Gebiet Murmansk: Golden Globe-prämierter Film "Leviathan" verboten?

Gebiet Murmansk: Golden Globe-prämierter Film „Leviathan“ verboten?

Erstmals seit 45 Jahren wurde mit Andrei Swjaginzews „Leviathan“ wieder ein russischer Film mit einem Golden Globe in der Kategorie „Bester Fremdsprachiger Film“ ausgezeichnet. Was eigentlich Grund zum Jubel wäre, will in Russland nicht so recht für Freude sorgen.

Kein Wunder: denn Leviathan befasst sich mit der Korruption und der Willkür der Amtsträger, der die einfachen Bürger in Russland sich oft machtlos ausgeliefert sehen. Der düstere Film beschreibt die Geschichte eines russischen Hiob: den Fall eines Mannes, dessen Hab und Gut – sein attraktiv gelegenes Grundstück – vom örtlichen Bürgermeister begehrt und letztlich geraubt wird. Durch ein manipuliertes Strafverfahren landet der Mann im Gefängnis und wird so aus dem Weg geschafft. Die Vertreter der russischen Kirche stehen im Film nicht etwa an der Seite des Opfers, sondern unterstützen die korrupte Staatsmacht, um später dafür ihren Lohn zu bekommen.

Kulturminister Wladimir Medinski

Kulturminister Wladimir Medinski

Kulturminister Wladimir Medinski, aus dessen Budget die Produktion unterstützt wurde, kann sich nicht recht mit Leviathan anfreunden:

Meine persönliche Meinung ist: Filme, die nicht einfach nur auf Kritik der gegenwärtigen Macht abzielen, sondern sie offen in den Schmutz ziehen (was übrigens eine Missachtung der Wahl der Steuerzahler ist), von einem Geist der Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit unseres Daseins erfüllt sind, sollten nicht auf Kosten der Steuerzahler finanziert werden.

Medinski, der hier der konservativen Definition von der Kunst als Darstellung des Schönen das Wort redet, hat einst ein Buch mit dem Titel „Mythen über Russland“ verfasst, in dem er versucht, jegliche jener Vorurteile über sein Land als vom Ausland aufgebrachte Unwahrheiten zu entlarven. Kein Wunder also, dass er auch das in Swjaginzews Film dargestellte Bild einer von Alkoholismus, Tristesse und Beamtenwillkür geprägten russischen Provinz nicht gelten lassen will:

Das ist ein absolut universelles Sujet, das sich an einem beliegen Ort auf der Welt abspielen könnte, so auch bei uns. Auf die Herzlosigkeit von Beamten und Vetternwirtschaft kann man überall treffen.

Swjaginzew hingegen widerspricht dem in einem Interview mit der BBC. Sein Werk, so sagt er, sei ein genaues Abbild des Lebens in Russland.

Eine klarere Sprache als der Minister schlägt Kirill Frolow an. Der Aktivist vom „Bund orthodoxer Experten“ schreibt auf Facebook:

Leviathan ist eine ekelhafte Verunglimpfung der Russischen Kirche und des Russischen Staates. Diese Verleumdung wird den Bund zwischen Patriarch Kirill und Präsident Putin nur noch weiter festigen ebenso wie die totale orthodoxe Mission, unter anderem im Bereich des Films.

Frolows Organisation fordert vom Kulturministerium einen Entzug der Verleihlizenz:

Leviathan ist das Böse und das Böse hat keinen Platz im Filmverleih.

Marina Kowtun, Gouverneurin des Gebiets Murmansk

Marina Kowtun, Gouverneurin des Gebiets Murmansk
(Quelle: kremlin.ru)

Im Murmansker Gebiet im hohen Norden Russlands scheint Frolow sein Ziel bereits erreicht zu haben. Hier, im Dorf Teriberka an der Nordküste der Halbinsel Kola, entstand Swjaginzews Film zu großen Teilen. Teriberka hat seine besten Zeiten lange hinter sich. Seit dem Ende des Staatssozialismus hat das Dorf mehr als die Hälfte seine Einwohner verloren. Die Petersburger Nachrichtenagentur FlashNord berichtet nun unter Berufung auf eine Quelle in der Gebietsverwaltung, die Gouverneurin von Murmansk, Marina Kowtun, habe beschlossen, den Verleih des Films zu unterbinden. Die 52-jährige Politikerin der Kremlpartei Einiges Russland sei höchst unzufrieden mit der Darstellung der von ihr regierten Region.

Alle Kinobetreiber in der Region hätten demnach eine schriftliche „Empfehlung“ von Kowtun erhalten, Leviathan nicht zu zeigen. Und was die „Empfehlung“ eines Amtsträgers in Russland bedeuten kann, zeigt die Aussage eines der Adressaten gegenüber der Nachrichtenagentur: „Offensichtlich müssen wir auf die Vorführung des Films verzichten, keiner will doch Probleme mit der Gebietsverwaltung bekommen.“

Kowtuns Pressesprecher bezeichnet die Meldung über besagte „Empfehlung“ erwartungsgemäß als „Erfindung“ und weist darauf hin, dass die Gebietsverwaltung nicht über die Kompetenzen verfügt, Filme zu „verbieten“. Bekanntermaßen interessiert sich die Staatsmacht in der Realität jedoch nicht sonderlich für das geltende Recht. Bizarr: Die örtliche Staatsmacht agiert in ihrem Kampf gegen die angeblich vom Film transportierten Vorurteile gerade so, als wolle sie diese bestätigen. Das von Swjaginzew gezeichnete Bild der Behördenwillkür setzt sich so im realen Leben fort.

Quelle: NEWSru.com, BBC

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