Alexej Wenediktow: Die Ukraine und Weißrussland sind für Russland ein historisches Missverständnis

Alexej Wenediktow: Die Ukraine und Weißrussland sind für Russland ein historisches Missverständnis

erstmals erschienen bei Belorusski Partisan am 21. September 2014

Die politische Elite Russlands behandelt die weißrussische Staatlichkeit ganz genau so wie die ukrainische – als historisches Missverständnis.

„In meiner Funktion als Redakteur von ‚Echo Moskwy‘ spreche ich mit den Leuten, die die Entscheidungen über unsere Politik treffen. Die Kenntnis der Meinungen dieser Leute, die im gewöhnlichen Leben ganz normale, guten Whisky und Schach liebende Menschen sind, hinterlässt bei mir den Eindruck, dass ein ukrainisches Volk für sie gar nicht existiert“, berichtet der Chefredakteur des Radiosenders „Echo Moskwy“ Alexej Wenediktow während eines Workshops zum Thema: „Russland-Ukraine: ein Land oder zwei?“

Seinen Worten nach nimmt die politische Elite Russlands die Ukrainer, Weißrussen und Russen als ein Volk wahr, wobei, so merkt Wenediktow an, diese Politiker keine Imperialisten, keine Reaktionäre und auch keine Obskuranten seien, das seien ganz zivile Leute, manche von ihnen hätten im Westen gute Universitäten besucht. „Sie sind überzeugt, dass das ein Territorium ist, es sich aber historisch so ergeben hat, dass zwei Regionen (die Ukraine und Weißrussland; d. Red.) sich als selbständige Staaten abgespalten haben. Sowas passiert. Es gab ja auch zwei deutsche Staaten. Und heute gibt es drei russische Staaten: Kleinrussland, Weißrussland und Großrussland. Irgendwann geht auch das vorbei. Und das ist ihre aufrichtige Sichtweise des Problems. Das ist ihre grundlegende Haltung zu dem, was heute in der Ukraine passiert. Das ist ein Volk, ein Territorium, ein großer Staat. Das ist keine imperiale, keine nationalistische Wahrnehmung, das ist eine alltägliche Wahrnehmung. Die Menschen, die die Entscheidungen treffen, spiegeln die Meinung der Mehrheit unserer Mitbürger wieder. Gehen Sie und fragen Sie die Menschen auf der Straße, im Weißen Haus oder auf dem Roten Platz – und Sie werden ungefähr die gleiche Antwort bekommen. Es stimmt, dass 85-87% dies vertreten.“, sagt der russischen Journalist.

Alexej Wenediktow am 15. September 2014 im Moskauer Meyerhold-Zentrum

Alexej Wenediktow (links) am 15. September 2014 im Moskauer Meyerhold-Zentrum
(Quelle: youtube.com / Полит.ру)

Alexej Wenediktow betont, dass die heutige Generation der Leute, die Russland regieren, juristisch die Existenz eines eigenen Staates Ukraine anerkenne, dies aber als historische Ungerechtigkeit wahrgenommen werde – historisch sei es ein einziges Volk, ein einziger Staat. Ukrainer und Weißrussen seien doch Russen, nur mit einer anderen Mundart.

„Deshalb muss man beieinander sein. Daher kommen die Zollunionen, die slawische Brüderschaft, die drei Staaten usw. So hat Boris Nikolajewitsch (Jelzin; d. Üb.) gedacht, der das öffentlich und nicht öffentlich gesagt hat, so empfindet es von Anfang an Wladimir Wladimirowitsch (Putin; d. Üb.). Zu einem gewissen Maß ist die Geschichte mit der Ukraine für sie ein Kampf für die Gerechtigkeit.“ so der Journalist.

Die Russen nähmen die Ukrainer und Weißrussen als Brudervölker wahr, als ob sie Teil des heutigen Russland wären. Von diesem Stereotyp könne man sich schwer trennen. In der Ukraine wachse heute die Zahl radikaler Nationalisten – ihre Zahl erreiche im ganzen Land 2,2%, behauptet Wenediktow. In Russland werde sich diese Bewegung ebenso auswachsen: die militante Jugend aus der Peripherie mit Baseballschlägern und radikalen Zielen seien eine große Gefahr. Nach Meinung Alexej Wenediktows wollen die Russen einen Korridor durch den Donbass bis nach Transnistrien stoßen, wo sich eine russische Militärbasis befindet, um die Güterversorgung der Krimbewohner zu sichern. Dieser Prozess werde auch heute fortgesetzt. In den Lehrbüchern zur Geschichte Russlands dieses Jahres verschwinde der Absatz „Kiewer Rus“, er heiße jetzt einfach „Rus“. Aber der Mangel an Bildung führe zu falschen Ideen und Entscheidungen, bemerkt der Journalist.

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