Studie: Moskauer mit Auslandserfahrung beurteilen Politik des Kreml kritischer

Studie: Moskauer mit Auslandserfahrung beurteilen Politik des Kreml kritischer

Wenn die Europäer eine Öffnung Russlands nach Westen erreichen wollen, dann sollten sie dafür sorgen, dass möglichst viele Russen die Länder der Europäischen Union besuchen können – oder kurz und bündig: die Visum-Pflicht für russische Staatsbürger gehört abgeschafft. Diese Argumentation wird häufig vorgebracht, wenn über den zunehmenden Autoritarismus in Putins Russland debattiert wird. Eine Studie des von Alexej Nawalny gegründeten „Fonds für den Kampf gegen die Korruption“ scheint die Richtigkeit dieser Argumentation nun zu bestätigen.

Die Umfrage ergab, dass Moskauer, die einen Reisepass besitzen und somit ins entferntere Ausland reisen können, das Handeln der Regierung merklich seltener billigen als Moskauer, die diese Möglichkeit nicht haben. Den Einfuhrverboten für Lebensmittel aus westlichen Ländern stehen z. B. fast 64% der befragten Moskauer ohne Reisepass positiv gegenüber, bei jenen mit Reisepass sind es nur 49%. Dies könnte man noch damit erklären, dass Russen mit Auslandserfahrung eben jene ausländischen Lebensmittel eher kennen und schätzen und ungern darauf verzichten möchten. Jedoch zeigt sich dasselbe Bild bei der Beurteilung der Krim-Annexion. 85% der Befragten ohne Reisepass billigen die von Moskau betriebene Eingliederung in die Russische Föderation. Unter den Moskauern mit Reisepass sind es weniger, aber immerhin noch drei Viertel, konkret 76%.

Russische Reisepässe

Russische Reisepässe
(Quelle: Wikimedia Commons / mediaphoto.org)

Die Befragten mit Reisepass wurden zusätzlich in zwei Gruppen aufgeteilt: jene, die in orientalische Länder wie die Türkei oder Ägypten reisen und jene, die nach Europa reisen. Letztere würden den russischen Gegensanktionen und der Krim-Annexion noch kritischer gegenüberstehen. Für Sergej Smirnow, Direktor des Instituts für Sozialpolitik und sozioökonomische Programme der Moskauer Wirtschaftshochschule, waren die Ergebnisse so zu erwarten: „Verstehen, wie der Rest der Welt lebt, kann man nicht durch Propaganda-Klischees, sondern indem man diese Länder besucht und sich mit ihren Bewohnern unterhält. Dann erkennt man, dass sie gar keine eingeschworenen Feinde Russlands sind.“

Zudem weist Smirnow, so schreibt es die Online-Ausgabe der Zeitung Wedomosti, auf den systemstabilisierenden Faktor des Isolationismus hin. Zu Zeiten der Sowjetunion habe die große Mehrheit der Bevölkerung nicht selbst sehen können, wie man im Rest der Welt lebt. Hätte man damals eine Politik der Offenheit betrieben, also z. B. seinen Bürgern Reisefreiheit gewährt, so wäre die Sowjetunion schon viel früher kollabiert, zeigt sich Smirnow überzeugt.

Die Antworten auf die Frage, ob Russland etwas vom westlichen Europa lernen könne, scheinen dies zu bestätigen. Fast 49% der Moskauer ohne Reisepass antworten darauf mit ja. Bei den Hauptstädtern mit Reisepass waren es jedoch noch einmal deutlich mehr, nämlich fast 66%. Der daran abzulesende Wunsch nach einer wie auch immer gearteten Entwicklung nach westlichem Vorbild ist also in jener Bevölkerungsgruppe stärker, die das Leben im Westen aus eigener Anschauung kennt.

Ausgerechnet jetzt, in der Konfrontation, wäre der richtige Zeitpunkt für eine Abschaffung der Visumspflicht oder zumindest eine Erleichterung des Verfahrens für russische Staatsbürger. Möglichst vielen Menschen sollte so – angesichts einer immer schamloser vorgehenden staatlichen Propagandamaschinerie – die Möglichkeit gegeben werden, das Leben in einer westlichen Demokratie aus eigener Anschauung kennenzulernen. Zudem wäre dies ein deutliches Signal an die russische Bevölkerung, dass sich der Westen nicht gegen Russland als solches, sondern nur gegen das Verhalten der russischen Führung in der Ukraine-Krise wendet.

Quelle: Wedomosti

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