Kriml – Wie sich das Leben auf der Halbinsel verändert hat

Kriml – Wie sich das Leben auf der Halbinsel verändert hat

von Anastassija Ringis, erstmals erschienen bei Ukrajinska Prawda am 29.05.2014

„Denk daran, seit 9. Mai gilt ein russisches Gesetz, nach dem sie dich einsperren können, wenn du die Krim nicht als russisches Territorium anerkennst. Alsostreitebessernichtmitden Gehirngewaschenen. Wennduschnellerkennenwillst, ob jemandzuuns gehört, frag ihn nach der Uhrzeit. Wer zu uns gehört,sagt immer noch die Kiewer Zeit.“

Im Abteil des Zuges Kiew-Sewastopol verfolgt mein Weggenosse, ein Mann mittleren Alters, aufmerksam, wie ich mich auf der Bank einrichte. MiteinemBlick, wieerunterSoldatenvorkommt. Ichverstehe, dassichnichtsprechensollte. Aberich kann michnichtzurückhalten: „Kann man bei Ihnen das Wort „Okkupation“ aussprechen?“ Der Mann schlägt mit einer heftigen Bewegung die Tür zu. Mir rutscht das Herz in die Hose. „Bei mir können Sie das. Bei den anderen sollten Sie das nicht tun“, sagt er streng.

Jalta

Jalta

Der 42-jährige Andrej stellt sich tatsächlich als ehemaliger Soldat heraus. 2008 verließ er die Reihen der ukrainischen Armee und machte ein kleines Unternehmen auf, das mit Baumaterialien handelt. Sein soziales Porträt ist typisch für einen Sewastopoler, seine Überzeugungen jedoch nicht. Er ist von der Krim, gebürtig aus Bachtschissarai, ein überzeugter Ukrainer. Im März war er unter jenen, die den Geburtstag Kobsars (Taras Schewtschenkos; Anmerkung des Übersetzers) begingen. In der 300.000 Einwohner zählenden Stadt kamen nur ein paar Hundert Menschen zu dieser proukrainischen Kundgebung.

Andrej stand mit seinem 23-jährigen Sohn, einem Sportler, in der Menschenkette, die die Ukrainer schützte, während seine ehemaligen Kameraden versuchten, eine Schlägerei anzuzetteln. „Russkomirnye“ (Anhänger der „russischen Welt“; Anm. d. Ü.), so nennt er sie.

Krimbewohner mit einer proukrainischen Position zu sein wird in Sewastopol mit jedem Tag gefährlicher. Gespräche über politische Themen werden sehr vorsichtig geführt. Mein Mitreisender hat für sich ein Ventil gefunden: über die russischen Flaggen, die auf die Häuser gemalt wurden, pinselt er ein Hakenkreuz und schreibt dazu: „Putin ist ein Faschist“.

„Sie sollen ruhig wissen, dass wir hier nicht alle Russkomirnye sind“ erklärt er. Wie es kommt, dass wir in einem Abteil reisen? Andrej war nach Kiewgefahren, um sich zur Nationalgarde zu melden. Er ist auf den Majdan gegangen, „zu den Gesinnungsgenossen“, hat dort das Gerede angehört und war dann so verstimmt, dass er entschied, zunächst eine Auszeit zu nehmen und seine Entscheidung zu überdenken. Ich selbstbin von der Krim und hatte in der alten Heimat zu tun.

Mein Weggenosse erzählt von seiner Familie: „Mein Sohn ist ein Patriot, meine Tochter eine Kolorada“ („Kolorados“, also Kartoffelkäfer, ist eine abfällige Bezeichnung für prorussische Ukrainer. Sie leitet sich von deren Erkennungszeichen, dem „Georgsband“ ab, das an die schwarz-braune Färbung des Insekts erinnert; Anm. d. Ü.). Der Schaffner unterbricht das gemütliche Gespräch: „Sind Sie vom Festland oder von der Halbinsel?“. Noch vor vier Monaten hätte ich mir schwer vorstellen können, dass jemand solch eine Frage stellen würde.

Ukrainern, die nicht auf der Krim gemeldet sind, werden die Migrationskarten gebracht, mit denen man sich bis zu 90 Tage auf dem Territorium Russlands aufhalten kann.

Als wir uns in Simferopol verabschieden, gibt mir mein Gesprächspartner den Rat, mit niemandem zu sprechen.

„Denk daran, seit 9. Mai gilt ein russisches Gesetz, nach dem sie dich einsperren können, wenn du die Krim nicht als russisches Territorium anerkennst. Alsostreitebessernichtmitden Gehirngewaschenen. Wennduschnellerkennenwillst, ob jemandzuuns gehört, frag ihn nach der Uhrzeit. Wer zu uns gehört,sagt immer noch die Kiewer Zeit.“

Auf dem Bahnhof von Simferopol fehlt das gewohnte Gedränge. Auch die Selbstverteidigungskräfte der Krim sind nicht zu sehen. Auf den ersten Blick gibt es sogar mehr Taxifahrer als Touristen. Die Preise werden jetzt zuerst in Rubel genannt, und erst danach in Griwna. Wer das nicht weiß, den können diegenannten Zahlen erschrecken.

Die Menschen sind gereizter als sonst. In derMarschrutkavon Simferopol nach Jalta bekommt ein junges Paar aus Moskau, das sich kindlich über einen Stopp in Aluschta freut, Eis kauft und es im Fahrgastraum isst, einige harte Worte zu hören.

Parallelwirklichkeit

In meinem Elternhaus laufen die russischen Fernsehsender fast rund um die Uhr. Mit den Eltern über die Veränderungen auf der Krim zu sprechen hat keinen Sinn. Sie mögen alles. Die Rente wurde ja erhöht – sie ist doppelt so hoch wie die ukrainische. Die Preiserhöhungen fallen da nicht so ins Gewicht. Lebensmittel verteuerten sich im Schnitt um 15 bis 30%.

Die Schlangen in staatlichen Einrichtungen, die Preissteigerungen, die Schließungen von Bankfilialen und alles weitere erklärt man hier mit einer Übergangszeit, die nicht länger als bis Ende des Jahres dauern werde.

Unsere 30-jährige Nachbarin kam kürzlich aus Krasnodar zurück. Als ich sie auf der Straße traf, teilte sie ihre Eindrücke mit mir: „Bei denen sind die Lebensmittel doppelt so teuer, ich weiß gar nicht, wie man mit solchen Preisen leben kann“. Nach einer Denkpause fügt sie hinzu: „Aber wenn wir uns nicht Russland angeschlossen hätten, wäre es bei uns jetzt wie im Donbass.“

Ich diskutiere nicht mit ihr.

Der Direktor der Schule, die ich abgeschlossen habe, erzählt, dass an einem bestimmten Moment die Mehrheit der Krimbewohner wie aus einem Mundeanfingen, von den „Banderowzy, die die Russen abschlachten werden“ zu sprechen. Viele entdeckten in sich eine handfeste Aversion gegen alles Ukrainische. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt. „Stell dir vor, am 9. Mai haben sie im Park einen Wodka auf Putin getrunken!“ berichtet der Schuldirektor „Wer hätte sich sowas noch vor vier Monaten vorstellen können?“

Am Geschäft von Nina Krawtschenko, einer Unternehmerin aus Gursuf, hing lange Zeit die ukrainische Flagge. Später wurde dies gefährlich. „Nach dem Referendum ging ich einmal in eine Werkstatt, um meinen Drucker abzuholen. Der Mitarbeiter sah an meiner Tasche das gelb-blaue Band und jagte mich aus dem Raum.Als ich anfing, mich darüberzu empören und ihn nach dem Grund fragte, schlug er zu“, erzählt sie.

Krawtschenko bringt die unmotivierte Aggression mit der hypnotischen Wirkung der russischen Fernsehsender in Verbindung.

„Sogar die, deren Verwandte in der Ukraine wohnen, sagen: Ich werde lieber hungern, aber dafür in Russland leben. Und dabei können sie ihre Wahl gar nicht logisch erklären.“ wundert sich die Frau.

Der Protest der Unzufriedenen

Der Jaltaer Unternehmer Andrej Alexandrow redet sehr vorsichtig. Am Anfang stellt er mir Fragen. Aber dann fängt er selbst an zu sprechen. Er beschwert sich nicht über die Preise, die Schlangen, die Gesetze. Er beklagt sich über die Atmosphäre: „Ich bin in meiner Heimatstadt zum Emigrantendasein gezwungen.“

„Die Gesellschaft hat sich gespalten in das Proletariat und jene, die etwas zu verlieren haben“ sagt er.

Wie man in einem Gebiet lebt, das bislang von der Welt nicht anerkannt wurde, dasverstehen nicht alle.

Der Schuldirektor hat im Sommer als Übersetzer gearbeitet. 2014 sollten über 200 Passagierschiffe im Hafen von Jalta anlegen – jetzt, so sagt er, kein einziges mehr.

Auf der Jaltaer Uferpromenade treffe ich eine Freundin aus Schulzeiten. „Olga, gib mir doch die Kontaktdaten von Leuten, die verstehen, was hier vor sich geht.“ bitte ich sie. Olga denkt lange nach und sagt dann: „Weißt du, solche Leute kenne ich nicht. Ich verstehe ja selbst nichts.“ Über sie versuche ich,mich mit einer JaltaerJorunalistinin Verbindung zu setzen. Die aber zögert und verweigert den Kontakt. Schließlich schreibt sie, sie kenne einen Fotografen aus Simferopol, der seine Meinung mitteilen würde.

Jene Krimbewohner, deren Kommentare ich früher einfach so aufnehmen konnte, bitten mich heute, ihre Namen nicht zu nennen. Auf keinen Fall.

Einer meiner Gesprächspartner auf der Krim, ein Kollege, sagt: „Verstehst du, jetzt führen viele ein Leben halb im Untergrund. In Sewastopoler Internetforen werden Listen von „Volksfeinden“ zusammengestellt. Jene, die eine andere Sichtweise haben, kann die „Selbstverteidigung der Krim“ einfach ohne Begründung festnehmen. Wie sich zeigt, ist die Selbstverteidigung der Krim dabei nicht die schlimmste Variante. Denn die schlagen nur. Schlimmer ist es, wenn man vom FSB festgenommen wird. Mitte Mai haben Geheimdienstmitarbeiter drei Personen – den Regisseur Oleg Senzow, den Aktivisten Alexander Koltschenko und den Fotografen Gennadi Afanasjew – festgenommen wegen des Verdachts, sie hätten einen Terroranschlag vorbereitet. Zwei von ihnen wurden schon nach Moskau gebracht.

„Die intellektuelle Elite verlässt die Krim“, sagt mir eine ehemalige Dozentin der Taurischen Universität der Krim, die eine der Organisatoren des Euromaidan auf der Krim war. Sie lebt nun schon in Kiew, bittet aber trotzdem darum, ihren Namen nicht zu nennen. Sie selbst fährt nicht mehr auf die Krim, aber ihr Mann ist noch in südlicher Richtung unterwegs.

Solche Verluste werden von den Krimbewohnern, die mit der Feriensaison leben, nicht bemerkt.

„Die Mehrheit, die sich wie von Sinnen nach Russland sehnte, ist zu ihrer mentalen Matrix zurückgekehrt. Und ganz gleich wie sich die Lage hier verschlechtern würde, sie würden dafür eine Rechtfertigung finden. Hier ist leider kein Protestpotential übriggeblieben.“ teilt mir der Unternehmer Alexandrow mit.

Andrej Klimenko, ein bekannter Wirtschaftswissenschaftler der Krim und Chefredakteur der „Black Sea News“, der zur Expertengruppe beim Obersten Rat der Krim gehörte, ist im März nach Kiew gezogen.

Er sagt, jeden Tag würden Dutzende Personen des öffentlichen Lebens, Journalisten und Unternehmer, die Halbinsel verlassen.

Klimenko denkt, dass das weitere Schicksal der Halbinsel vom Ergebnis der Urlaubssaison abhängen wird.

„60% der Touristen sind mit der Bahn auf die Krim gefahren, 25% mit dem Auto und 15% mit dem Flugzeug. Im April wurde von der Wechowna Rada das Gesetz über besetzte Territorien beschlossen. Vorübergehend besetztes Gebiet wird zur Zone mit beschränkter Ein- und Ausreise nurmit besonderer Erlaubnis erklärt, d. h. faktisch wird man ein Visum benötigen. Die Zahl der Züge in Richtung Krim hat sich halbiert, mit dem Auto zu fahren ist gefährlich. Wohl kaum werden drei Millionen Urlauber mit dem Flugzeug kommen (ungefähr so viele Touristen nimmt die Halbinsel während der Sommersaison auf)“ – so der Wirtschaftswissenschaftler.

Ein Zauberer kommt geflogen …

Wer kommt dieses Jahr auf die Krim?

„Die werden die russischen Polizisten herjagen“, ist sich der Sewastopoler Unternehmer sicher. Zum Beweis sucht er auf seinem Smartphone schnell eine Nachricht, die Ende April auf einer russischen Seite veröffentlicht wurde. Er liest vor: „Im April hat der Innenminister der Russischen Föderation, Wladimir Kolokolzew, eine Anweisung unterzeichnet, nach der es ab 21. April sowohl den Leitern von Polizeiabteilungen verschiedener Ebenen als auch einfachen Mitarbeitern der Polizei verboten ist ins Ausland zu reisen.“ Auf die „schwarze Liste“ der Länder, in die die Polizeibeamten nicht mehr reisen dürfen, gerieten etwa 150 Länder, darunter die Türkei, Bulgarien und Ägypten.

„In unserer Stadt gibt es jetzt solch ein Paradox: in den guten Hotels gibt es keine Plätze mehr. Und dabei gibt es am Strand keine Touristen. Wer sind all diese Leute? Wahrscheinlich Mitarbeiter des FSB“, nimmt der Sewastopoler an. Allein im April wurden 150 Untersuchungsbeamte aus verschiedenen Regionen Russlands auf die Krim abkommandiert.

„Die suchen was, was man auspressen kann“, scherzt mein Freund.

Vor dem Hintergrund all meiner Gesprächspartner sehen die Verkäuferinnen auf dem Jaltaer Markt am lebenslustigsten aus. „Was sollen wir uns Sorgen machen“, zuckt die eine mit den Achseln, „Wir leben jetzt in einem normalen Land. Natürlich ist es gerade nicht leicht, die Preise sind gestiegen, die Verkäufe zurückgegangen. Aber Russland wird letztendlich für Ordnung sorgen.“

Vorsichtig versuche ich, ihre Meinung zur Urlaubssaison zu erfahren. Diese Frauen blicken mit Optimismus in die Zukunft: „Na die Chochly (die Ukrainer; Anm. d. Ü.) werden natürlich nicht mehr da sein. Aber dann werden die Russen kommen.“

Auf der Anzeigetafel des Simferopoler Flughafens habe ich bis zu 17 Flüge nach Moskau gezählt, drei nach Sankt Petersburg und noch drei nach Rostow. In der Nachrichtenrubrik teilt der Pressedienst mit, dass sich das Streckennetz um 30% vergrößern und die Anzahl der Verbindungen um 7-15% wachsen wird. Flüge auf die Krim wird es von Archangelsk, Jekaterinburg, Irkutsk, Kasan, Kemerowo, Kirow, Tscherepowez, Krasnojarsk, Nischnewartowsk, Nischni Nowgorod, Nowosibirsk, Perm, Samara, Surgut, Tomsk, Tjumen, Ufa und Tscheljabinsk geben.

Ich habe versucht, ein Ticket nach Kemerowo für Juni oder Juli zu buchen. Die Mitarbeiterin räumte ein, dass es eine solche Verbindung bislang im Streckennetz des Flughafens nicht gebe und wohl auch kaum geben werde. Dafür gibt es eine Verbindung „Simferopol – Grosny“.

Seit April diesen Jahres ist die Fluggesellschaft „Grosny-Awia“ auf dem Simferopoler Flughafen vertreten, was die Website des Simferopoler Flughafens bescheiden verschweigt.

Als ich von der Krim wegfahre, kommt mir aus irgendeinem Grund ein Spaziergang durch Brighton Beach in Erinnerung. Ende der 1980er richteten sich sowjetische Emigranten in einem der New Yorker Stadtteile ein. Die Übersiedler verstanden es auf erstaunliche Weise, den „sowjetischen Geist“ hierher zu übertragen. Dort quietschen sogar die Kinderschaukeln und im Restaurant Tatjana wird man übers Ohr gehauen. Ein Besuch dieses Stadtteils ist eine eigenartige Zeitreise. Man gerät in ein Museum der sowjetischen Geschichte, in dem ewig die Achtzigerjahre der Sowjetunion herrschen. Statt Ausstellungsstücken gibt es dort in der Vergangenheit schwelgende Menschen, und zwar nicht nur fortgeschrittenen Alters, sondern ebenso deren Enkel, die niemals in der Sowjetunion gelebt haben.

Mir scheint, dass meine Krim sich auch in ein Geschichtsmuseum verwandelt. Nur habe ich bis jetzt noch nicht verstanden, welche Epoche dort herrscht – ob es die 1930er sind, oder die 1990er.

Flattr this!