Angst vor Einsatz in der Ukraine: Dutzende russische Soldaten desertiert

Angst vor Einsatz in der Ukraine: Dutzende russische Soldaten desertiert

Die russische Internetseite Gaseta.ru hatte heute Brisantes zu berichten: Mehrere Dutzend Soldaten hätten im Rostower Gebiet in Südrussland ihre Einheiten verlassen – aus Angst, in einen Kampfeinsatz in die Ukraine geschickt zu werden. Gegen die Soldaten wurden demnach Verfahren wegen unerlaubtem Entfernen (bzw. eigenmächtiger Abwesenheit) von der Truppe und Desertion eingeleitet. Bis zu zehn Jahre Haft sind bei diesen Straftatbeständen möglich.

Russische Soldaten

Russische Soldaten im Jahr 2000

Ort des Geschehens war der Truppenübungsplatz Kadamowski bei Nowotscherkassk, etwa 80 km von der Grenze zu den ukrainischen Separatistengebieten Donezk und Luhansk entfernt. Aus verschiedenen Landesteilen wurden Truppen hier zusammengezogen. Von hier aus wurden die Zeitsoldaten mehrfach in „Lastwagen“ an die Grenze gefahren zum Schutz von dort stationierten Artilleriemannschaften.

Übereinstimmend klagten viele über „unmenschliche“ Zustände vor Ort. So hätten sie auf auf dem Boden ausgebreiteten Decken schlafen müssen und sich selbst – auf eigene Kosten – um Feuerholz und Trinkwasser kümmern müssen. Einer berichtet, er habe sich dort eine Lungenentzündung zugezogen.

Zudem seien Agitatoren in Uniform, jedoch ohne Hoheitsabzeichen, gekommen und hätten sie bedrängt sich als „Freiwillige“ für den Einsatz in der Ostukraine zu melden. Es wurde ihnen ein Sold von 8.000 Rubeln (ca. 140 €) pro Tag zugesagt sowie der Veteranenstatus, der in Russland mit zahlreichen Vergünstigungen verbunden ist.

Erfahrenere Soldaten hätten die anderen gewarnt, nicht auf die Angebote einzugehen. Wenn ihnen in der Ukraine etwas zustoße – so hieß es – würde die Armee einfach behaupten, sie seien desertiert oder schon lange vor ihrem Auftauchen im Donbass entlassen worden. Letzteres hatte die russische Seite auch schon von jenen zwei Soldaten behauptet, die in der Ukraine in Gefangenschaft geraten und öffentlichkeitswirksam im Fernsehen präsentiert worden waren.

Zahlreiche Soldaten haben dem Bericht zufolge wegen der widrigen Umstände Entlassungsanträge gestellt. Als diese einfach ignoriert wurden, entschlossen sich im vergangenen Herbst Dutzende aus Angst vor einer zwangsweisen Verlegung in die Ukraine dazu, ihre Einheiten eigenmächtig zu verlassen.

In den nun laufenden Strafverfahren wird jedoch weder die Angst der Soldaten vor einer widerrechtlichen Abkommandierung ins Kriegsgebiet, noch das ebenso widerrechtliche Nichtbeachten der Entlassungsanträge berücksichtigt. Stattdessen heißt es lapidar, die Soldaten hätten die „Lasten udn Entbehrungen des Wehrdienstes nicht tragen wollen“.

Als Reaktion auf die entsprechend formulierte Anklageschrift schreibt der Soldat Pawel Tyntschenko an die Ermittlungsbehörden:

Ich wollte keinen verbrecherischen Befehl ausführen, weil ich nicht gegen den Eid verstoßen wollte, den ich abgelegt habe. Und ich wollte nicht an Kampfhandlungen auf dem Territorium der Ukraine teilnehmen. Ich bitte, die vorliegenden Anmerkungen in die Anklageschrift aufzunehmen.

Laut russischer Verfassung ist ein Auslandseinsatz russischer Soldaten nur bei Vorliegen eines entsprechenden Ukas des Präsidenten möglich. Ohne diesen machen sich „freiwillige“ Kämpfer rein formell der Straftatbestände Söldnertum und Teilnahme an illegalen bewaffneten Formationen schuldig.

Das russische Verteidigungsministerium behauptet trotz zahlreicher dem widersprechender Zeugnisse weiterhin, Berichte über einen Einsatz russischer Soldaten im Donbass seien „Lügen“ und „Gerüchte“ über die Anwerbung von Freiwilligen für den Krieg in der Ukraine „unglaubwürdig“.

Die Verfahren wegen unerlaubtem Entfernen und Desertion beträfen zudem nur vier Soldaten, die überdies schon wiederholt durch unerlaubtes Fernbleiben vom Dienst aufgefallen und entsprechend zur Verantwortung gezogen worden seien.

Die offiziellen Zahlen des zuständigen Garnisonsgerichts in Maikop (Republik Adygeja) sprechen indes eine gänzlich andere Sprache: Während es in den Jahren von 2010 bis 2014 insgesamt nur 35 Verfahren wegen unerlaubten Entfernens gab, waren es allein im laufenden Jahr schon 62 Anklagen.

Quellen: Gazeta.ru, NEWSru.com

 

 

 

 

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