Ukraine: Auch fast ein Jahr nach Amtsantritt hat Präsident Poroschenko sein Unternehmensimperium nicht verkauft

Ukraine: Auch fast ein Jahr nach Amtsantritt hat Präsident Poroschenko sein Unternehmensimperium nicht verkauft

Seit dem 7. Juni 2014 ist Petro Poroschenko Präsident der krisengebeutelten Ukraine. Noch vor der Wahl hatte der schwerreiche Unternehmer versprochen, sein Firmenimperium größtenteils verkaufen zu wollen. Nach nunmehr zehn Monaten hat sich diesbezüglich jedoch nichts getan. Das Staatsoberhaupt ist weiterhin Besitzer des auf 1,5 Milliarden Dollar geschätzten Süßwarenkonzerns Roshen und weiterer Firmen.

Schokolade der Präsidenten-Marke Roshen

Schokolade der Präsidenten-Marke Roshen
(Quelle: Wikimedia Commons / Olena Polunkina)

Über die Gründe hierfür teilen sich die Expertenmeinungen. Die einen sagen, die Umstände würden einen Verkauf derzeit unmöglich machen. Durch den Konflikt mit Russland seien die Preise in den Keller gegangen. Zum Roshen-Konzern gehören zudem Fabriken in Russland und in Gebieten nahe der Frontlinie in der Ostukraine. Angesichts der militärischen Auseinandersetzungen und gegenseitiger Sanktionen bedeutet das für Investoren ein unkalkulierbares Risiko. In einem Artikel unter der Schlagzeile „Der Schokounternehmer, der keiner sein will“, behauptet auch das Handelsblatt: „Poroschenko dürfte der schleppende Verkauf persönlich am meisten stören. Nicht aus finanziellen Gründen, sondern der Reputation wegen“. Schließlich stünde der Oligarch als Lügner da, sollte er sein Versprechen nicht einlösen.

Dennoch vermuten die anderen, der Präsident wolle seine Unternehmen in Wirklichkeit gar nicht verkaufen. Das berichtet der Journalist Jewhen Solonyn in einem Artikel für die ukrainische Ausgabe von Radio Liberty. Der russische Analyst und Chefredakteur der Zeitschrift Westi promyschlennosti, Moissei Gelman, sagt demnach etwa, von einem Verkauf von Poroschenkos Firmen sei in der russischen Business-Community rein gar nichts zu hören. „Wenn er wirklich verkaufen wollte, hätte er es längst getan“, so Gelman. Auch Ihor Bojko, Besitzer einer Süßwarenfabrik in Schytomyr, glaubt nicht, dass Poroschenko wirklich einen Käufer finden will. „Man kann den Preis so ansetzen, dass nie verkauft wird“, meint er. Die Gründe für einen möglichen Sinneswandel liegen eigentlich auf der Hand: Sofern Poroschenko nicht wie seine russischen und weißrussischen Amtskollegen zum Autokraten werden will, ist seine Zeit im Amt des Staatsoberhauptes begrenzt. Und sollte, wie in letzter Zeit einige munkeln, der Präsidentensessel angesichts der verfahrenen Lage in der Ukraine zum Schleudersitz werden, könnte Poroschenkos politische Karriere umso schneller beendet sein. Wie ärgerlich wäre es dann für ihn, für eine kurze Präsidentschaft sein bisheriges Lebenswerk geopfert zu haben?

Poroschenko Wahlplakat

„Danke für das Vertrauen“ – wird Poroschenko sein Versprechen halten?
(Quelle: flickr.com / Ben Sutherland)

In der Ukraine sorgen sich derweil einige um den Interessenskonflikt, der aus Poroschenkos Doppelfunktion als Staatschef und Großunternehmer entstehen könnte – und zwar nicht nur, was die Innen- und Wirtschaftspolitik betrifft, sondern auch bezüglich der Außenpolitik. Poroschenkos Besitz in Russland ebenso wie auf der annektierten Krim könnte der Kreml als Hebel benutzen, um Einfluss auf Kiew zu nehmen. Während der ukrainische Oligarch Ihor Kolomojskyj große Probleme mit seinen Geschäften in Russland hat und ein bedeutender Teil seines dortigen Besitzes von den russischen Behörden beschlagnahmt wurde, ist Poroschenko bis jetzt glimpflich davongekommen. Zwar gab es einige Schikanen gegen seine Süßwarenfabrik im russischen Lipezk. Bisher gehen dort jedoch Produktion und Verkauf weiter.

Trotz der kapitalen Wirtschaftskrise in der Ukraine scheint es für Poroschenkos Unternehmen nicht schlecht zu laufen. Der Reingewinn der Kiewer Roshen-Fabrik betrug Presseberichten zufolge 2014 das Neunfache des Vorjahres und der Wert seiner „International Invest Bank“ hat sich im gleichen Zeitraum mehr als verdoppelt.

Quellen: RFE/RL, Handelsblatt, Ekonomitschna Prawda

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