Pressefreiheit in Russland: Dunkle Wolken über Moskaus "Echo"

Pressefreiheit in Russland: Dunkle Wolken über Moskaus „Echo“

Der Radiosender Echo Moskwy ist ein Urgestein des russischen Journalismus. Noch unter Gorbatschow, der im Rahmen seiner Glasnost-Politik die Gründung privater Medien zugelassen hatte, wurde der Sender von einer Gruppe von Journalisten aus der Taufe gehoben. Der erste private Hörfunksender des Landes wirkt heute wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Während andere kritische Zeitungen, Fernseh- und Radiosender längst beseitigt waren, konnte Echo Moskwy weiterarbeiten und blieb von der Staatsmacht weitgehend unbehelligt. Nun könnten jedoch dunkle Wolken über dem Kanal aufziehen.

Chefredakteur: Echo Moskwy soll zerstört werden

Alexej Wenediktow

Alexej Wenediktow (links) am 15. September 2014 im Moskauer Meyerhold-Zentrum (Quelle: youtube.com / Полит.ру)

Denn für nächsten Freitag, den 21. November ist eine Sitzung des Direktorenrats einberufen, auf dem über die Zukunft der Station entschieden werden soll. Auf der Tagesordnung steht nicht nur die Frage eines möglichen Austauschs des Chefredakteurs, sondern auch die Zusammensetzung der Redaktion und gar das gesamte Senderformat. Michail Lessin, Verwaltungsratspräsident von Gasprom-Media, hält sich bedeckt, was jenen Tagesordnungspunkt „Umformatierung“ angeht. In einem früheren Interview hatte er jedoch angedeutet, dass ein Umbau des Wortprogramms Echo Moskwy in eine Musikwelle denkbar sei.

Dass sich dies Bewahrheitet und die faktische Zerschlagung des Senders bevorsteht, fürchtet Chefredakteur Alexei Wenediktow, der dahinter eine politische Entscheidung sieht. „Es sieht so aus, dass versucht wird, den Radiosender ‚Echo Moskwy‘ zu zerstören: als meistzitierten Sender, als profitablen Sender und als angesehenen Sender. Das ist eine politische Entscheidung.“

Dass sich Wenediktow und Lessin nicht sonderlich zugetan sind, ist nicht verwunderlich. Das impliziert schon die kuriose Situation des liberalen Radiosenders als Teil des sonst erzkonservativen Gasprom-Medienkonzerns. So soll etwa RT, der an das internationale Publikum gerichtete Propagandakanal des Kreml, eine Idee Michail Lessins gewesen sein. Zum offenen Konflikt zwischen Journalist und Manager kam es im Oktober, als Lessin vergeblich von Wenediktow forderte, die Ausstrahlung eines Interviews mit dem unter Hausarrest stehenden Oppositionellen Alexei Nawalny zu unterlassen. Hinzu kam die Entlassung des Echo-Mitarbeiters Alexander Pljuschtschew durch Lessin. Wenediktow hält diese Entscheidung über den Kopf des Chefredakteurs hinweg für illegal. Erstmals war nun davon die Rede, dass Wenediktow als Chefredakteur abgelöst werden könnte.

Der Fall Pljuschtschew

Alexander Pljuschtschew (rechts) im Studio(Quelle: Wikimedia Commons / Alexander Pljuschtschew)

Grund für die Entlassung Pljuschtschews war ein recht geschmackloser Tweet, den dieser anlässlich des Todes von Alexander Iwanow, Sohn von Ex-Verteidigungsminister Sergej Iwanow, abgesetzt hatte. Alexander Iwanow hatte 2005 in Moskau eine Rentnerin überfahren, die dabei zu Tode kam. Das Verfahren gegen ihn wurde jedoch eingestellt, weshalb der Verdacht aufkam, sein mächtiger Vater könnte Einfluss auf die Justiz genommen haben. Als Anfang November bekannt wurde, dass Alexander Iwanow bei einem Badeunfall in den Vereinigten Arabischen Emiraten ums Leben gekommen war, fragte Alexander Pljuschtschew seine Twitter-Follower, ob dies der Beweis für die Existenz Gottes oder einer höheren Gerechtigkeit sei. Später löschte er den Tweet und bat dafür um Entschuldigung.

Aber schon vorher war Pljuschtschew in Konflikt mit der russischen Medienaufsicht Roskomnadsor geraten. Diese hatte eine seiner Sendungen beanstandet, in der es um den Krieg in der Ostukraine ging. Angeblich seien in der Sendung in Donezk begangene Kriegsverbrechen gerechtfertigt worden. Das Transkript des Programms wurde daraufhin von der Echo-Website gelöscht.

Für Alexei Wenediktow sieht in dem Konflikt um die Entlassung Pljuschtschews allenfalls einen Vorwand, nicht aber den Grund für die derzeitige unsichere Situation von Echo Moskwy. Zu allem Ärger kommt auch noch ein anstehender Umzug des Senders hinzu. Die Mitarbeiter müssen das zentral gelegene Studio in einem Hochhaus am Neuen Arbat verlassen. Das neue Domizil liegt abseits in der Danilow-Manufaktur an der Warschauer Chaussee, etwa 5km südlich des Stadtzentrums. Für ein Medium, bei dem jeden Tag Studiogäste aus Politik und Gesellschaft ein und aus gehen sicher kein Grund zur Freude.

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