Abrechnung mit der Vergangenheit: Ukraine will sowjetische Ortsnamen von der Landkarte tilgen

Abrechnung mit der Vergangenheit: Ukraine will sowjetische Ortsnamen von der Landkarte tilgen

Am Donnerstag hat das ukrainische Parlament per Mehrheitsbeschluss ein Verbot der „Propaganda kommunistischer und nationalsozialistischer (nazistischer) totalitärer Regime“ beschlossen. Die öffentliche Verwendung kommunistischer und nazistischer Symbolik ist damit untersagt. Der Kommunistischen Partei der Ukraine, die bis zu den letzten Wahlen noch im Parlament vertreten war, droht ihr Ende. Besonders pikant auch: Das öffentliche Vortragen der sowjetischen Nationalhymne, die sich bekanntlich nur durch ihren Text von der heutigen russischen Hymne unterscheidet, wird ebenfalls unter Strafe gestellt. Gleiches gilt für das öffentliche Leugnen des verbrecherischen Charakters des Sowjetregimes einerseits und des Nationalsozialismus andererseits.

Lenin Denkmal Kiew

Sockel des Lenin-Denkmals in Kiew, Februar 2014
(Quelle: Wikimedia Commons / Amakuha)

Die Kämpfer der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), des militärischen Arms der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die während des Zweiten Weltkrieges – zeitweise an der Seite der Wehrmacht – gegen die Sowjetarmee gekämpft hatten, wurden dagegen von der Werchowna Rada als Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit anerkannt. Eine brisante Entscheidung, denn der UPA wird vorgeworfen, an der systematischen Ermordung von Juden beteiligt gewesen zu sein. Außerdem ist sie für zahlreiche Massaker an der polnischen Bevölkerung in der heutigen Westukraine verantwortlich, weshalb sie in Polen offiziell als verbrecherische Organisation gilt.

Das Gesetz sieht außerdem die Tilgung von Ortsnamen vor, die sich von Familiennamen oder Pseudonymen sowjetischer Politiker oder Ereignissen der Geschichte der KPdSU herleiten. Dies betrifft neben Orten von Städten und sonstigen Siedlungen auch die Namen von Straßen und Plätzen. Nach Inkrafttreten des Gesetzes durch seine Veröffentlichung bleibt eine Frist von neun Monaten zu seiner Umsetzung.

Grigori Petrowski 1937

Grigori Petrowski 1937

Die Umsetzung dieser Bestimmung würde die Landkarte der Ukraine merklich verändern, denn es wimmelt nur so von Toponymen aus der Sowjetzeit, die einen entsprechenden politischen Hintergrund haben. Darunter sind auch mehrere Großstädte:

Die Millionenstadt Dnipropetrowsk trägt ihren heutigen Namen seit 1926. Sie wurde noch zu dessen Lebzeiten zu Ehren des ukrainisch-russischen Revolutionärs Grigori Petrowski (1878-1958) benannt. Der erste Teil des Namens weist auf die Lage am Fluss Dnipro hin. Besonders brisant: Ausgerechnet Petrowski gilt heute in der Ukraine als einer der Initiatoren des sogenannten Holodomor. Jene menschengemachte Hungersnot in den Jahren 1932 und 1933, der Millionen Menschen zum Opfer fielen, wird in der Ukraine heute als Genozid am ukrainischen Volk betrachtet.

In der Zarenzeit hieß die Stadt Jekaterinoslaw, zu Ehren Zarin Katharinas, die maßgeblich die Erschließung der Gebiete der heutigen Ukraine vorangetrieben hatte. Für wenige Jahre (1797-1802) trug sie auch den Namen Noworossijsk, abgeleitet von Noworossija (Neurussland), der Bezeichnung, die damals für die Region nördlich des Schwarzen Meeres geprägt wurde und heute von den Separatisten in der Ostukraine verwendet wird. Exemplarisch zeigt sich hier eine besondere Problematik der Umbenennungspolitik: Eine Tilgung jener ungeliebten Namen, die an die einstige Zugehörigkeit der Ukraine zur Sowjetunion erinnern, fördert – wenn sie durch einfache Rückbenennung erfolgt – womöglich nicht weniger ungeliebte Toponyme zu Tage, die mit der Geschichte des Moskauer Zarenreichs verbunden sind.

Dniprodserschynsk: Dzierżyński-Platz mit Dzierżyński-Denkmal 2010

Dniprodserschynsk: Dzierżyński-Platz mit Dzierżyński-Denkmal 2010

Einer Umbenennung nach dem neuen Gesetz würde auch die Nachbarstadt Dniprodserschynsk unterliegen, deren Namensgeber nicht weniger unappetitlich erscheint: Der polnisch-russische Revolutionär Feliks Dzierżyński (1877-1926) gilt als Begründer des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes und maßgeblich verantwortlich für den sogenannten „Roten Terror“, der in den Anfangsjahren der Sowjetmacht die Vernichtung politischer Gegner zum Ziel hatte. Vor 1936 trug die Stadt mit heute etwa 250.000 Einwohnern den unverfänglichen Namen Kamenskoje.

Dzierżyński mit Stalin 1924

Dzierżyński mit Stalin 1924

Das unwesentlich kleinere Kirowohrad, im Zentrum des Landes gelegen, heißt seit 1939 nach dem fünf Jahre zuvor ermordeten russischen Kommunisten Sergei Kirow (1886-1934). Kirow galt als Gefolgsmann Stalins und dementsprechend als Vertreter einer harten Linie im Umgang mit politischen Gegnern. Die Hintergründe seines gewaltsamen Todes wurden nie ganz aufgeklärt. Die Tat jedoch wurde zum politischen Mord erklärt und diente als Vorwand und Startschuss für die folgenden „Säuberungen“ der 1930er Jahre, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen. Eines der prominenten Opfer war Kirows Parteigenosse Grigori Sinowjew (1883-1936), zu dessen Ehren die Stadt zuvor „Sinowjewsk“ geheißen hatte. Der zaristische Name der 1754 gegründeten Stadt war „Jelisawetgrad“, zu deutsch etwa „Katharinenstadt“.

Kirowohrad 2007: Kirow-Denkmal, das im Februar 2014 entfernt wurde
(Quelle: Wikimedia Commons / Serhij Klymenko)

Die 60.000 Einwohner zählende Stadt Illitschiwsk (russ. Iljitschowsk) entstand um einen der größten ukrainischen Schwarzmeerhäfen herum erst in den 1950er Jahren. Sie ist zu Ehren des sowjetischen Staatsgründers benannt: Ihr Name wurde vom Vatersnamen Lenins, Iljitsch, abgeleitet. Neben diesen prominenten Beispielen gibt es unzählige weitere Kleinstädte, Dörfer, Straßen und Plätze, auf die das Gesetz Anwendung finden könnte.

Ähnliche Gesetze zum Verbot kommunistischer Symbolik gibt es in den baltischen Staaten, in Polen und Tschechien. 25 Jahre nach der politischen Wende in Osteuropa zieht die Ukraine nun nach und sucht den endgültigen Bruch mit ihrer sowjetischen Vergangenheit. Angesichts der blutrünstigen Biographien einiger Namensgeber ukrainischer Städte, kann man sich wundern, dass es so lange gedauert hat.

Quelle: NEWSru.com 1, 2

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