Vermisster Krimtatare tot aufgefunden - Volksgruppe klagt über zahlreiche Entführungsfälle

Vermisster Krimtatare tot aufgefunden – Volksgruppe klagt über zahlreiche Entführungsfälle

In einem leerstehenden ehemaligen Sanatorium in Jewpatorija wurde am Montag der 25-jährige Edem Assanow erhängt aufgefunden. Assanow, der Angehöriger der krimtatarischen Minderheit auf der Halbinsel war, war zuletzt am Vormittag des 29. September am Busbahnhof des Badeortes an der Westküste gesehen worden. Seitdem galt er als vermisst. Seine Schwester erklärte, Assanow sei kein politisch aktiver Mensch gewesen und sei etwa in den sozialen Netzwerken ebenso nicht durch markante Aussagen aufgefallen.

Edem Assanow

Erhängt aufgefunden: der 25-jährige Krimtatare Edem Assanow
(Quelle: Odnoklassniki)

Zwar sind die genauen Umstände von Verschwinden und Tod Edem Assanows noch nicht geklärt, für die Vertreter der krimtatarischen Minderheit jedoch ist klar, dass der junge Mann entführt wurde. Sein Fall wäre demnach nur einer von vielen, in denen Angehörige dieser Volksgruppe offenbar Opfer von Entführungen geworden sind. Erst am vergangenen Freitag verschwand so der 23-jährige Eskender Apseljamow. Zuvor waren bei Belogorsk, im Südosten der Krim, die beiden jungen Männer Isljam Dschepparow und Dschewdet Isljamow laut Augenzeugen von uniformierten Unbekannten verschleppt worden. Von ihnen fehlt seither ebenso jede Spur. Der im erzwungenen Exil lebende krimtatarische Politiker Mustafa Dschemilew erklärte, seit Beginn der russischen Besetzung seien auf der Halbinsel 18 seiner Landsleute auf diese Weise spurlos verschwunden.

Refat Tschubarow, Vorsitzender der Interessenvertretung der Krimtataren, sieht hinter den ungewöhnlich vielen Vermisstenfällen den russischen Staat. So äußerte er sich in einem Interview mit der vom US-Sender Radio Liberty betriebenen Website Krym.Realii. Das Verschwindenlassen von Menschen sei Teil einer Repressionskampagne gegen seine Volksgruppe. Die Umstände aller Entführungsfälle wiesen auf die Beteiligung professioneller Kräfte hin. Egal ob es sich bei den Tätern um Angehörige der russischen Bundesbehörden oder um – so Tschubarow – die „Idioten“ von den sogenannten Selbstverteidigungskräften der Krim handele, dahinter stecke in jedem Falle die von Moskau eingesetzte Regierung der Krimrepublik. Die Methode des Verschwindenlassens durch Angehörige russischer Sicherheitsbehörden sei aus dem Nordkaukasus bekannt. Ziel sei es, in der Gesellschaft Angst und Schrecken zu verbreiten.

Durch die traurigen Ereignisse der letzten Wochen dürften sich jene bestätigt fühlen, die ein weitergehendes Ziel hinter dem Druck auf die Krimtataren sehen. So zeigte sich die Juristin Aljona Lunjowa schon vor einem Monat angesichts der Hausdurchsuchungen, denen Angehörige des Turkvolkes und ihre Organisationen massenhaft unterzogen wurden, überzeugt, dass man die Gegner des Anschlusses an Russland dazu bringen wolle, aus Angst um Leib und Leben die Halbinsel zu verlassen.

Die Krimtataren bemühen sich derweil darum, internationale Organisationen auf ihr Lage aufmerksam zu machen. Ziel sei eine ständige UNO- oder OSZE-Mission auf der Halbinsel. Die Chancen auf die nötige Zustimmung Moskau zu diesem Ansinnen stehen jedoch denkbar schlecht.

Quelle: Krym.Realii (RFE/RL) 1, 2

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