Francis Fukuyama

Francis Fukuyama im Interview: Putin macht genau das, was Hitler gemacht hat

Interview: Mustafa Najem, zuerst erschienen auf Ukrajinska prawda am 27. August 2014

In diesem Jahr werden es genau 25 Jahre seit dem Tag des Erscheinens von Francis Fukuyamas Buch „The End of History and the Last Man“, in dem der Wissenschaftler faktisch den Sieg der liberalen Demokratie ausrief, die seiner Meinung nach auch die organisatorische Endform der Gesellschaft werden sollte. Dabei behauptete Fukuyama, dass die Einführung der Demokratie einen Schlusspunkt unter die kriegerischen Konflikte setzen und die Wirtschaft zur einzigen Form der Interaktion zwischen den Ländern würde.
Es ist offensichtlich – die Wirklichkeit beweist es – dass eine solche Prognose verfrüht war. Dieses Gespräch wurde während einer weiteren Welle von Erklärungen Kiews und der westlichen Ländern über einen möglichen vollumfänglichen Einmarsch Russlands in der Ukraine aufgezeichnet. Nichtsdestotrotz sagt Fukuyama die unausweichliche Stagnation der russischen Wirtschaft und den darauffolgenden Fall des Putin-Regimes voraus.

Francis Fukuyama verfolgt die Ereignisse in der Ukraine schon seit der Zeit der Orangenen Revolution recht aufmerksam. Im September vergangenen Jahres war er in Kiew und sprach während einer seiner Vorträge mit tiefer Enttäuschung über das Scheitern der demokratischen Umgestaltungen in der Ukraine, Folge dessen die Präsidentschaft Wiktor Janukowytschs war. Das war zwei Monate vor dem Euromaidan.

Heute spricht der Wissenschaftler mit großer Begeisterung über die Ukraine, fürchtet aber nach wie vor, dass die soziale Mobilisierung ohne wirkliche Veränderungen und Versuche der zivilgesellschaftlichen Aktivisten Politiker zu werden und Verantwortung für die Reformen zu übernehmen, zu einem weiteren Scheitern führen könnte.

Francis Fukuyama

Francis Fukuyama 2003
(Quelle: WikiCommons / The Korea Economic Daily)

Mustafa Najem: Im September vergangenen Jahres sagten Sie in Kiew, dass die Ukraine die demokratischen Umgestaltungen betreffend Ihre größte Enttäuschung sei. Das war zwei Monate vor der Revolution. Hat sich Ihre Beziehung zur Ukraine jetzt verändert?

Francis Fukuyama: Damals bin ich von sehr konkreten Schlussfolgerungen über die Gründe des Scheiterns der Orangenen Revolution ausgegangen, deren wichtigster wie mir scheint war die Unfähigkeit der orangenen Koalition, das Land effektiv zu regieren. Sie haben die Durchführung einer dritten Runde bei den Präsidentschaftswahlen erreicht, Wiktor Janukowytsch verlor, aber danach verwendete die Koalition all ihre Zeit darauf, sich untereinander zu bekämpfen.

Dabei gab es im Lande weiterhin ein hohes Maß an Korruption, es wurden keinerlei Anstrengungen zur Reform des Staatsdienstes und des Staatsapparates unternommen, die Wirtschaft wurde weiterhin von zwielichtigen Oligarchen beherrscht und es gab keinerlei Transparenz in deren Wechselbeziehungen zu politischen Gruppierungen. All das hat eben zum Scheitern der Revolution und zur Rückkehr Wiktor Janukowytschs im Jahr 2010 geführt.

Aber besonders tragisch ist dabei, dass Wladimir Putin in diesem Moment relativ schwach war. Hätte sich die orangene Koalition damals als erfolgreich erwiesen, so hätte das die Balance in der Region wesentlich verändert. Leider ist Putin heute, im Jahr 2014, sehr viel stärker und er hat sehr viel mehr Möglichkeiten, die Ukraine durch äußere Faktoren zu schwächen.

Was hat sich Ihrer Meinung nach in der Ukraine ereignet?

In erster Linie war ich davon beeindruckt, dass die Zivilgesellschaft in der Ukraine nach dem Scheitern der Orangenen Revolution nicht aufgegeben hat. Sie haben Ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation und zur Ausübung von Druck auf die Regierung erhalten und verstärkt. Die Menschen im Land haben ihren Drang nach einer besseren Regierung nicht aufgegeben.

Das ist unendlich wichtig, denn Sie können keine Demokratie haben, wenn die Menschen die Demokratie nicht wollen. Und dieser Wunsch bedeutet auch die Bereitschaft, auf die Straße zu gehen, sein Leben zu riskieren und Veränderungen zu fordern.

Die Ukrainer haben im Jahr 2004 schon einmal die Welt mit ihrem Drang nach Veränderungen überrascht, und als es zum Fehlschlag kam, überraschten sie die Welt noch einmal im Jahr 2014. In diesem Sinne ist da ein riesiges Potenzial, das man jetzt darauf richten muss, die Beamten und Politiker zu zwingen, als einheitliches politisches System zu arbeiten.

Wenn die Aktivisten der ukrainischen Zivilgesellschaft Sie um Rat fragen würden, was nach der Revolution zu tun ist, damit sich das Scheitern des Jahres 2004 nicht wiederholt, was würden Sie ihnen antworten?

Ich denke, dass man von der reinen Kritik der Macht wegkommen und die Regierung von innen heraus zwingen muss, das Land zu regieren. Das ist ein sehr wichtiger Moment, denn Sie können nicht alles machen, wenn sie ausschließlich in der Zivilgesellschaft bleiben. Die Zivilgesellschaft kann ein Wachhund sein, kann die Regierung zwingen Rechenschaft abzulegen, aber sie kann das Land nicht regieren. Ich bin überzeugt, dass die Aktivisten der Zivilgesellschaft zu diesem Zweck diesen Schritt tun sollten und Insider werden sollten.

Sie meinen, dass sie Politiker werden sollen?

Demonstration des Euromaidan in Kiew im November 2013

Der Euromaidan in Kiew, November 2013
(Quelle: WikiCommons, Jewgeni Feldman)

Ja. Sie sollten in die Politik gehen. Sie sollten bereit sein, sich die Hände schmutzig zu machen, gezwungen zu sein, Kompromisse einzugehen und viele Dinge zu tun, die Menschen in allen Regierungen in der ganzen Welt tun.

Ich verstehe, dass in der Zivilgesellschaft die feste Meinung besteht, dass alle Politiker schlecht sind, dass die Regierung schlecht ist, und wir die einzigen sind, die auf ihre Reinheit achten sollten, um auf die anderen aufzupassen. Aber mit so einer Herangehensweise werden Sie nie eine erfolgreiche Regierung bekommen. Und wenn es Menschen gibt, die etwas ändern wollen, sollten sie in die Politik gehen und es selbst tun.

Aber für viele Menschen, die Veränderungen wollen, ist der Weg in die Politik an und für sich schon schwer. Traditionell hassen die Menschen in der Ukraine die Politiker, und für viele ist die Angst vor der Verurteilung der Schlüsselfaktor, der sie vom Wechsel aus der Zivilgesellschaft in die Politik abhält.

Nun, sehen Sie, das ist ja kein einmaliger Fall. Das ist ein Weg, den viele Länder Osteuropas in den 1990er Jahren gegangen sind. In der Tschechischen Republik gab es das Bürgerforum, in Polen die Solidarność. Auch sie waren gezwungen den schmerzhaften Weg von den die Regierung kritisierenden Beobachtern hin zu Menschen zu gehen, die im Endergebnis die Regierung angeführt haben.

Im Ergebnis wurden Václav Havel und Lech Wałęsa Präsidenten ihrer Länder. Die Menschen sollten bereit sein, dieses Risiko auf sich zu nehmen, weil ihre Generation, die ihnen vertraut, das fordert. Sie sollten verstehen, dass überhaupt keine Chance auf Veränderung besteht, wenn in der Politik keine neue Generation entsteht. Das führt zu einem weiteren Scheitern.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, mit der neuen Führung der Ukraine zu sprechen, was würden Sie ihnen raten?

Ich kenne zum heutigen Tag nicht alle führenden Politiker des Landes. Der einzige, den ich während meines Aufenthalts in Kiew persönlich kennenlernen konnte, ist Ihr Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk, mit dem ich ein sehr interessantes Gespräch hatte.

Ich würde ihnen keine Ratschläge geben, aber ein einfaches Signal geben wollen. Die Hauptfrage der neuen Führung des Landes ist die effektive, transparente und klare Lenkung einerseits und die Befreiung von der Korruption andererseits.

Auch jetzt ist für mich offensichtlich, dass es zu einem weiteren Verfall führen wird, der sich dann bereits als kritisch erweisen könnte, wenn die Qualität der Regierung des Landes in der Ukraine nicht den Forderungen und Erwartungen der Menschen entspricht.

In Ihren Arbeiten verwenden Sie zwei Begriffe für neue Demokratien – „Übergangsperiode“ und „Konsolidierungsperiode“. Die Dekade zwischen 2004 und 2014 haben Sie für die Ukraine als Übergangsetappe der Entwicklung bezeichnet. Wie sind die Chancen, dass im Land jetzt die Konsolidierungsperiode beginnt?

Die ganze Lage hat jetzt eine internationale Dimension gewonnen und das verändert die Lage sehr. Ich sagte bereits, dass Putin, der sich immer in die Innenpolitik der Ukraine eingemischt hat, jetzt weit entschlossener gestimmt ist, die Ukraine daran zu hindern, eine erfolgreiche Gesellschaft zu werden.

Das ist jetzt der wichtigste Faktor im Werden der Ukraine und vieles hängt davon ab, ob die Weltgemeinschaft bereit ist, alle Anstrengungen zu unternehmen, Wladimir Putin zum Rückzug zu zwingen. Und in diesem Sinne liegt leider vieles in den Händen von Spielern außerhalb der Ukraine und nicht in den Händen der Ukrainer.

Heißt das, dass der mit Russland entbrannte Krieg angesichts des Drängens der Ukrainer selbst zu Veränderungen in der Gesellschaft unvermeidlich war? Oder war das etwa ein Fehler der neuen Regierung des Landes?

Ich denke der Krieg war unumgänglich. In dem Sinne, dass Russland in jedem Fall bereit war, alles Mögliche zu tun, um der Ukraine nicht zu erlauben, ihr Recht auf die freie Wahl des europäischen Entwicklungsweges zu realisieren.

Natürlich können wir annehmen, dass alles anders hätte sein können, wenn es in der Ukraine keine Revolution gegeben hätte – wenn es Präsidentschaftswahlen gegeben hätte und das Land einen anderen, besseren Präsidenten bekommen hätte als Janukowytsch. Aber ich denke, dass das keinerlei Bedeutung hat, denn wenn die neue Regierung beschlossen hätte, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen, so hätte Putin ganz genauso gehandelt.

Was denken Sie, inwieweit ist der Wunsch der EU und der USA, jetzt der Ukraine zu helfen, aufrichtig? Viele denken, dass der Westen diesen Konflikt in erster Linie als Bedrohung für seine Interessen betrachtet und dass er in Wirklichkeit nur die Folge der Konfrontation zwischen dem Westen und Russland ist.

Ich glaube, dass es in Vielem nur eine Frage wirtschaftlicher Interessen ist. Es ist kein Geheimnis, dass die Briten, Deutschen und Franzosen, dass sie alle sehr konkrete wirtschaftliche Interessen haben, die sie bei der Anwendung von Sanktionen gegen Russland bremsen.
Deutschland befindet sich in einer etwas schwierigeren Lage, weil es gewisse prorussische Gefühle empfindet, was ich ein bisschen seltsam finde. Zudem ist ja Westeuropa prinzipiell anfällig für gewisse antiamerikanische Stimmungen.
Aber ich denke, dass der Absturz des malaysischen Passagierflugzeugs MH-17 zum Wendepunkt geworden ist. Ich denke, diese Tragödie hat das rein wirtschaftliche Interesse in die zweite Reihe zurückgedrängt und der moralische Aspekt dieser Konfrontation ist doch noch zum Hauptaspekt geworden.

Russland fordert heute alle heraus

Wladimir Putin in Minsk

Wladimir Putin in Minsk, 26. August 2014
(Quelle: www.kremlin.ru)

Viele Menschen sind überzeugt, dass die heutigen Ereignisse für Wladimir Putin die Zielgerade sind. Stimmen Sie einer solchen Meinung zu oder ist das ein Irrtum der westlichen Experten?

Wissen Sie, ich bin überzeugt, dass Putin trotz allem nicht zu einem unanfechtbaren Herrscher werden will, gegenüber dem man sich so verhalten würde wie gegenüber Nordkorea oder Iran. Das heißt, dass das Verhalten Putins in gewissem Maß von der Europäischen Union und den USA abhängen wird. Und jetzt tut die Weltgemeinschaft alles Mögliche, damit ihn die derzeitige Lage teuer zu stehen kommt. In diesem Sinne könnten sich die Sanktionen als effektiv erweisen, um ihn zu zwingen, sagen wir es so: sich besser zu benehmen.

Ich glaube, dass Putin in der langfristigen Perspektive schwach ist, und das versteht er selbst. Russland hat eine eindimensionale Wirtschaft, die an das Öl gefesselt ist. In Anbetracht der Schieferrevolution verlieren die russischen Energieträger ihr Monopol. Aber wirtschaftliche Möglichkeiten, diese Risiken zu diversifizieren, hat das Land nicht. Und es gibt schon viele Anzeichen dafür, dass die Menschen früher oder später erkennen werden, dass das Land von einer Gruppe korrupter Kleptokraten regiert wird.

Vielleicht haben Sie recht, aber zurzeit ist offensichtlich, dass Putin die Sanktionen gegen Russland für die Festigung seiner eigenen Macht im Angesicht des äußeren Feindes nutzt. Und viele Beobachter behaupten, dass eine solche Verschärfung Teil der Vorbereitung zu weiteren Schritten, möglicherweise zum Krieg sei.

Wir können nicht wissen, worauf sich Wladimir Putin vorbereitet. Aber einige Dinge erscheinen mir sehr beunruhigend. Putin ist jetzt sehr dynamisch und im Falle irgendwelcher Schritte wird es unmöglich sein, ihn zu kontrollieren.

Die gesamten Neunzigerjahre nach dem Zerfall der UdSSR zeugten davon, dass Russland nicht vor hatte, Revanche zu nehmen und seine Landesgrenzen zu überschreiten. Und die internationale Gemeinschaft hat daran geglaubt. Überhaupt war der Frieden in Europa auch darauf gegründet, dass sich Russland nicht so benahm wie Serbien im ehemaligen Jugoslawien.

Heute aber fordert Russland alle heraus. Das begann mit Georgien, aber völlig offensichtlich wurde es mit der Annexion der Krim. Denn im Grunde hat Russland auf diese Weise den ethnischen Russen auf dem Territorium Kasachstans, Usbekistans, Estlands, Moldawiens und anderer Länder zu verstehen gegeben: Wenn euch etwas nicht gefällt, wendet euch einfach an uns und beklagt euch und wir werden euch helfen.

Das Gefährlichste aber ist, dass Wladimir Putin die Situation schon nicht mehr unter Kontrolle hat. Die Tragödie mit dem malaysischen Passagierflugzeug ist beredtes Zeugnis dessen. Ich bin überzeugt, dass er dieses Flugzeug nicht abschießen wollte, das hat ihm ja nur Probleme bereitet. Aber er kann nicht kontrollieren, wie die Separatisten die Ausrüstung verwenden werden, die ja er ihnen geliefert hat.

Sie haben wahrscheinlich eine Menge Artikel und Meinungen gelesen, die Wladimir Putin mit Adolf Hitler vergleichen. Was denken Sie, inwieweit ist ein solcher Vergleich gerechtfertigt?

Ein großes Stück Wahrheit eines solchen Vergleichs besteht darin, dass Putin die ethnische Frage in der Außenpolitik ausnutzt. Der Zweite Weltkrieg hat mit dem Vorwand begonnen, dass Hitler die deutschsprachige Bevölkerung im Sudetenland, in Polen und anderen Teilen Osteuropas schützen wollte. Er glaubte, dass ihm das das Recht dazu gibt, Aggression gegen diese Länder anzuwenden. Und in diesem Sinne macht Putin genau das, was Hitler gemacht hat.

Zur gleichen Zeit glaube ich aber nicht, dass Putin einen teuflischen Plan zur Vernichtung ganzer Völker hat, ähnlich dem Völkermord Nazideutschlands an den Juden. Genauso wie ich nicht glaube, dass er plant, ganze Länder zu erobern und mit Russen zu besiedeln. Aber angesichts dessen, wie er den Faktor der russischen Minderheit in diesen Ländern ausnutzt, ist er Hitler sehr ähnlich.

Diese Situation verändert in erster Linie die Politik der Länder, die direkt an Russland angrenzen. Einige von ihnen sind Europa recht nahe. Estland zum Beispiel hat eine große russischsprachige Bevölkerungsgruppe und ist NATO- und EU-Mitglied. Und sollte diese Politik Russlands einmal direkt Estland betreffen, so wird das die EU und die USA als NATO-Mitglied in den Konflikt hineinziehen. Auch in diesem Sinne hat die russische Außenpolitik schon aufgehört, nur regionalen Charakter zu haben.

Können Sie sich ein Szenario vorstellen, in dem Wladimir Putin den Rückzug antritt und das den historischen Entwicklungsweg Russlands im Ganzen verändern wird?

Ich kann mir so etwas in der fernen Perspektive vorstellen. In Russland finden Generationenwechsel statt. Andererseits würde ich eine Verlangsamung des russischen Wirtschaftswachstums erwarten, worauf eine lange Periode der Stagnation folgen wird, der Verlust von Arbeitsplätzen usw.

Und in diesem Sinne wird die Annexion der Krim schon nicht mehr wie ein solch großer Erfolg aussehen. Ich verstehe, dass gleich nach der Einnahme der Halbinsel viele Menschen in Russland begeistert waren, aber im Endergebnis bringt es ja auch keine Arbeitsplätze.

In diesem Jahr werden es 25 Jahre seit dem Tag des Erscheinens ihres Artikels „The End of History“. Sind sie von ihren Prognosen, die Sie vor einem Vierteljahrhundert gemacht haben, noch überzeugt?

Ich glaube, es gibt ein großes Missverständnis darüber, worum es in diesem Artikel eigentlich ging. Das Wort „Geschichte“ wurde im marxistischen Verständnis der Evolution der menschlichen Gesellschaft verwendet, die sich auf einem bestimmten Weg fortbewegt. Und im Laufe von 150 Jahren haben die fortschrittlichsten Köpfe der Menschheit, insbesondere die Marxisten, behauptet, dass sich die Geschichte zum Kommunismus bewegt. Und am Ende dieser Geschichte steht die kommunistische Gesellschaft.

Und im Jahr 1989 habe ich nichts weiter gesagt, als dass eine solche Entwicklung kaum stattfinden wird und die „Welt, die sich zum Kommunismus bewegt“, sich in Wirklichkeit dorthin bewegt, was die Marxisten als „kapitalistische Gesellschaft“ bezeichnen. Und das ist dann das Ende der Geschichte auf das Kapitalismus und Demokratie folgen.

Ich bin bis heute überzeugt, dass die Demokratie zur Marktwirtschaft drängt. Und ich sehe keine andere Organisationsform der menschlichen Gesellschaft, die es den Menschen erlauben würde, reicher und glücklicher zu werden. Von diesem Standpunkt aus ist mein Hauptargument immer noch korrekt.

Denken Sie nicht, dass Sie solche Schlüsse unter dem Einfluss der Umstände jener Zeit gemacht haben und die Wirklichkeit heute in vielem Ihrer Theorie widerspricht?

Das ist möglich. 1989 war ein vielversprechendes Jahr – die Berliner Mauer fiel, der Kommunismus erlitt eine Niederlage in einer Reihe von osteuropäischen Ländern, von denen sich viele von der russischen Besatzung befreiten…

Und aus dieser Perspektive sieht das Jahr 2014 recht pessimistisch aus. Denn wir sehen die Annexion der Krim durch Russland, die Instabilität im Nahen Osten, wir beobachten wie schnell sich das kommunistische China entwickelt…

Und all das zeugt natürlich von einem gewissen Rückgang der demokratischen Entwicklung in der Welt. Nichtsdestotrotz sehe ich aber kein Entstehen irgendeiner anderen gesellschaftlichen Organisationsform, die besser wäre als die Demokratie.

Lassen Sie uns das von einem anderen Standpunkt aus betrachten. Die Welt bewegt sich jetzt offensichtlich hin zu einer Polarisierung und viele Ihrer Gegner behaupten ebenso, in einer demokratischen Gesellschaft zu leben. Wladimir Putin zum Beispiel spricht doch auch von der Überlegenheit der Demokratie und verweist dabei auf gewisse Traditionen der russischen Gesellschaft. Wie kann man in einem solchen Fall bestimmen, ob jene Demokratie, von der Sie sprechen, überhaupt existiert?

Wissen Sie, ich kann nicht sagen, dass alle Formen der Demokratie gleich und gleichermaßen gut sind. In den einen Ländern gibt es das präsidentielle Staatsmodell, in den anderen die parlamentarische Republik, die einen Länder sind arm, andere reich. Aber es gibt Grundforderungen, die für das Entstehen einer modernen Demokratie unumgänglich sind, die nicht von der Kultur, Mentalität oder nationalen Traditionen abhängen. Für das Zustandekommen einer Demokratie ist das Vorhandensein dreier unabdingbarer Grundvoraussetzungen unumgänglich.

Erstens muss es einen Staat geben, der Macht ausüben, den Frieden bewahren und die Erfüllung der Gesetze gewährleisten kann. Aber diese Macht muss durch ein zweites Institut beschränkt sein – den Vorrang des Rechts, das die Regeln der Machtausübung bestimmt. Und drittens muss ein Mechanismus der Rechenschaftspflicht existieren, der es erlaubt, sich davon zu überzeugen, dass Macht und Staat im Interesse der gesamten Gesellschaft handeln und nicht einzelner engagierter Führer.

Und wenn wir von diesen Standards ausgehen ist es offensichtlich, dass es in Russland nur wenige Merkmale einer Demokratie gibt. Sie haben einen relativ starken Staat, es gibt Wahlen… Aber ich glaube, dass ein großer Teil der russischen Machtelite sich nicht nach dem Gesetz richtet. Sie handeln ohne Rücksicht auf die Beschränkung der Macht. Und die Art, wie sie die Medien und die politische Opposition kontrollieren, erlaubt es nicht, die Rechenschaftspflicht der Macht zu verwirklichen.

Aber wer richtet darüber? Es sind doch keine Wissenschaftler, die ein Urteil über undemokratische Gesellschaften abgeben, sondern z. B. die US-Regierung. Und Putins stärkstes Argument besteht ja genau darin, dass er sagt: Seht, was in diesen demokratischen Ländern vor sich geht. Dort werden die Menschenrechte auch verletzt, es gibt Korruption usw.

Natürlich kann man auch so urteilen und letztendlich kann man die Demokratie tatsächlich auf verschiedene Weise beurteilen.
Aber im Endeffekt kommen Sie sowieso zu einer einfachen Frage: Welche Gesellschaft ist erfolgreicher? Und Erfolg ist in diesem Fall nicht nur Wirtschaftswachstum oder Stabilität. Das Vorhandensein von Nahrung und Wohnraum, das sind schließlich nur die unbedingt nötigen Grundvoraussetzungen der Existenz.

Das Gelingen ist in erster Linie eine Frage der Möglichkeit des Menschen, sich vollständig zu entfalten und zu verwirklichen in dieser oder jener Gesellschaft, die Frage, ob die Menschen die Freiheit der Wahl haben, das zu tun, was sie für sich für wichtig und nötig erachten.

Und noch ein wichtiges Moment ist die Beständigkeit. Viele Länder sehen über die Dauer eines Jahrzehnts oder gar länger oberflächlich erfolgreich aus. Aber die echten Probleme der Gesellschaft, die auf den ersten Blick nicht zu sehen sind, führen letztlich zum Niedergang.

Ich denke, das ist es, was mit dem Kommunismus passiert ist. Schließlich sah er überaus stark und beständig aus, aber das System selbst war nicht fähig zu wirtschaftlicher Modernisierung.

Und ich denke, dass man dasselbe auch über das System von Herrn Putin sagen kann, das sich in vielerlei Hinsicht auf die Energieressourcen stützt, ohne die Russland weit weniger erfolgreich aussähe. Und es ist offensichtlich, dass das Energieressourcenmonopol zu Ende gehen wird, es entstehen alternative Energiequellen und das verändert die Weltkarte von Wirtschaft und Handel.

Und Russland wird keine solchen Vorteile mehr haben, weil es keine vielfältige und integrierte Wirtschaft geschaffen hat, die mit der Weltwirtschaft interagieren kann.

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