Hauptgebäude der Moskauer Universität

Soviet Science: russische Wissenschaftler müssen Publikationen vom FSB genehmigen lassen

Es klingt wie ein schlechter Scherz: Wie das Online-Wissenschaftsjournal nature berichtet, werden russische Wissenschaftler dazu angehalten, ihre Forschungsergebnisse dem Inlandsgeheimdienst FSB vorzulegen, bevor sie diese der Öffentlichkeit zugänglich machen.

nature beruft sich dabei auf ein Sitzungsprotokoll aus dem Institut für physisch-chemische Biologie der Moskauer Lomonossow-Universität (MGU). Darin heißt es:

Vergessen Sie nicht, dass Wissenschaftler nach den geltenden Regeln verpflichtet sind, für die Veröffentlichung eines jeden Artikels, für Auftritte auf Konferenzen oder Präsentationen eine Genehmigung einzuholen.

Dies gelte sowohl für Veröffentlichungen in Russland als auch im Ausland. Während der Institutsdirektor Wladimir Skulatschew jeden Kommentar zu dem Thema ablehnte, fand sein Kollege Michail Gelfand, Professor der Fakultät für Bioengineering und Bioinformatik, deutliche Worte über die Regelung:

Das ist eine Rückkehr in sowjetische Zeiten, als wir, um eine Arbeit an eine ausländische Zeitschrift schicken zu dürfen, eine Genehmigung einholen mussten, die besagte, dass die Forschungsergebnisse nicht neu und nicht wichtig waren und folglich im Ausland veröffentlicht werden konnten.

Hauptgebäude der Moskauer Universität

Spitze des Moskauer Universitätsgebäudes

Wie Wjatscheslaw Schuper, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Geographie der Russischen Akademie der Wissenschaften, berichtet, gelten ähnliche Regeln auch in anderen wissenschaftlichen Einrichtungen Russlands. In einem Beitrag für die Zeitschrift „Troizki wariant“, der den vielsagenden Titel „Die Rückkehr des Polizeistaats“ trägt, erinnert Schuper daran, dass solche Regelungen der vorherigen Prüfung zu veröffentlichender Artikel auch in der Sowjetunion galten.

Er sieht darin ein Mittel, dessen Zweck über den Schutz wissenschaftlicher Forschungsergebnisse weit hinausgeht. Schließlich müsse ein Wissenschaftler, der auf die Genehmigung einer Publikation oder eines Vortrags wartet, abwägen, ob er z. B. an einer Demonstration teilnimmt oder wie er sich in der Öffentlichkeit äußert.

Es werden Organisationsstrukturen vorbereitet und ein psychologisches Klima geschaffen, wie sie für die Wiederherstellung einer Zensur in großem Maßstab benötigt werden.

fürchtet der Geograph. Dass derartige Restriktionen für den Erfolg der russischen Wissenschaft förderlich sind, darf bezweifelt werden. Dabei steht es um die Forschung im größten Flächenland der Welt ohnehin nicht zum Besten. Eine Studie des Medienkonzerns Thomson Reuters ergab vor zwei Jahren, dass gerade die Zahl der Publikationen russischer (bzw. sowjetischer) Wissenschaftler seit Anfang der 1980er Jahre praktisch auf dem gleichen Niveau verharrt, während andere Nationen bei diesem Indikator vor allem in den letzten Jahren ein rasantes Wachstum zu verzeichnen hatten.

Quellen: NEWSru.com, Troizki wariant, nature

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