Ukraine-Konflikt: Putins unaufhaltsame Rache an der Mittelschicht

Ukraine-Konflikt: Putins unaufhaltsame Rache an der Mittelschicht

Was hat Wladimir Putin bewogen, den Streit um die außenpolitische Ausrichtung der Ukraine mit der Krim-Annexion und der Intervention in der Ostukraine derart eskalieren zu lassen? Leon Aron, Director of Russian Studies am American Enterprise Institute, hat darauf eine klare Antwort. Er sieht eine persönliche Kränkung des russischen Präsidenten als Motiv.

Der 1978 aus der Sowjetunion in die USA emigrierte Aron widerspricht Angela Merkel: Putin lebt nicht „in einer anderen Welt“, er weiß im Gegenteil sehr genau, was er tut.

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Beliebtes Plakatmotiv bei einer Demonstration auf dem Sacharow-Prospekt am 24. Dezember 2011
(Quelle: Wikimedia Commons / Negve)

Für Putin sei das Jahr 2012 ein Wendepunkt gewesen, meint Aron. Die Massenproteste gegen die mutmaßlichen Wahlfälschungen haben ihn persönlich getroffen. Dieser Schluss liegt nahe, wenn man sich die oft sarkastischen, bisweilen groben, häufig persönlich gegen Putin gerichteten Plakate der Demonstranten ins Gedächtnis ruft.

Der Autokrat empfand die russische Mittelschicht, die Basis der Protestbewegung war, als undankbar. „Sie konnten reisen, im Ausland leben, ihre Kinder zur Ausbildung dorthin schicken, es gab keinen Mangel an Lebensmitteln. Ihr Lebensstandard näherte sich praktisch dem europäischen an – und so dankten sie es ihm!“, beschreibt der Politologe Aron die damalige Gemütslage Putins, so wie er sie sich vorstellt.

Die Aggression gegen die Ukraine und die durch sie hervorgerufene „patriotische Mobilisierung“ dient dazu, diese undankbare Mittelklasse zum Schweigen zu bringen. Die ständige, nach außen gerichtete Aggression wurde so zum Wesen und Motor der russischen Innenpolitik.

Dieser Mechanismus muss jedoch ständig gefüttert werden, so Aron, und er zieht daraus den pessimistischen Schluss, dass ein Einfrieren des Konflikts in der Ukraine, nach Vorbild Transnistriens, Abchasiens etc., Putin nicht zufriedenstellen kann:

„Putin kann sich in der Ukraine nicht mit weniger als einem totalen Sieg zufriedengeben. Und dieser Sieg wird, wie ich denke, nicht nur die Zerstückelung und Destabilisierung der Ukraine bedeuten, sondern auch einen Regimewechsel.“

Der Plan, die Bevölkerung und die politische Klasse mittels Sanktionen dazu zu bringen, Druck auf Putin auszuüben, werde scheitern. Vielmehr müsse Putin selbst erkennen, dass die durch seine Politik verursachten Kosten zu hoch sind.

Um diese Kosten noch zu steigern und die russische Aggression aufzuhalten, hält Aron eine Aufrüstung der Ukraine für unabdingbar. Wenn Putin gezwungen wäre, bedeutend mehr Soldaten in die Ukraine zu schicken, um seine Ziele zu erreichen, würde dies zum politischen Problem für ihn. Denn die Aussicht auf einen langen Krieg und die zu beklagenden toten Soldaten, die die Kreml-Propaganda vollends der Lüge überführen würden, könnten Putins überragende Zustimmungswerte schnell abschmelzen lassen.

Unabhängig davon, ob sich der Westen für oder gegen Waffenlieferungen an die Ukraine entscheidet, werde es weder einen leichten noch einen schnellen Weg zum Frieden geben, so das düstere Fazit des Politologen.

Quellen: Voice of America, RFE/RL

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