Offene Worte: Russischer Nachrichtenmoderator rät zu Verzicht auf journalistische Standards

Offene Worte: Russischer Nachrichtenmoderator rät zu Verzicht auf journalistische Standards

Der russische TV-Journalist Ernest Mazkjawitschjus rät jungen Kollegen, auf internationale journalistische Standards zu verzichten. So äußerte er sich auf dem „Jugend-Bildungsforum Terra Scientia“, das am Ufer des Flusses Kljasma etwa 200 km östlich von Moskau stattfindet.

Er habe sich früher an internationale Standards gehalten, aber mit dem Beginn des „neuen kalten Krieges“ seien diese für ihn nicht mehr existent, sagte er vor etwa 1.000 jungen Berufskollegen und Studenten. Allen Ernstes sieht der 46-Jährige den Journalismus der stalinistischen Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges als richtungsweisend für die heutigen russischen Medien an:

Erinnern wir uns daran, wie der Journalismus im Jahr 1942 aussah: hat er damals beide Standpunkte wiedergegeben, hat er der einen und der anderen Seite das Wort erteilt?

Der heutige Journalismus müsse als „Mobilisierungsjournalismus“ verstanden werden, mit dem man „sich im Zustand des Informationskrieges verteidigen kann.“ Die Notwendigkeit sich zu verteidigen müsse zum wichtigsten „Berufsreflex“ werden.

Zuerst müssen wir uns wehren, die Regierung auf ihre Fehler hinweisen werden wir später.

Die Vorstellung allerdings, dass der Sender Rossija, für den Mazkjawitschjus die Nachrichtensendung „Westi“ präsentiert, sich vor Ausbruch des Ukraine-Konflikts irgendeiner ernstzunehmenden Regierungskritik gewidmet hätte, ist völlig absurd.

Mazkjawitschjus

Ernest Mazkjawitschjus, Moderator der Nachrichtensendung „Westi“

Ernest Mazkjawitschjus stammt gebürtig aus der litauischen Hauptstadt Vilnius (litauische Namensform: Ernestas Mackevičius), wo er 1968 als Sohn eines Theaterregisseurs geboren wurde. Mazkjawitschjus wurde in letzter Zeit von Journalistenkollegen wie Sergei Parchomenko bezichtigt, den Krieg im Osten der Ukraine propagandistisch anzuheizen und zu unterstützen. Dabei stand er nicht immer so klar auf Seiten der Staatsmacht. 2001, nach Übernahme des zuvor unabhängigen Fernsehsenders NTW durch den vom Kreml kontrollierten Gasprom-Konzern, wechselte er zusammen mit einer Gruppe Kollegen um den bekannten TV-Journalisten Jewgeni Kisseljow zum Sender TW-6. Nach der Schließung auch dieses letzten Horts des unabhängigen Fernsehjournalismus in Russland ging Mazkjawitschjus im Februar 2002 zum Kanal „Rossija“ und steht seither in Diensten der staatlichen Propagandamaschinerie.

Quelle: Kommersant

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