Telefonumfrage bei n-tv: 89% der Anrufer haben Verständnis für Putin

Kreml schickt Troll-Armee in den Kampf mit dem Westen

Die Online-Redaktion des Guardian thematisierte es bereits Anfang Mai: in der Schlacht um die Deutungshoheit rund um die Ukraine-Krise setzt Russland offenbar eine ganze Troll-Armee im Internet ein. Die Moderatoren der Leserkommentare auf der Guardian-Website stellten fest, dass unter Artikeln zum Thema Ukraine massenhaft prorussische Statements gepostet werden, in denen nicht nur eine entsprechend eindeutige Sichtweise der Krise geäußert, sondern die Redaktion und deren Autoren aggressiv für deren angeblich russlandfeindliche Haltung angegangen werden. Vor allem Luke Harding, der ehemalige Moskau-Korrespondent des Guardian, der 2011 faktisch ausgewiesen wurde, ist Zielscheibe der teilweise beleidigenden Attacken. Auffallend sei dabei – so der Guardian – dass immer die gleichen Phrasen und Argumente verwendet würden und die Postings teils grobe sprachliche Fehler enthielten. Offenbar wurde gezielt eine große Zahl an Leser-Accounts ungefähr zur gleichen Zeit angelegt. Die betreffenden Leserkommentare hätten im Gegensatz zu Russland-kritischen Kommentaren absurd hohe „Like“-Zahlen.

Telefonumfrage bei n-tv: 89% der Anrufer haben Verständnis für Putin

Telefonumfrage bei n-tv: verdächtig hohe Verständnis-Werte für Putin
(Quelle: Youtube-Screenshot)

Ein russischer Medienbericht scheint nun den Verdacht der britischen Journalisten zu bestätigen. So erschien heute in der Zeitung Wedomosti ein Artikel über die Bestrebungen der russischen Regierung, die öffentliche Meinung mit Hilfe von fingierten Leserkommentaren und Postings in sozialen Netzwerken zu manipulieren. Bereits in den Nullerjahren, so schreibt der Journalist Ilja Klischin, sei der Kreml auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden, habe sie aber nur punktuell genutzt. Unter dem Eindruck der oppositionellen Massenproteste im Winter 2011 sei man dann aber zu einer systematischeren Herangehensweise übergegangen. Im September 2013 berichtete in der kremlkritischen Nowaja Gaseta die Journalistin Alexandra Garmashapowa über ihren Undercover-Einsatz in einem Petersburger Büro, dessen Mitarbeiter hauptamtlich mit dem Schreiben von Internet-Kommentaren beschäftigt waren. 100 solcher Postings musste jeder von ihnen pro Tag absetzen. Ziel war damals nur das russischsprachige Internet.

Angesichts der zufriedenstellenden Resultate, so Klischin, habe man dann beschlossen, nunmehr auch die amerikanischen und europäischen Internet-Communitys ins Visier zu nehmen. Ein Vorhaben, das nicht unbemerkt bleibt, wie der Artikel des Guardian zeigt. Auch in Deutschland ist die Zahl der Putin- und Russland-freundlichen Kommentare im Netz drastisch nach oben geschnellt. Das bestätigte Wolfgang Blau, ehemaliger Zeit-Online-Chefredakteur, der heute für den Guardian arbeitet, gegenüber Ilja Klischin. Nicht-repräsentative Online- und Telefonumfragen ergaben zudem bei Tagesspiegel und n-tv fantastische Zustimmungswerte für Putin. Zeit-Journalist Bernd Ulrich suchte unlängst in seinem Artikel „Wie Putin spaltet“ nach Erklärungen für die verstörende Flut an russlandfreundlichen Leserkommentaren. Und die Aktivität der Kreml-Trolle könnte noch weiter zunehmen. Das Budget für das Projekt soll demnächst noch einmal erhöht und neue Troll-Mannschaften sollen rekrutiert werden. Dabei kommen meist russische Auswanderer in den jeweiligen Ländern zum Einsatz. Ihre Wirkung sollte man nicht unterschätzen. Denn in Zeiten, in denen die USA nach dem NSA-Skandal einfach zum Business as usual übergehen und die Große Koalition vor dem Bündnispartner den Schwanz einzieht, ist es ein Leichtes, im Bürger den Trotz zu wecken. Wer Verständnis für Putin äußert, rechnet auf diese Weise mit den Amerikanern und ihrer Arroganz gegenüber dem Rest der Welt ab – und mit der eigenen Regierung, die so mit sich umspringen lässt.

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