Im Bildungssystem immer weniger präsent: Weißrussische Sprache droht auszusterben

Im Bildungssystem immer weniger präsent: Weißrussische Sprache droht auszusterben

Die Minsker Zeitung Nascha Niwa hat die Situation der weißrussischen Sprache im Bildungssystem der Republik Belarus untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig. Der Autor, der die Entwicklung in der Überschrift seines Artikels als „Russifizierung“ bezeichnet, kommt zu dem niederschmetternden Schluss: „Wenn sich eine solche Politik fortsetzt, könnte die weißrussische Sprache als erste der slawischen Sprachen außer Gebrauch kommen.“

Menschen mit der alten weiß-rot-weißen Flagge Weißrusslands

Symbol für die weißrussische Sprache – und für eine oppositionelle Haltung: die alte weiß-rot-weiße Landesflagge
(Quelle: flickr.com / belarusian)

In allen Bereichen des Bildungssystems ist demnach die Zahl der Kinder und jungen Erwachsenen, die in weißrussischer Sprache betreut und unterrichtet werden, seit 2010 gesunken, und zwar um etwa 43.000. In Prozenten ausgedrückt ist das ein Rückgang von 12,8 auf 10,5% aller Schüler und Studenten. Was auf den ersten Blick wie ein unbedeutendes Absinken auf niedrigem Niveau aussehen mag, erweist sich beim Blick auf die detaillierten Zahlen als fatale Entwicklung. So ist ein weißrussischsprachiges Fach- und Hochschulwesen faktisch nicht mehr existent.

Die Zahl der Fachschüler, die in weißrussischer Sprache lernen, sank seit 2010 von 1,9 auf 2014 nur noch marginale 0,2% oder in ganzen Zahlen: von 3200 auf 300 und damit ein Zehntel! Offiziell absolvieren zwar 41,1% der Hochschüler zweisprachige Studiengänge (also mit Unterricht in russischer und weißrussischer Sprache). In der Praxis jedoch bedeutet dies häufig, dass vielleicht eine Veranstaltung im Stundenplan in weißrussischer Sprache gehalten wird und der Rest in russischer Sprache.

Studierende die ausschließlich in der Nationalsprache unterrichtet werden, gibt es heute nur noch 300 bzw. 0,1%. 2010 waren es noch 1.700 oder 0,4%. Umso deprimierender wirken diese Zahlen, wenn man bedenkt, dass es sich bei jenen 300 fast ausschließlich um Studierende der Belarussistik (weißrussische Philologie) handelt. Das folgerichtige Fazit des Autoren: „die Hochschulbildung in weißrussischer Sprache ist praktisch abgeschafft.“

Bei Kindergärten und Schulen sieht es noch ein bisschen besser aus. Der Anteil der Kinder in weißrussischsprachigen Kindergärten liegt landesweit bei 10,5%. 2010 waren es 12,8. Bei den Schulen wurde ein Absinken von 19 auf 14,5% festgestellt. Dabei gibt es regionale Unterschiede. Die Hauptstadt Minsk erscheint als die Hochburg der russischen Sprache: Nur 3,8% der Kinder besuchten hier 2010 einen weißrussischsprachigen Kindergarten, 2014 waren es noch 3,2%. Bei den Schülern blieb es bei niedrigen 2,3%.

Absolventen der Weißrussischen Staatsuniversität in Minsk bei der Abschlussfeier

Kaum Unterricht in der Nationalsprache: Absolventen der Weißrussischen Staatsuniversität in Minsk
(Quelle: Wikimedia Commons / Sbmt)

Die Hochburg der weißrussischen Sprache bildet paradoxerweise das Umland der Hauptstadt. Im Minsker Gebiet besuchten 2010 noch 24,2% der Kinder einen weißrussischsprachigen Kindergarten, 2014 waren es 18,2%. Bei den Schülern waren es 2010 31,9% und 2014 noch 25,7%. Neben diesem Gefälle zwischen Hauptstadt und Umland, das vermutlich auch auf eine generelle Tendenz zwischen städtischem und ländlichem Weißrussland zurückzuführen ist, zeigt sich auch ein Ost-West-Gefälle. In den an Russland grenzenden östlichen Verwaltungsbezirken sind die Zahlen der weißrussischsprachigen Kindergartenkinder und Schüler naheliegenderweise niedriger als im Westen des Landes.

Weißrussische Intellektuelle fordern seit langem die Einrichtung einer Weißrussischen Nationaluniversität, an der auf Weißrussisch unterrichtet wird. Obwohl die Verfassung eigentlich die Gleichberechtigung der beiden Amtssprachen garantieren soll, sieht die Regierung nach wie vor keinen Handlungsbedarf. Der autoritär regierende Staatspräsident Alexander Lukaschenko wird häufig beschuldigt, die fortschreitende Russifizierung seines Landes bewusst voranzutreiben. Der Niedergang des Weißrussischen, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Renaissance erlebt hatte, begann mit seinem Amtsantritt 1994. Denn ein Jahr später ließ er das Volk in einem umstrittenen Referendum unter anderem darüber abstimmen, ob das Russische zur zweiten Amtssprache erhoben werden sollte. Nach offiziellen Angaben stimmten 83,3% dafür. Vor Lukaschenko, so Nascha Niwa, habe es „Zehntausende“ weißrussischsprachiger Fach- und Hochschüler gegeben – 20 Jahre nach seinem Amtsantritt sind es heute noch 600.

Quelle: Nascha Niwa

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