St. Petersburg: Gericht verbietet Social-Media-Auftritt von LGBT-Aktivisten

St. Petersburg: Gericht verbietet Social-Media-Auftritt von LGBT-Aktivisten

Ein Gericht in Russlands nördlicher Metropole St. Petersburg hat verfügt, den Auftritt der LGBT-Rechtsgruppe „Deti-404“ im sozialen Netzwerk VK sperren zu lassen. Die Aktivisten von Deti-404 bieten Hilfe für minderjährige Angehörige sexueller Minderheiten an, die in der konservativen russischen Gesellschaft häufig isoliert und an den Rand gedrängt leben. Das Gericht befasste sich auf Initiative der „Jungen Garde“ (russ. „Molodaja gwardija“), der Jugendorganisation der Kreml-Partei „Einiges Russland“, mit der Sache. Die Junggardisten forderten, die Internetressourcen des Projekts wegen „homosexueller Propaganda“ sperren zu lassen.

Deti-404

„Ich will nicht unsichtbar sein!” – auf der Projekt-Website veröffentlichtes Foto
(Quelle: Wikimedia Commons / Iwan Simotschkin)

In dem Verfahren zeigte sich einmal mehr die Willkür, der Russlands Bürger gegenüber der Justiz allzu oft ausgesetzt sind. Als Vertreter von Deti-404 zum angesetzten Verhandlungstermin am 6. April vor Gericht erschienen, mussten sie feststellen, dass die Entscheidung längst gefallen war. So hatte das Gericht ihren Fall bereits am 25. März untersucht und der Forderung der Staatsanwalt nach Sperrung der beanstandeten Internetseite zugestimmt. Die Aktivisten hatte man nicht über die Vorverlegung des Termins informiert.

Das Gericht stützt sich in seiner Entscheidung auf die Expertise der Psychologin Lidija Matwejewa, die in den Aktivitäten der Gruppe „Elemente sowohl verdeckter als auch offener LGBT-Propaganda“ zu erkennen glaubt. Zwar hätten die Urheber des Internetauftritts „gute Absichten“, würden aber „inadäquate Mittel“ anwenden. Die 1976 an der Moskauer Lomonossow-Universität promovierte Matwejewa behauptet, bei der Beratung von LGBT-Menschen sei es „unabdingbar Mediziner und Psychotherapeuten hinzuzuziehen“. In der Veröffentlichung bestimmter Materialien auf den Internetseiten der Gruppe Deti-404 sei der Versuch erkennbar – so wörtlich – „Sünde zu legitimieren“. Dabei ist dieser Begriff nicht der einzige religiöse Bezug in der Expertise. In der Literaturliste ist Paulus‘ Römerbrief angegeben, der von konservativen Christen häufig als höchstinstanzliche Sanktionierung ihrer Homophobie ins Feld geführt wird. Das 90-seitige Werk enthält ferner – weiß der Henker zu welchem Zweck – eine Liste von „Synonymen für Homosexualität“, darunter nicht wenige negativ konnotierte Begriffe, so etwa „Kommaskulation“, „Päderastie“ oder „Sodomie“. Bei der Lektüre von Dr. Matwejewas Fazit kann einem aufgeklärten Menschen schon die Spucke wegbleiben:

Die ethischen Normen der russischen Gesellschaft gründen auf der christlichen Kultur, in der nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen als „Todsünde“ verurteilt werden. Gleichzeitig hat man sich in Russland gegenüber Krüppeln, Invaliden, kranken und elenden Menschen immer mit Anteilnahme und Mitgefühl verhalten, weil man sie für Opfer des Schicksals gehalten hat. Das heißt aber nicht, dass die pathologischen Formen sexueller Beziehungen mit dem normalen Typ der Beziehung zwischen Mann und Frau, deren Bestimmung in der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts liegt, gleichzustellen ist.

Auswahl_003

Logo des Projekts Deti-404
(Quelle: http://deti-404.com)

Glücklicherweise sind in Russland auch die Stimmen anderer Psychologen zu hören. So ist die Kinderpsychologin Oxana Sachnowskaja vom Nutzen solcher Gruppen wie Deti-404 überzeugt. Viele LGBT-Jugendliche hätten niemanden, an den sie sich mit ihren Fragen und Anliegen wenden könnten, deshalb sei jede Unterstützung wichtig. Außerdem sei der russische Staat hier in der Pflicht, der sich aber – so Sachnowskaja – „hinter geistig-moralischen Werten versteckt, anstatt eine Lösung für eine Vielzahl von Problemen zu suchen“.

Sobald der Gerichtsentscheid der russischen Medienaufsicht Roskomnadsor übermittelt wurde, könnte diese die Sperrung der Seiten im Netzwerk VK veranlassen. Roskomnadsor hatte bereits im Februar Seiten von Deti-404 auf eine Liste verbotener Ressourcen gesetzt. Nach der Löschung eines dort veröffentlichten und von den Behörden beanstandeten Briefs eines Jugendlichen wurde die Sperrung wieder aufgehoben. Im Januar hatte zudem ein russisches Gericht Jelena Klimowa, die Gründerin des Projekts, wegen „Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen unter Minderjährigen“ zu einer Geldstrafe verurteilt.

Quellen: fontanka.ru, Lena Klimowa / Facebook

Flattr this!