Wegen musikalischer "Feindpropaganda" in der Silvesternacht: Abschaltung von ukrainischem TV-Kanal "Inter" gefordert

Wegen musikalischer „Feindpropaganda“ in der Silvesternacht: Abschaltung von ukrainischem TV-Kanal „Inter“ gefordert

Ein Medienskandal störte gestern die Feiertagsruhe in der Ukraine. Anstatt in aller Stille den Silvesterkater auszukurieren, empörten sich patriotische Ukrainer über das Fernsehprogramm am Vorabend. Stein des Anstoßes: Der Fernsehsender „Inter“ hatte am letzten Abend des Jahres eine Unterhaltungssendung des russischen Fernsehens übernommen, in der sich zahlreiche Stars des russischen Schlagers ein Stelldichein gaben. Darunter waren auch die Sängerin Walerija, die Sänger Iossif Kobson, Oleg Gasmanow und Nikolaj Baskow. Diese und andere Künstler gelten in der Ukraine als unerwünschte Personen, weil sie sich im gegenwärtigen russisch-ukrainischen Konflikt in verschiedener Form öffentlich gegen die amtierende Kiewer Regierung positioniert haben. Der Chef des des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates und ehemalige Übergangspräsident Olexandr Turtschynow fordert nunmehr, Inter unverzüglich die Sendelizenz zu entziehen.

Russische Promis ergreifen im Ukraine-Konflikt Partei

Sängerin Anna Perfilowa, besser bekannt als

Sängerin Anna Perfilowa, besser bekannt als „Walerija“
(Quelle: Wikimedia Commons / Mikhail Popov)

Walerija, Kobson und Gasmanow gehören etwa zu den Unterzeichnern eines Aufrufs russischer Kulturschaffender „zur Unterstützung der Position des [russischen] Präsidenten gegenüber der Ukraine und der Krim“. Die bekannte Sängerin Walerija, bürgerlich Alla Perfilowa, befürwortete öffentlich das Unabhängigkeitsreferendum auf der Krim und zog die Legitimität der Entscheidung Chruschtschows, die Halbinsel 1954 der Ukrainischen Sowjetrepublik zuzuschlagen, in Zweifel:

In einer Situation, in der die Ukraine von einer Welle des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit erfasst wird, haben die Krimbewohner das volle Recht ein Referendum über ihren territorialen Status durchzuführen. (…) Das Referendum auf der Krim ist ein historisches Ereignis, das zeigen wird, ob die Meinung eines ganzen Volkes mit einer Entscheidung, die einmal von einem einzelnen, nicht besonders eindeutigen Politiker getroffen wurde, übereinstimmt.

Schlagersänger und Duma-Abgeordneter Iossif Kobson

Schlagersänger und Duma-Abgeordneter Iossif Kobson

Der 77-jährige Iossif Kobson, der selbst aus der Ukraine stammt und Kindheit und Jugend dort in verschiedenen Städten verbrachte, meldete sich schon zu Beginn der Ukraine-Krise öffentlich zu Wort und forderte den damals noch amtierenden ukrainischen Präsidenten Janukowytsch zu einem harten Durchgreifen gegen die Maidan-Demonstranten auf:

Wir bitten Sie, verehrter Wiktor Fjodorowitsch, im Namen der Rettung der ukrainischen Einheit und des Lebens von Millionen Ukrainern, darunter unsere Mütter, Väter, Brüder und Schwestern, alle Macht und Gewalt, die sich in ihren Händen befindet, anzuwenden, um Ordnung im Land zu schaffen. Die Rädelsführer dieser ganzen Exzesse müssen unverzüglich verhaften und vor Gericht gestellt werden.

Mehrere ukrainische Städte entzogen Kobson später die ihm einst verliehene Ehrenbürgerschaft. In der Reaktion darauf nannte der Sänger, der auch Duma-Abgeordneter der Kreml-Partei Einiges Russland ist, die ukrainische Hymne eine „Nazi-Hymne“ und sagte ferner:

Sollen sie mir die Ehrenbürgerschaft doch entziehen. Eine Ukraine, in der ein faschistisches Regime existiert, gibt es für mich nicht mehr. Deshalb will ich auch kein Ehrenbürger sein.

Während er in der Ukraine bereits als Persona non grata galt, bereiste er die Separatistengebiete im Südosten der Ukraine. Seit November ist er Honorarkonsul der „Donezker Volksrepublik“ in Russland.

Dichter, Komponist und Sänger Oleg Gasmanow

Dichter, Komponist und Sänger Oleg Gasmanow
(Quelle: Wikimedia Commons / Mikhail Popow)


Musiker und Dichter Oleg Gasmanow (63), der als einer der ersten die Annexion der Krim unterstützt hatte, trat im russischen Fernsehen mit einem satirischen Lied über die Ukraine auf. Darin vergleicht er das Nachbarland mit der Titanic, die unaufhaltsam in ihr Unglück treibe, während an Bord gefeiert wird und „Kapitän und Mannschaft das alles scheißegal ist“.

Einreiseverbote für russische Künstler

Neben der Ukraine erklärte etwa auch Lettland mehrere russische Stars, die Putins aggressive Politik gegenüber der Ukraine unterstützten, zu unerwünschten Personen. Russische Künstler sind in dem baltischen Staat, in dem eine große russische Minderheit lebt, häufig zu Auftritten zu Gast. Zudem findet im lettischen Badeort Jurmala vor den Toren Rigas alljährlich der Musikwettbewerb „New Wave“ statt, der vom russischen Fernsehen übertragen wird, statt. Zu diesem im Raum der ehemaligen Sowjetunion sehr bekannten Festival reisten bislang immer zahlreiche russische Stars an. 2014 konnte jedoch etwa Iossif Kobson wegen des gegen ihn verhängten Einreiseverbots nicht teilnehmen.

Forderung nach Entzug der Sendelizenz

Der Chef des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates Olexandr Turtschynow äußerte sich empört über das Silvesterprogramm von Inter:

Am Silvesterabend, als die ganze Nation ein Gefühl der Einigkeit verspürte, hat der Fernsehsender „Inter“ einmal mehr gegen den Ukrainischen Staat gehandelt, indem er ein Konzert jener Leute gesendet hat, die die Terroristen und die Okkupation von Donbass und Krim unterstützen und so unser Land verhöhnt haben.

Kulturminister Wjatscheslaw Kyrylenko forderte, das staatliche Telekommunikationsunternehmen solle die Ausstrahlung von Sendern einstellen, die „prorussische Propagandisten-Künstler“ zeigen.
Nicht ganz so weit ging der Informationsminister Jurij Stez, der lediglich forderte, Sendungen, an denen in der Ukraine unerwünschte Personen teilnehmen, zu verbieten.
Der Sender Inter für die Anhänger einer Westausrichtung der Ukraine seit langer Zeit ein rotes Tuch. Er gilt ihnen als verkapptes Sprachrohr Moskaus in der Ukraine. Kein Wunder, denn 29% der Anteile des Medienunternehmens hält der russische Staatssender „Perwy kanal“. Mit 61% der Löwenanteil gehört der Inter Media Group des zwielichtigen Oligarchen Dmytro Firtasch. Ein großer Teil der ausgestrahlten Inhalte, vor allem Serien und Spielfilme, stammt aus russischer Produktion. Entsprechend ist auf dem Kanal neben der ukrainischen Sprache auch häufig Russisch zu hören.

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