Kreml-Partei präsentiert „Hetero-Flagge“

Kreml-Partei präsentiert „Hetero-Flagge“

Am Donnerstag, dem russischen „Tag der Familie, Liebe und Treue“, fand im Moskauer Sokolniki-Park ein von der Kreml-Partei „Einiges Russland“ organisierter „Familien-Spaziergang“ unter dem Motto „Die echte Familie“ statt. Dabei wurde erstmalig eine von Parteimitgliedern entworfene „Hetero-Flagge“ (russ. „флаг натуралов“, wörtlich: „Flagge der Natürlichen“) präsentiert.

Hetero-Flagge

Die „Hetero-Flagge“, entworfen von Mitgliedern der Partei „Einiges Russland“
(Quelle: Einiges Russland – Regionalorganisation Moskau)

Die Flagge zeigt die Silhouetten einer Frau, eines Mannes und dreier Kinder, die sich an den Händen halten. Darunter ist der Hashtag „#EchteFamilie“ (russ. „#НастоящаяСемья“) zu lesen. Die drei Varianten der Flagge sind in den Farben der russischen Trikolore gehalten (rot auf weiß, weiß auf blau und weiß auf rot). Sie soll die Antwort auf die bekannte Regenbogenflagge der LGBT-Bewegung sein. Der stellvertretende Vorsitzende der Moskauer Unterorganisation von Einiges Russland, Alexei Lissowenko, sagte dazu gegenüber der Presse:

Das ist unsere Antwort auf die gleichgeschlechtlichen Ehen, diese Verhöhnung des Familienbegriffs. Wir müssen den schwulen Hitzköpfen bei uns im Land eine Warnung erteilen und die traditionellen Werte unterstützen.

Lissowenko brachte erst vor wenigen Tagen in der Staatsduma eine Gesetzesinitiative zum Verbot der Regenbogenflagge ein.

Schon die farbliche Gestaltung der Hetero-Flagge in Russlands Landesfarben weist indes darauf hin, dass es wohl weniger um Fragen der Lebensgestaltung, als vielmehr eine neuerliche Abgrenzung gegenüber dem Westen geht. Als Anlass für die Veranstaltung in Moskau wurde denn auch explizit die jüngste Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA genannt. Der Supreme Court erklärte am 26. Juni Verbote von gleichgeschlechtlichen Ehen als verfassungswidrig und sorgte damit praktisch für die landesweite Einführung der Homo-Ehe in den Vereinigten Staaten.

Die Moskauer Unterorganisation von Einiges Russland rief auf ihrer Internetseite zur Teilnahme am „Familien-Spaziergang“ auf. In der Annonce wird der Duma-Abgeordnete Nikolai Gontschar mit einer Einlassung zitiert, in der er das in Russland nicht selten anzutreffende Vorurteil von den USA als geschichts- und kulturloser Nation bemüht:

Traditionen und Kultur – seit Jahrhunderten wird Russland dafür gerühmt. Gerade die Bewahrung dieser Werte sichert unsere Einheit und gibt uns die Möglichkeit uns gegen von außen kommende Herausforderungen zu behaupten. Ausgehend von den jüngsten Ereignissen ist es im Großen und Ganzen nur logisch, dass in den USA gleichgeschlechtliche Ehen zugelassen wurden. Das ist ein junger Staat, noch ohne kulturelle Basis, und deshalb machen sie Fehler, in der Hoffnung, dass ihre populistischen Entscheidungen auf Zustimmung treffen. Sie realisieren gar nicht, dass das ein sinnloses Unterfangen ist. Währenddessen steht bei uns immer der Fortbestand der Menschheit im Mittelpunkt, das Aufziehen künftiger Generationen und im Endeffekt die Bewahrung der Nation und des nationalen Erbes.

ähnliche Flagge beim "Manif pour tous" am 13. Juni 2013 in Paris

„Le Manif pour tous“ am 13. Juni 2013 in Paris
(Quelle: Wikimedia Commons / Ycare)

Die russische „Hetero-Flagge“ wurde unterdessen von dem Blogger Rustem Adagamow als simples Plagiat entlarvt. Ein verblüffend ähnliches Symbol verwendet nämlich die französische Bewegung „Le Manif pour tous“ (dt. „Die Demo für alle“, angelehnt an das Schlagwort der „Ehe für alle“), die sich gegen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Frankreich im Mai 2013 wendet.

[UPDATE vom 9.7.2015 23:31 Uhr] PEINLICHES NACHSPIEL FÜR LISSOWENKO

Übel bloßgestellt: der Moskauer Lokalpolitiker Alexei Lissowenko
(Quelle: Echo Moskwy)

Auf die Ähnlichkeit angesprochen, erklärte Alexei Lissowenko gegenüber dem Radiosender RSN, man habe das Emblem mit dem Einverständnis der französischen Organisation übernommen und an die Verhältnisse in Russland angepasst. So zeige die „Hetero-Flagge“ drei Kinder statt zwei wie ihr französisches Vorbild, „weil kinderreiche Familien eine russische Tradition sind.“ Le Manif pour tous unterstütze außerdem die Idee des Moskauer „Familien-Spaziergangs“.

Dumm nur, dass die Franzosen Lissowenkos Erklärungen umgehend als falsch zurückwiesen. So teilte die Vorsitzende von Le Manif pour tous, Ludovin de la Rochère, gegenüber der Seite BuzzFeed News mit, die Russen hätten keineswegs um Erlaubnis gebeten, das Symbol verwenden zu dürfen. Und man sei auch nicht mit der Verwendung einverstanden. Denn zu den Prinzipien der Bewegung gehöre es, nicht mit politischen Parteien zusammenzuarbeiten. Außerdem sei man auch gegen die Art und Weise wie die Flagge verwendet wird: „Für uns ist es die Flagge der Kinderrechte“, so de la Rochère.

Quellen: Einiges Russland – Regionalorganisation Moskau, Iswestija, Obosrewatel.ua, SLON, BuzzFeed News

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