Nemzow-Bericht: Familien gefallener russischer Soldaten erhalten Schweigegeld

Nemzow-Bericht: Familien gefallener russischer Soldaten erhalten Schweigegeld

Der ermordete russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow arbeitete bis zum Tag seines Todes an einem Bericht über die Verwicklung Russlands in den Ukraine-Krieg. Nemzows Mitstreiter arbeiten derzeit an der Vollendung des Werks mit dem Namen „Putin. Woina“ (dt. „Putin. Der Krieg“), das im April veröffentlicht werden soll. Einer von ihnen, der 31-jährige Ilja Jaschin, ließ jetzt vorab eine interessante Information durchsickern.

Ilja Jaschin und Boris Nemzow

Ilja Jaschin und Boris Nemzow 2010 auf einer Kundgebung in Moskau
(Quelle: Wikimedia Commons / panoramio.com/user/55593)

In den vergangenen Monaten hatte es wiederholt Berichte gegeben, dass Todesfälle unter russischen Soldaten, die in der Ukraine eingesetzt werden, von den Behörden vertuscht werden: Tote werden anonym bestattet, Angehörige von den Medien abgeschottet. Auf seiner Facebook-Seite schrieb Jaschin dazu:

Zur Verwunderung vieler arbeiteten nicht nur die offiziellen Stellen, sondern auch die Familien der gefallenen Soldaten gegen eine unabhängige Untersuchung. Nach Informationen der Quellen Nemzows ist der Grund hierfür, dass die Angehörigen erhebliche Summen, nämlich jeweils drei Millionen Rubel, als Entschädigung bekommen haben. Zugleich haben sie sich mit ihrer Unterschrift zur Geheimhaltung verpflichtet. Bei Nichteinhaltung droht ihnen Strafverfolgung.

Angehörige, denen die umgerechnet knapp 50.000 Euro entgegen dieser Vereinbarung nicht ausgezahlt wurden, hätten sich mit der Bitte um Unterstützung an Nemzow gewandt, so Jaschin. Der prominente Regimekritiker sollte Druck auf den Kreml ausüben. Öffentlich wollen die Familien jedoch nicht über die Angelegenheit reden. Zumal sie bereits eine Schweigeverpflichtung hatten unterschreiben müssen, bevor ihre Ehepartner, Kinder oder Geschwister ins Nachbarland abkommandiert wurden.

Es herrscht Angst, nicht nur vor drohender Strafverfolgung, sondern auch vor physischer Gewalt. Entsprechenden Eindruck machte auf die Angehörigen die Ermordung ihres Fürsprechers Nemzow. „Wenn sie Nemzow an den Kremlmauern erschießen, dann können sie mit uns in Iwanowo schon lange machen, was sie wollen.“ – So sei die Stimmung unter ihnen. „Die Angehörigen haben inzwischen schon Angst, auch nur das ihnen versprochene Geld einzufordern.“ so Jaschin.

Namenlose Gräber in Rostow am Don

Unabhängig davon, ob sie reden oder schweigen, lassen sich die nackten Tatsachen jedoch ohnehin nicht mehr verbergen. So berichtet die ukrainische Seite Nowy Region von einem mysteriösen frischen Gräberfeld im südrussischen Rostow am Don. Am Rand des städtischen Nordfriedhofs seien dort zwischen Juni und September 2014 etwa 500 neue Grabstätten entstanden. Die Grabmale trügen keine Namen, sondern nur die kyrillischen Buchstabenkombinationen „НМ“ und „НЖ“, wohl als Abkürzung für die russische Entsprechung von „unbekannter Mann“ und „unbekannte Frau“. Zuvor hatte es Berichte gegeben, dass die Leichen von im Donbass getöteten russischen Soldaten nach Rostow gebracht würden. Die Millionenstadt liegt nur etwa 60 km von der ukrainischen Grenze entfernt. Nowy Region bezieht sich in seinem Bericht auf Meldungen aus den sozialen Netzwerken und führt als Beleg Fotos und Satellitenbilder des Gräberfelds an.

Quellen: NEWSru.ua, Nowy Region

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