Russland: Vermehrte Todesfälle durch Gesundheitsreform und Wirtschaftskrise?

Russland: Vermehrte Todesfälle durch Gesundheitsreform und Wirtschaftskrise?

Laut neuester Verbraucherpreisstatistik der Moskauer Behörden sind Arzneimittel in Russland deutlich teurer geworden. In der ersten Jahreshälfte stiegen die Preise in diesem Warensegment, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum, um durchschnittlich 24,3% an.

Zudem wurde im Rahmen einer Reform der Rückzug des Staates aus der umfangreichen Subventionierung des Gesundheitswesens eingeleitet. Das Krankenkassensystem, das stattdessen die Finanzierung übernehmen soll, ist jedoch zu schwach, um die fehlenden Zahlungen des Staates voll ersetzen zu können. Infolgedessen werden zahlreiche Behandlungsleistungen, die früher kostenfrei waren, heute nur noch gegen Bares angeboten.

Endoskopeinsatz in einem Nowosibirsker Krankenhaus

Krankenhaus in Nowosibirsk
(Quelle: Wikimedia Commons / Windons)

Überhaupt gleichen die als „Reform“ bezeichneten Maßnahmen eher einem schlichten Kahlschlag. Der stark gefallene Ölpreis schlägt wohl auch hier zu Buche. Im vergangenen Jahr wurden zahlreiche medizinische Einrichtungen einer „Optimierung“ unterzogen. 29 Krankenhäuser und Polikliniken wurden dabei geschlossen, 41 weitere sollen bis Ende 2015 folgen. Tausende Beschäftigte im Gesundheitswesen wurden entlassen.

Die Teuerungen bei Medikamenten ebenso wie bei medizinischen Leistungen bleiben nicht ohne Wirkung. Eine Umfrage kam so zu dem Ergebnis, dass immer weniger Russen kostenpflichtige Behandlungen in Anspruch nehmen.

Dass die Sterblichkeit in Russland im ersten Quartal 2015 (verglichen mit dem Vorjahreszeitraum) um 5,2% angestiegen ist, passt da ins Gesamtbild. Von Januar bis März ließen 507.000 russische Staatsbürger ihr Leben – und damit 23.500 mehr als im ersten Quartal 2014. Das „Komitee der Bürgerinitiativen“ (KGI) unter Ex-Finanzminister Alexei Kudrin sieht einen direkten Zusammenhang zwischen diesen Zahlen und der Gesundheitsreform. Die Organisation hat dazu einen Expertenbericht veröffentlicht. Demnach sei die Sterblichkeit am stärksten in jenen Regionen angestiegen, in den denen besonders viele Einrichtungen geschlossen wurden.

Die Politik des Rückzugs aus der Fläche und der Konzentration der Mittel auf spezialisierte medizinische Zentren, die auf die Bedürfnisse einer kleinen Patientenzahl zugeschnitten seien, stehe im Widerspruch zum internationalen Trend, der auf Früherkennung und Prophylaxe in der Breite setze. Die Experten des KGI kommen schließlich zu dem erschreckenden Ergebnis, dass eine Fortsetzung dieser verfehlten Gesundheitspolitik innerhalb der nächsten drei Jahren zu 600.000 vermeidbaren Todesfällen in Russland führen könnte.

Staatschef Wladimir Putin indes macht in einer skurrilen Einlassung selbst aus dem bereits jetzt bekannt gewordenen Anstieg der Sterbezahlen eine Erfolgsmeldung: Durch die gestiegene Lebenserwartung sei der Anteil älterer Bürger nun einmal höher und natürlich würden „ältere Menschen sehr viel häufiger versterben als jüngere.“

Quelle: Nowy den, NEWSru.com

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