen Börsen mit einem Minus von 3 bis 4%. In den letzten Monaten verringerte sich die Kapitalisierung des russischen Fondsmarktes nach Angaben von Bloomberg um 127 Milliarden Dollar.

„Es ist selbstverständlich, dass der Fondsmarkt immer kommende Lagen vorwegnimmt und, wie auch sonst, sofort auf die Ereignisse um die Krim reagiert hat“, sagt der Präsident der Sankt Petersburger Börse AG Jewgeni Serdjukow. Der Analyst weist darauf hin, dass man anhand der Kursänderungen russischer Aktien im März ermitteln kann, worauf genau der Markt reagiert.

Der RTS-Index beispielsweise ist vor dem Hintergrund der Eskalation des Konflikts auf der Krim vom 3. bis zum 14. März um mehr als 20% gesunken. Nach dem Referendum jedoch ist er bereits zum 19. März um 15% gestiegen, ungeachtet der Einführung von Sanktionen.

„Sollte die Anspannung zurückgehen, so wird unser Markt vor dem Hintergrund einer globalen Unterbewertung selbst bei einer ungünstigen Wirtschaftsprognose wachsen und kann schnell wieder voll zu dem Preisniveau zurückkehren, das wir bis zum Ausbruch der Krise gesehen haben“, so Serdjukow. „Im entgegengesetzten Fall kann der russische Fondsmarkt natürlich viele Käufer unserer Aktien noch unangenehm überraschen, wenn er ungeachtet seiner gesamten potenziellen Attraktivität gigantischen Außmaßes zu fallen beginnt.“

Soldaten ohne Hoheitsabzeichen Anfang März in Simferopol

Schlecht fürs Investitionsklima: die Krimkrise
(Soldaten ohne Hoheitsabzeichen Anfang März in Simferopol)

Geld liebt es bekanntlich ruhig und hat fürchterliche Angst vor Kanonen.“

Der Ölpreis bleibt in den letzten Monaten stabil hoch in einem Bereich von 100 bis 110 Dollar. Ein Barrel Öl der Sorte Brent kostete am 28. März 108,1 Dollar.

„Wir sehen eine negative Korrelation, und das spricht dafür, dass mit dem russischen Markt selbst etwas nicht in Ordnung ist, unabhängig vom Öl“, sagt Konstantin Tscherepanow, Analyst der Bank UBS.

Früher hat der hohe Ölpreis die Aktien der Ölgesellschaften nach oben getrieben, die einen wesentlichen Anteil am Index ausmachen, das BIP die Verbrauchernachfrage speisten, was wiederum den Gewinn der Firmen, die auf den Binnenmarkt ausgerichtet sind, nach oben trieb.

„Das Fehlen einer Korrelation zwischen den Ölnotierungen und dem Fondsmarkt spricht dafür, dass hohe Ölpreise für ein Wachstum des russischen Marktes nicht ausreichen. Die Korrelation ist gebrochen und wurde sogar negativ, d. h. die Abhängigkeit vom Ölpreis löste sich auf, obwohl der Ölpreis selbst recht hoch bleibt“, sagt Tscherepanow, „Investoren konzentrieren sich auf andere Dinge, wie etwa Risiken, eine schwächer werdende Währung, was ebenfalls Druck auf die russischen Aktien ausübt.

Die wichtigste Schlussfolgerung: der Ölpreis war der Motor des Marktes, jetzt aber ist er es nicht mehr.“

Unterdessen haben die internationalen Rating-Agenturen Standard & Poor’s und Fitch in der vergangenen Woche die Prognosen für Russlands Ratings wegen der Zuspitzung der geopolitischen Lage und dem Risiko einer Verlangsamung des russischen Wirtschaftswachstums von stabil auf negativ herabgestuft.

All das hat die Attraktivität Russlands für Investitionen stark verringert, was jetzt zu einem der wichtigsten Faktoren wird. Den Worten des Experten zufolge wird die Situation der russischen Wirtschaft in höchstem Maße von der Politik bestimmt.

Bis jetzt gibt es keinen starken Investor aus dem Inland, wir werden ständig davon abhängig sein, was die westlichen Investoren über uns denken und ob sie bereit sind Geld in den Kauf unserer Aktien zu investieren.“

Es sei wahrscheinlich, dass man in Anbetracht eines starken Falls der Aktien Zuflüsse spekulativen Kapitals beobachten können werde, so der Experte. „Aber das ist kein langfristiges Geld. Heute kommt es und morgen geht es“, betont Krjukow.

Seit 2001 ist der Ölpreis nach Angaben von Bloomberg um mehr als das Fünffache gestiegen, was zu einem Wachstum des MICEX um 536% geführt hat. Es ist aber nicht nur der Fondsmarkt gewachsen, sondern auch das BIP des Landes. Als Ergebnis ist Russland auf den achten Platz unter den größten Volkswirtschaften der Welt vorgerückt. Die Zeiten aber, in denen teures Öl das Wirtschaftswachstum des Landes stimuliert hat, sind vorbei.

Der Anstieg der Ölpreise war wichtig bis zur Krise 2008, weil er eine günstige wirtschaftliche Lage im Land signalisierte und auf diese Weise ausländische Investoren anzog, sagt der Chefökonom von „Uralsib Capital“, Alexej Dewjatow.

„Damals, in den Jahren 2006 und 2007, haben wir bedeutende Kapitalzuflüsse ins Land gesehen, was eine Wirkung auf das Wirtschaftswachstum hatte,“ sagt der Experte. „Jetzt, insbesondere im Licht der jüngsten politischen Ereignisse, haben die Investoren eine andere Haltung zu Russland, und die hohen Ölpreise helfen nicht. D. h. die Signale gehen jetzt mehr von Seiten geringer Wachstumsgeschwindigkeiten aus und von Seiten der Politik. Deshalb sehen wir jetzt einen beispiellos großen Kapitalabfluss, was das russische Wirtschaftswachstum noch mehr bremst.

Eine Steigerung oder Senkung des Wertes von Öl allein wird sich nicht wesentlich im Wirtschaftswachstum widerspiegeln, da Russland das Öl praktisch schon mit dem Maximum seiner Möglichkeiten fördert“, betont der Experte. „Dabei bleibt ein indirekter Einfluss erhalten.“

„Selbst wenn die Preise steigen werden, werden wir wohl kaum hohe Wachstumsgeschwindigkeiten bei der Ölproduktion sehen. Entsprechend wird das auf das reale BIP keinen bedeutenden Einfluss haben,“ sagt Dewjatow.

„Dadurch, dass zusätzliche Öleinnahmen in den Haushalt einfließen, kann es einen indirekten Einfluss geben, unter anderem auf das Wachstum der Staatsausgaben und die Lohnzahlungen an Staatsangestellte. Auch das stützt die Verbrauchernachfrage. D. h. einen kleinen, zweitrangigen Effekt werden wir hier sehen. Ganz genauso auch bei einem Rückgang der Ölpreise.

Natalja Orlowa, Chefökonomin der Alfa-Bank, weist darauf hin, dass ein Anstieg der Ölpreise hinsichtlich der Zahlungsbilanz durch den Kapitalabfluss neutralisiert wird. „Der zweite Faktor ist, dass die zusätzlichen Einnahmen durch das Öl in den Reservefonds gehen und so das Niveau der staatlichen Rücklagen halten“ berichtet die Expertin. „Aber der Staat gibt diese Gelder für die Aufrechterhaltung der Einkommen der Bevölkerung aus, die wiederum immer mehr Importwaren erwirbt statt Waren aus russischer Produktion“. Auf diese Weise gleicht sich der Einfluss steigender Ölpreise auf das Wirtschaftswachstum wieder aus.

Die Einkünfte aus dem Öl- und Gasexport bilden nach wie vor mehr als die Hälfte des russischen Staatshaushaltes. Im Januar 2014 betrugen die Einnahmen des Staates aus dem Ölexport laut Föderalem Zolldienst 13,47 Milliarden Dollar. Für das ganze vergangene Jahr waren es 173,7 Milliarden Dollar, physisch ausgedrückt wurden 236,6 Millionen Tonnen Rohstoffe im Jahr 2013 exportiert.

Quelle: www.Gazeta.ru

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