Gestrandet im Transitbereich: Russland verweigert syrischen Flüchtlingen Asyl

Gestrandet im Transitbereich: Russland verweigert syrischen Flüchtlingen Asyl

Die russische Zeitung Nowaja gaseta berichtete in ihrer Ausgabe vom Dienstag über eine sechsköpfige syrische Flüchtlingsfamilie, die mittlerweile seit über 40 Tagen im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo festsitzt.

Die Familie des aus Afrina im Südwesten Syriens stammenden Hassan Abdo Ahmed und seiner kasachischstämmigen Frau Gulistan hatte zuletzt im irakischen Erbil gelebt. Da der Islamische Staat immer weiter an die Stadt heranrückte, entschloss sich die Familie in Russland, wo Gulistans Schwester lebt, Asyl zu beantragen.

Flughafen Scheremetjewo

Transitzone am Flughafen Scheremetjewo
(Quelle: Wikimedia Commons / Lvova)

Für die Reise nach Moskau hatten sie sich sogar bei einem russischen Konsulat im Irak Visa besorgt, die ihnen ohne Probleme gewährt wurden. Als sie am 10. September auf dem Flughafen Scheremetjewo landeten und den Grenzbeamten ihre Absicht, Asyl zu beantragen, mitteilten, erklärten diese die Pässe kurzerhand für Fälschungen.

Seitdem sitzt die sechsköpfige Familie, deren kleinstes Kind gerade einmal drei Jahre alt ist, im Transitbereich fest. Damit nicht genug, drohte den Eltern wegen angeblich „illegalen Grenzübertritts“ die Inhaftierung, die nur gegen Zahlung einer Kaution von 50.000 Rubeln abgewendet werden konnte.

Um für ein Interview in den Transitbereich zu gelangen, musste die Autorin Jekaterina Fomina, die den Beitrag gemeinsam mit ihrer Kollegin Irina Gordijenko verfasst hat, eigens ein Flugticket kaufen.

Die Flüchtlinge harren dort in einem früher als Raucherbereich genutzten Raum aus, der nur durch Glaswände abgetrennt ist. Sie schlafen auf Luftmatratzen, haben keine Möglichkeit zu duschen, essen zuzubereiten oder eine Waschmaschine zu benutzen. Medizinische Hilfe wird nur bei akuter Lebensgefahr gewährt.

Wie die Bürgerrechtsorganisation „Graschdanskoje sodejstwije“ den Journalistinnen mitteilte, wurde das russische Amt für Migration von den Grenzbeamten lange Zeit nicht über das Asylbegehren der Familie informiert, sodass sie zunächst keinen offiziellen Antrag stellen konnte.

Am 14. Oktober wurde schließlich der Antrag abgelehnt. Es besteht die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Jedoch ist von den zuständigen Beamten zu hören, dass die Erfolgsaussichten gleich null seien. Der Anwalt der Familie will nun notfalls den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte einschalten, der in solchen Fällen kurzfristig bei den Behörden des jeweiligen Landes intervenieren kann.

Darüber, wie sie das Verhalten ihres Staates in diesem Fall beurteilen, lassen Fomina und Gordijenko keinen Zweifel. In einer Randnotiz des Artikels heißt es: „Im 146 Millionen Einwohner zählenden Russland verfügen heute gerade einmal 816 Menschen über den Flüchtlingsstatus. … Aus Syrien sind gerade einmal drei der offiziell anerkannten Flüchtlinge, aus dem Irak einer.“ „Vorübergehendes Asyl“ genießen in Russland dagegen gut 314.000 Menschen, größtenteils vermutlich Ukrainer.

Außerdem weisen die Journalistinnen darauf hin, dass ein Staat gemäß Artikel 31 der Genfer Flüchtlingskonvention Flüchtlinge nicht wegen illegalen Grenzübertritts belangen darf.

Die hartherzige Haltung, die hier an den Tag gelegt wird, unterscheidet sich nicht wesentlich von der vieler anderer europäischer, insbesondere osteuropäischer Staaten. In der Einleitung zu dem Artikel heißt es jedoch: „Durch sein Eingreifen in den Syrienkrieg nimmt auch Russland Verantwortung für die Bürger Syriens auf sich, die vor den Bomben fliehen. Wladimir Putin und Außenminister Sergei Lawrow erklären dabei doch fortwährend, dass ‚wir dem syrischen Volk helfen müssen‘.“

Quelle: Nowaja gaseta Nr. 42 vom 21. Oktober 2015, S. 2-3

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