Scherz mit politischem Hintergrund? Lukaschenko wird Opfer von Telefonstreich

Scherz mit politischem Hintergrund? Lukaschenko wird Opfer von Telefonstreich

Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko ist unlängst Opfer eines Telefonstreichs geworden. Dem bekannten russischen „Pranker“ Vovan222 gelang es, das Staatsoberhaupt des Nachbarlandes an die Strippe zu bekommen. Brisant: Er gab sich dabei als Wiktor Janukowytsch jr., Sohn des gestürzten ukrainischen Präsidenten, aus und erörterte mit Lukaschenko die Möglichkeit eines Exils seines Vaters in Weißrussland – nach dem Vorbild des kirgisischen Ex-Präsidenten Kurmanbek Bakijew.
Der falsche Präsidentensohn argumentierte im Gespräch mit dem weißrussischen Autokraten mit der Befürchtung, das Schicksal seines Vaters könne zur Verhandlungsmasse in zukünftigen Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau werden. Eine Auslieferung in die Ukraine könne man dabei nicht ausschließen. Lukaschenko erklärte sich bereit, Janukowytsch Asyl in Weißrussland zu gewähren, wenn dieser darum bitte sollte.

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An der Authentizität des Gesprächs zweifelt indes niemand. Zu lange hatten sich weißrussische Staatsmedien und offizielle Stellen in beredtes Schweigen gehüllt. Der spät folgenden Erklärung, die Aufzeichnung sei eine Fälschung, wollte letztlich niemand mehr glauben. Zudem bestätigte Vovan222, dass er mit Lukaschenko gesprochen habe. Anlass zu Spekulationen gibt jedoch, dass der Russe behauptet, die Aufnahme stamme nicht von ihm und sei auch nicht von ihm veröffentlicht worden. Wer sonst konnte das Telefongespräch aufzeichnen? Vovan222 vermutet den ukrainischen Geheimdienst SBU oder westliche Dienste dahinter.

Alexander Lukaschenko

Alexander Lukaschenko
(Quelle: www.kremlin.ru)

Weißrussische Experten hingegen sehen die Urheber der Veröffentlichung anderswo – und zwar in Moskau. In der Ukraine-Krise bemühte sich Lukaschenko in den letzten Wochen und Monaten, eine von Moskau unabhängige Position einzunehmen. Während in Russland der Regimewechsel in Kiew noch als illegal bezeichnet wurde, traf sich der weißrussische Autokrat schon mit dem ukrainischen Übergangspräsidenten Turtschynow. Zur Amtseinführung Petro Poroschenkos reiste Lukaschenko persönlich nach Kiew. In der russischen Hauptstadt stieß dieses Verhalten erwartungsgemäß nicht auf Zustimmung. Der Moskauer Politologe Andrej Susdalzew, ein scharfer Kritiker des weißrussischen Präsidenten, äußerte den Verdacht, dieser wolle die Ukrainekrise dazu nutzen, die daniederliegenden Beziehungen seines Landes zu Europa zu verbessern. Zudem habe Lukaschenko bei seinem Treffen mit Turtschynow „jede Menge Dreck über Russland ausgegossen“ und außerdem zahlreiche „geheime Informationen über Moskau an Kiew – und folglich an Washington – weitergegeben.“

Der Minsker Sicherheitsexperte Alexander Alessin hält es denn auch für möglich, dass der Kreml mit der Veröffentlichung des Telefongesprächs die Grenzen der weißrussischen Selbständigkeit habe aufzeigen und den kleinen Nachbarn zu einer dezidiert prorussischen Haltung drängen wollen. Zumal die Aufzeichnung just zu dem Zeitpunkt auftauchte, als sich Russlands Außenminister Sergej Lawrow zu Gesprächen über die Ukrainekrise in Minsk aufhielt. Andrej Porotnikow vom Belarus Security Blog nimmt an, dass Moskau die verhältnismäßig guten Beziehungen zwischen Lukaschenko-Regime und Kiewer Regierung stören wollte. Die Ukraine – so sagt er – habe sein einiger Zeit Interesse daran gezeigt, Weißrussland aus dem Bündnis mit Russland herauszulösen und sich zu diesem Zweck als Fürsprecher Lukaschenkos in Europa zu betätigen. Dass ein solches Ansinnen auf Widerstand in Moskau stoßen muss, liegt auf der Hand.

Das aggressive Verhalten Russlands gegenüber der Ukraine lässt unterdessen auch in Weißrussland die Alarmglocken schrillen. In zwanzig Jahren Herrschaft habe das Lukaschenko-Regime den Blick auf Gefahren im Innern wie Terrorismus und Drogenhandel konzentriert. Die Möglichkeit eines zwischenstaatlichen Konflikts wurde völlig außer Acht gelassen. Im Lichte des Ukraine-Konflikts wird sich mancher jetzt bewusst, wie schwach das Land gegenüber seinem östlichen Nachbarn aufgestellt ist. Die 1.300 km lange russische Grenze sei praktisch ungesichert. Die mehrheitlich russischsprachige Bevölkerung stehe unter dem Einfluss der über das russische Fernsehen transportierten Kreml-Propaganda und die paralysierte Wirtschaft sei gänzlich von Russland abhängig.

Quellen: Radio Liberty, Belorusski Partisan

 

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