Ukraine: 877 Ortsnamen vor Änderung?

Ukraine: 877 Ortsnamen vor Änderung?

Die ukrainische Experten-Plattform Info-Light hat eine Ukraine-Karte der zukünftig unzulässigen Ortsnamen veröffentlicht. Die Werchowna Rada hatte bekanntlich im April per Gesetz unter anderem die Änderung der zahlreichen aus der Sowjetzeit stammenden Ortsnamen angeordnet.

Info light

Karte der ukrainischen Ortsnamen, die laut Gesetz der Änderung unterliegen
(Quelle: Info-Light)

Die Umbenennung soll bis spätestens November dieses Jahres erfolgen. Bis dahin haben die Kommunen auch Zeit Listen einzureichen mit den umzubenennenden Straßen und Plätzen samt Vorschlägen für neue Namen, sowie mit zu entfernenden Denkmälern. Wird diese Frist nicht eingehalten, kann die Zentralregierung in Kiew die nötigen Maßnahmen ohne Beteiligung der säumigen Kommune ergreifen.

Laut Info-Light müssen in der Ukraine (einschließlich der von Separatisten und russischen Truppen besetzt gehaltenen Gebiete) insgesamt 877 Ortsnamen geändert werden, darunter sind auch 28 Städtenamen.

Besonders viele Ortsnamen aus kommunistischer Zeit findet man im industriell geprägten Osten des Landes, Spitzenreiter sind die Regionen Donezk, Charkiw und Dnipropetrowsk. Am wenigsten Umbenennungen sind im äußersten Westen des Landes erforderlich. Da dieser Landesteil erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sowjetunion kam, trifft man hier auf besonders wenig sowjetische Toponyme.

Übersicht der 28 zu ändernden Städtenamen und ihrer bisherigen Namensgeber:

Namensgeber Ort Verwaltungseinheit
Fjodor Andrejewitsch Sergejew, genannt „Artjom“ (1883-1921), russisch-ukrainischer Revolutionär Artemiwsk Gebiet Donezk
Artemiwsk Gebiet Luhansk („Volksrepublik Lugansk“)
Artemowe Gebiet Donezk
Alexander Dmitrijewitsch Zjurupa (1870-1928), russischer Revolution und sowjetischer Wirtschaftspolitiker Zjurupynsk Gebiet Cherson
Felix Edmundowitsch Dserschinski (1877-1926), russisch-polnischer Revolutionär, Gründer der sowjetischen Geheimpolizei Dniprodserschynsk Gebiet Dnipropetrowsk
Dserschynsk Gebiet Donezk
Georgi Dimitrow (1882-1949), bulgarischer Kommunist und Staatschef Dymytrow Gebiet Donezk
Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924), sowjetischer Staatsgründer Illitschiwsk Gebiet Odessa
Uljanowka Gebiet Kirowohrad
Sergei Mironowitsch Kirow (1886-1934), sowjetischer Staats- und Parteifunktionär Kirowohrad Gebiet Kirowohrad
Kirowsk Gebiet Luhansk („VRL“)
Kirowske Gebiet Donezk („Volksrepublik Donezk“)
Der sowjetische Jugendverband Komsomol Komsomolsk Gebiet Poltawa
Komsomolske Gebiet Donezk („VRD“)
Grigori Iwanowitsch Kotowski (1881-1925), russisch-moldawischer Revolutionär und Kriegsheld Kotowsk Gebiet Odessa
Die Rote Armee, „die Roten“ Krasnoarmijsk Gebiet Donezk
Krasnoperekopsk Autonome Republik Krim („Republik Krim“)
Nikolai Iwanowitsch Kusnezow (1911-1944), sowjetischer Geheimagent und Partisan Kusnezowsk Gebiet Riwne
Grigori Konstantinowitsch Ordschonikidse (1886-1937), sowjetisch-georgischer Politiker, Verbündeter Stalins Ordschonikidse Gebiet Dnipropetrowsk
Grigori Iwanowitsch Petrowski (1878-1956), sowjetisch-ukrainischer Politiker, gilt als einer der Initiatoren des Holodomor Dnipropetrowsk Gebiet Dnipropetrowsk
Petrowske Gebiet Luhansk („VRL“)
Nikolai Alexandrowitsch Schtschors (1895-1919), russisch-ukrainischer Bürgerkriegsheld Schtschors Gebiet Tschernihiw
Alexei Grigorjewitsch Stachanow (1906-1977), Begründer der Stachanow-Bewegung, „Held der sozialistischen Arbeit“ Stachanow Gebiet Luhansk („VRL“)
Jakow Michailowitsch Swerdlow (1885-1919), russischer Revolutionär Swerdlowsk Gebiet Luhansk („VRL“)
Maurice Thorez (1900-1964), französischer Politiker, Generalsekretär der KPF Tores Gebiet Donezk („VRD“)
Angehörige der Pariser Kommune (frz. „Communards“) Junokomunariwsk Gebiet Donezk („VRD“)
Wassili Wassiljewitsch Wachruschew (1902-1947), sowjetischer Staats- und Parteifunktionär Wachruschewe Gebiet Luhansk („VRL“)
Andrei Alexandrowitsch Schdanow (1896-1948), sowjetischer Politiker, enger Mitarbeiter Stalins Schdaniwka Gebiet Donezk („VRD“)

Weitere Namensgeber bei zahlreichen kleineren Orten sind etwa der Revolutions-Monat Oktober (ukr. „Schowten“, häufig als „Schowtnewe“), die Sowjetunion an sich (ukr. „Radjanskyj sojus“, meist als „Radjanske“) oder der Bürgerkriegsheld Wassili Tschapajew (vornehmlich als „Tschapajewe“).

Dass zahlreiche der aufgeführten Städte nicht mehr unter Kontrolle der Kiewer Zentralregierung sind, muss deren Tatendrang übrigens nicht bremsen. Das zeigte sie erst im Mai diesen Jahres, als sie den größten Verkehrsflughafen der von Russland annektierten Krim in „Sultan-Amet-Chan-Flughafen Simferopol“ umbenannte. Sultan Amet-Chan (1920-1971), Sohn eines Dagestaners und einer Krimtatarin, war ein Fliegerass des Zweiten Weltkriegs. Die russische Krim-Regierung reagierte mit beißendem Spott, indem sie Kiew vorschlug, doch als nächstes den New Yorker Kennedy-Flughafen in „Stepan-Bandera-Flughafen“ umzubenennen.

Die anstehenden Namensänderungen dürften nicht ohne Konflikte vonstatten gehen. Naturgemäß sind nicht alle Bürger von dem neuen Gesetzes begeistert. Am meisten Aufsehen erregt die Diskussion um den Namen Dnipropetrowsks, der viertgrößten Stadt der Ukraine. Eine Umfrage ergab dort, dass 66% der Einwohner gegen die Umbenennung sind.

Natürlicher Gegner des Gesetzes zur „Dekommunisierung“ ist der Oppositionsblock, eine Partei die aus der Konkursmasse des Janukowytsch-Regimes hervorging. Ihr stellvertretender Fraktionschef Olexander Wilkul forderte, die Bürger der betroffenen Städte in Referenden selbst über die Umbenennung entscheiden zu lassen. Zugleich kritisierte er die horrenden Kosten, die die Namensänderungen verursachen würden und kündigte er an, gegen das Gesetz beim Verfassungsgericht klagen zu wollen.

Die Dnipropetrowsker Bürger wurden in der Umfrage auch gefragt, für welchen Namen sie sich entscheiden würden. 53% entschieden sich für „Dnipro“ bzw. russisch „Dnepr“, die Bezeichnung, die sie in der Umgangssprache schon seit Jahrzehnten für ihre Heimatstadt verwenden.

Quellen: Info-Light, NEWSru.ua, RIA Nowosti Ukraina; Bildquellennachweis: Wikimedia Commons / RIA Novosti (Felix Dserschinski); Bundesarchiv, Bild 102-00033A / CC-BY-SA (Lenin); RIA Novosti archive, image #463353 / Petr Malinovskiy / CC-BY-SA 3.0 (Komsomol); RIA Novosti archive, image #613474 / Alpert / CC-BY-SA 3.0 (Rote Armee)

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